Die Entdeckung der Zähigkeit

"Die Dinge, die vorübergehen" bei der Ruhrtriennale Foto: Jan Versweyveld

„Die Dinge, die vorübergehen“ bei der Ruhrtriennale Foto: Jan Versweyveld

Schon letztes Jahr war bei der Ruhrtriennale die Bühnenfassung eines Romans von Louis Couperus zu bestaunen. Die Dinge, die vorübergehen setzt diese Reihe fort – Spielort ist dieses Mal die Maschinenhalle der Zeche Zweckel in Gladbeck. Hier zeichnen Ivo van Hove und die Toneelgroep Amsterdam das schwarz gekleidete Bild eines morbiden Naturalismus. Langatmigkeit scheint erwünscht.

von HELGE KREISKÖTHER

Durch Louis Couperus’ 1906 publizierten Generationenroman Van oude menschen, de dingen, die voorbij gaan (Von alten Menschen, den Dingen, die vorübergehen) zieht sich eine Art Erbsünde: Grootmama Ottilie hat vor 60 Jahren in Niederländisch-Indien (heute: Indonesien) ihren Gatten umgebracht. Alle Verwandten und Vertrauten, die darum wissen, schweigen, weil es die nun mehr 97-Jährige so will. Dennoch scheint sich die Tat, einem neuzeitlichen Tantalidenfluch gleich, bis in die dritte Generation zu rächen, denn fast alle Familienmitglieder werden von ihrer Lebensunfähigkeit geplagt: Sie spüren das langsame Verrinnen der Zeit und haben Angst vor der Unausweichlichkeit des Todes, verleugnen entweder ihre Sinnlichkeit oder zelebrieren sie bis zur Perversion. Eine zentrale Figur ist etwa Lot, Sohn von Mama Ottilie: Als Schriftsteller reduziert er die Bedeutung der Kunst auf Amüsement, reflektiert über die eigene Glücksunfähigkeit und heiratet dennoch Elly, um sich weniger einsam zu fühlen. Ihre Hochzeitsreise scheint die Schatten der Vergangenheit zu verdrängen, Verfall und Selbstmitleid lassen jedoch nicht lange auf sich warten, zerstören die junge Ehe und entzünden pessimistische Visionen.

Literaturgeschichtlich fühlt man sich durch Die Dinge, die vorübergehen unweigerlich an Zola oder die Buddenbrooks erinnert: Missetaten und selbstzerstörerische Veranlagungen scheinen einer ganzen Familie in die Wiege gelegt. Trotz vereinzelter, mitunter leidenschaftlicher Versuche des Aufklärens und des Ausbruchs aus dem Dilemma erweist sich das Schweigen als übermächtig: Utopien können gar nicht erst Fuß fassen.

"Die Dinge, die vorübergehen" bei der Ruhrtriennale Foto: Jan Versweyveld

„Die Dinge, die vorübergehen“ bei der Ruhrtriennale Foto: Jan Versweyveld

Alles in schwarz

Das Spielgelände in der Maschinenhalle der Zeche Zweckel ist immens und geht schätzungsweise 20 Meter in die Tiefe. Ivo van Hove und Jan Versweyveld (Bühne und Licht) umringen sie mit großen Spiegelflächen, auf denen links und rechts mit feuchter Erde gezeichnete Gesichter zu erkennen sind, die an Totenköpfe oder Munchs Schrei erinnern. Außerdem sind zahlreiche schwarze Stühle aufgereiht, sodass der Eindruck eines schlichten, beinahe minimalistischen Krönungssaals entsteht, der seinen Glanz über die Jahrzehnte längst eingebüßt hat. Einige kontinuierlich tickende Pendeluhren vermitteln ein zusätzliches Vanitas-Gefühl; sie werden „bedient“ und durch instrumentale Klangflächen von Harry de Wit ergänzt.

Indes steht und fällt an diesem Abend alles mit dem Ensemble, welches ungeachtet unsinniger Kreis- und Regenschirm-„Choreographien“ (Koen Augustijnen), die an Schultheateraufführungen erinnern, absolut geschlossen und niemals gekünstelt agiert. Ungezwungener kann man einen solchen Text beileibe nicht artikulieren, geschweige denn ihn mit noch mehr Leben füllen. Frieda Pittoors als dominante Grootmama, die sich nicht mehr von ihrem Stuhl erheben kann und von zunehmend qualvollen Erscheinungen heimgesucht wird, Hans Kesting als seit dem 13. Lebensjahr traumatisierter Harold und Abke Haring als einzig lebensfrohe Frauenfigur Elly verdienen besondere Hervorhebung. Letztere kreiert mit Lot alias Aus Greidanus jr. den einzigen unbeschwerten Moment des Abends: Auf ihrer Hochzeitsreise in Nizza schmieren sie sich, splitterfasernackt, mit Sprühsahne ein und stopfen sich die Münder mit Erdbeeren und Champagner voll. Später herabfallender schwarzer „Schnee“ und ein finales Nebelmeer setzen zwei weitere visuelle Akzente, die nicht unbedingt einfallsreich und sehr symbolisch sind, aber gleichwohl ihre Wirkung tun.

Das Verhängnis der Übertitel

Dass man es über zweieinhalb Stunden mit durch und durch morbiden Figuren zu tun hat, die sich entweder altersbedingt nicht mehr gegen ihr Schicksal auflehnen können oder es aus charakterlicher Schwäche nicht wollen, ist eher dem Stoff als der Inszenierung anzulasten und bleibt vielleicht auch eine Geschmacksfrage. Passagen, in denen Wehmütigkeiten über unwiederbringliche Schönheit wiederholt werden oder man sich zum mehrfachen Male gegenseitig das hohe Alter gewisser Beteiligter mitteilt, lassen aber, wenn nicht am Repertoirewert, dann zumindest an der redundanten Konzeption der Bühnenfassung (Koen Tachelet) zweifeln. Zu überflüssigen Dramaturgie-Sätzen wie „Sie haucht ihren letzten Atem aus“, „Sie ist tot“ oder „Das Ding ist vorübergegangen“ soll an dieser Stelle jeder weitere Kommentar erspart bleiben.

Den gesamten Übersetzungstext der niederländischen Produktion unentwegt mitlesen zu müssen, erweist sich als zusätzlicher Kraftakt für den Zuschauer. Die Handlung bleibt im Wesentlichen zwar auch durch das rein Szenische nachvollziehbar, doch sollte Schauspiel nicht, wie die Oper, Übertitel zum Standard werden lassen. Wer die Reise nach Gladbeck antritt (die Ruhrtriennale stellt ab Essen Hauptbahnhof eigens einen Shuttlebus zur Verfügung), sollte nicht nur die Entdeckung der Langsamkeit, sondern der Zähigkeit zelebrieren. Sich einem derartig vorhersehbar-ausweglosen Plot zu stellen, erfordert – gerade in der statischen Machart Ivo van Hoves – ein hohes Maß an Belastbarkeit. Der Kontrast zur cineastischen, regen(tanz)überfluteten Vorjahresinszenierung könnte größer kaum sein. Umso überraschender erscheinen die stehenden Ovationen des Premierenpublikums.

 

Informationen zur Inszenierung
 
Nächste Vorstellungen:
Samstag, der 17. September
Sonntag, der 18. September
Freitag, der 23. September
Samstag, der 24. September

 

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