Bachs Hohe Messe in der Industriekathedrale

Das Collegium Vocale Gent mit J. S. Bachs Messe in h-Moll bei den Ruhrfestspielen Foto: Pedro Malinowski

Das Collegium Vocale Gent mit J. S. Bachs Messe in h-Moll bei den Ruhrfestspielen Foto: Pedro Malinowski

Philippe Herreweghe und sein Collegium Vocale Gent zeigen sich einmal mehr im Rahmen der Ruhrtriennale als perfekt eingespieltes Ensemble. Bei spätsommerlicher Hitze begeistern sie das Publikum in der Jahrhunderthalle mit ihrer Interpretation von Johann Sebastian Bachs Messe in h-Moll.

von ANTONIA RUMPF

Bachs Messe in h-Moll ist eines der bedeutendsten Werke des Barockkomponisten. Bach arbeitete über fünfzehn Jahre lang daran: Der erste Hauptteil aus Kyrie und Gloria entstand schon 1733, endgültig fertiggestellt war die Messe erst 1749. Bis in das Jahr vor seinem Tod fügte der Komponist neugeschriebene Teile in das weitgehend auf bereits vorhandenen und überarbeiteten Stücken beruhende Werk ein. Anders als bei anderen Kompositionen hatte er keinen Zeitplan zu befolgen und konnte sich darauf konzentrieren, die theologischen Aussagen des Messetextes musikalisch umzusetzen – als lutherischer Kantor, der zumindest den ersten Hauptteil der Messe für den katholischen Dresdener Hof schrieb, keine unkomplizierte Aufgabe. Dass Bach sie dennoch meisterlich erfüllt hat, zeigt die enorme musikgeschichtliche Wirkung der Messe in h-Moll.

Bewegte Entstehungsgeschichte, bewegliche Interpretation

Die Ernsthaftigkeit, mit der Bach an seiner Messe über Jahre hinweg gearbeitet haben muss, wird auch in der Aufführung durch das Collegium Vocale Gent unter der Leitung von Philippe Herreweghe im Rahmen der Ruhrtriennale erlebbar: Die seit Jahren aufeinander eingespielten Musizierenden folgen dem wie gewohnt eher minimalistischen, aber stets präsenten und verinnerlichten Dirigat Herreweghes problemlos, präzise und äußerst beweglich. In puncto Intonation bleiben weder im Chor noch im natürlich auf historischen Instrumenten spielenden Orchester Wünsche offen. Auch in sich ist die kleine Besetzung klanglich optimal ausgewogen. Aus dem Orchester fallen in ihren großen Soli vor allem Patrick Beuckels am Traverso, Marcel Ponseele an der Oboe d’amore und die Konzertmeisterin Christine Busch durch Klangschönheit und sehr gute Abstimmung mit den Gesangspartien auf. Ageet Zweistra am Cello, Miriam Shalinsky am Violone und Lorenzo Feder am Orgelpositiv bilden über den gesamten Abend ein stabiles, aber niemals eintöniges Basso-continuo-Fundament, während die Trompeter Alain De Rudder, Serge Rigaumont und Steven Verhaert, der Hornist Bart Cypers sowie die Paukistin Peppie Wiersma strahlende und prägnante Akzente setzen.

Auch die Gesangssoli sind überzeugend: Die Sopranistinnen Hannah Morrison und Margot Oitzinger präsentieren klare Stimmen und musikalischen Ausdruck. Auch die männlichen Solisten – der Countertenor Alex Potter, der Tenor Thomas Hobbs und der Bass Peter Kooij, dem die zweite Bassarie etwas besser in der Stimme zu liegen schien – stehen ihnen in keiner Weise nach und gestalten ihre Arien intensiv und authentisch. Wie es höchstwahrscheinlich auch zu Bachs Zeiten üblich war, singen alle fünf neben ihren Soli auch die vollständigen Chorstimmen mit. Im gesamten Chor fällt neben der vorzüglichen Intonation auch eine außergewöhnlich gute Textverständlichkeit auf.

Das Collegium Vocale Gent mit J. S. Bachs Messe in h-Moll bei den Ruhrfestspielen Foto: Pedro Malinowski

Das Collegium Vocale Gent mit J. S. Bachs Messe in h-Moll bei den Ruhrfestspielen Foto: Pedro Malinowski

Kleines Ensemble im großen Raum

Gäbe es an diesem auf höchstem Niveau musizierten Abend etwas auszusetzen, wäre es nur das Verhältnis der Anzahl der Musizierenden zum Raum. Auch wenn die geringe Größe des Ensembles (18 im Chor, 24 im Orchester) natürlich erheblich zu dem organischen Klang beiträgt, der die vielen intimen und konzentrierten Momente ermöglicht, hätte man sich an manchen Tuttistellen vielleicht ein klein wenig mehr „Biss“ und Extrovertiertheit gewünscht, um den Raum vollständig zu füllen. Vielleicht handelt es sich hier aber auch um eine Grundfrage der Aufführungspraxis für geistliche Werke: Auch wenn gerade die h-Moll-Messe allein durch ihre Länge von über zwei Stunden den Rahmen einer gottesdienstlichen Aufführung sprengt, könnte man die Frage stellen, ob ein so großer Raum wie die Jahrhunderthalle wirklich eine gute Wahl für ein so delikat und kammermusikalisch spielendes und singendes Ensemble ist oder ob ein kleinerer Konzert- oder vielleicht auch Kirchenraum nicht angemessener wäre, um die musikalische Expertise aller Beteiligten bestmöglich zur Geltung zu bringen. Andererseits wäre natürlich entsprechend weniger Publikum in den Genuss dieser Aufführung gekommen – und da es angesichts der großen Nachfrage schon eine Aufführung mehr als ursprünglich geplant gibt, scheint die Wahl des Aufführungsortes also durchaus gerechtfertigt.

So ist dieses einzige kleine Manko auch nicht in der Lage, den Gesamteindruck dieser insgesamt vorzüglichen Interpretation zu trüben, der man sowohl die Ernsthaftigkeit aller Beteiligten als auch ihre Freude an der Musik anmerken kann. Vielleicht hätte man sich eine etwas längere Pause nach dem abschließenden Dona nobis pacem gewünscht – aber der unmittelbar einsetzende und lang anhaltende Applaus samt stehenden Ovationen ist nichtsdestoweniger absolut verdient.

 

Informationen zur Produktion

 

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2 Gedanken zu „Bachs Hohe Messe in der Industriekathedrale

  1. Zu bemerken wäre noch die absolute Lockerheit und Natürlichkeit des Musizierens. Selbst die schwierigsten Stellen wirkten unangestrengt und klar. Die völlige Durchsichtigkeit aller Stimmen auch in den kompliziertesten Passagen – vgl. z. B. Fuge „Cum sancto spiritu“ – bei gleichzeitiger Homogenität des Ensembleklanges ist kaum zu übertreffen. Der Chor klingt weich wie Samt. Das Orchester – insbesondere die Streicher – spielten sich die Töne gegenseitig zu: Die Kommunikation innerhalb des Ensembles ist nur vorbildlich zu nennen. Die fehlende Pause nach dem „Dona nobis pacem“ wurde durch einen unsensiblen Konzertbesucher verursacht, der unweit neben mir in der ersten Reihe saß. Offensichtlich wollte er der erste sein, der applaudiert. Falls der gemeinte Konzertbesucher dies hier liest: Lassen Sie das in Zukunft bitte und nehmen Sie wahr, dass Stille zur Musik gehört. Herreweghe hat diese angespannte Stille nach Ende des „Dona nobis pacem“ ganz bewusst gehalten – nur Sie mussten dies durch Ihren Applaus zerstören. Bitte lassen Sie das in Zukunft!

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