Muttertier Medea

"Medea.Matrix" bei der Ruhrtriennale Foto: Ju/Ruhrtriennale

„Medea.Matrix“ bei der Ruhrtriennale Foto: Ju/Ruhrtriennale

Im Rahmen der Ruhrtriennale bringen die Regisseurin Susanne Kennedy und der Installationskünstler Markus Selg den Medea-Mythos auf die Bühne der Gebläsehalle des Landschaftsparks Duisburg-Nord. Wie schon Christoph Schlingensief in seiner Kirche der Angst vor dem Fremden in mir nutzen Kennedy und Selg den Raum als Industriekathedrale und hinterfragen in Medea.Matrix die Rolle der Frau als Gebärende und Mutter.

von ANNIKA MEYER

Schon im letzten Jahr bearbeitete Susanne Kennedy in Orfeo einen bekannten Mythos – den des Sängers Orpheus oder vielmehr seiner Geliebten Eurydike – und benutzte deren Geschichte, um den Zuschauer wortwörtlich durch eine Unterwelt aus Plastikästhetik und Alltagsrastlosigkeit wandern zu lassen. Auch dieses Jahr wird man erst einmal durch einen Parcours geschickt. Begleitet von rhythmischen Trommeln, Schellen und unterschwelligem, fast kultischem Gesang folgt man auf der Bühne einem Weg, der gerahmt ist mit Kornähren. Hier und da stehen und sitzen Statistinnen, die mit schwarzen Perücken und volkstümlichen, mit Renaissance-Frauenakten bedruckten Schürzen (Kostüme: Lotte Goos) emotionslos aus ihren Masken herausstarren, während sie Eier und Blätter in Plastikschüsseln sortieren oder eine verstümmelte Babypuppe im Arm halten. Währenddessen liegt die Medea des Abends, gespielt von der über die Theaterbühnen hinaus bekannten Birgit Minichmayr, auf einem bemalten und beleuchteten dreidimensionalen Trapez, einem Altaropfer gleich. Leinwände und Monitore zeigen verschiedene Bilder von Natur und Animalischem: Ein Bienenschwarm, ein Hyänenrudel und Wälder sorgen nicht nur für visuelle Eindrücke, sondern auch für eine weitere Klangkulisse. Den gesamten Abend wird man – nun im Zuschauerraum sitzend – mit verschiedensten Videos (Markus Selg und Rodrik Biersteker), Animationen, Geräuschen (Sounddesign: Richard Janssen), vor allem aber Textfragmenten unterschiedlichster Herkunft überflutet.

Zwischen Mythos und Moderne

Die klassische Medea eines Euripides’ oder Grillparzers wird in Korinth von ihrem Gatten Jason verlassen, da dieser die dortige Königstochter heiraten will, woraufhin Medea aus Rache die Nebenbuhlerin sowie ihre eigenen Kinder tötet. Eine solche Medea ist in Duisburg nicht zu sehen. Vielmehr fungiert die Sage um Medea als Folie für eine Tableaufolge, die zeigt, welche vielfältig-widersprüchlichen ‚Funktionen‘ die Frau auch in der Neuzeit schlichtweg zu ‚erfüllen‘ hat: Medea ist  Mutter, wird aber auch Mörderin, ist Magierin und Fremde, Verführerin und Betrogene. Viele Aussagen über die Frau und ihr angeblich unbändiges Verlangen nach Mutterschaft treffen hier aufeinander. Schon Euripides zeigte einen fast feministischen Ansatz: „Wollt ich dreimal lieber doch in Schlachten stehen, als gebären einmal nur!“, hört man Medea im Laufe des Abends immer wieder sagen. Doch auch Nietzsche, Horkheimer und Adorno, Sartre oder die Bibel werden von Minichmayr, dem Statistinnenchor und verzerrten technischen Stimmen zitiert und verdeutlichen, welche Rolle Frauen in der Gesellschaft immer wieder zugeschrieben werden. Medea, die als Mutter erst Leben schafft und dann Leben zerstört, ist dabei auch auf den Menschen per se zu übertragen: Videos von Kampfjets führen vor, wie der Mensch, der selbst im Labor Leben erzeugen kann, auch „Zerstörer der Welten“ – wie Oppenheimer und Minichmayrs Medea die Bhagavad Gita zitieren – ist. Leider wird dieser allgemeinere Topos nicht weiter aufgegriffen, stattdessen verdeutlichen auf Band gesprochene Foreneinträge, wie Frauen auch heute noch unter ihrer Regelblutung, während der Schwangerschaft, aber auch unter dem untreuen Mann zu leiden haben – „oh weh“, kann Medea da nur sagen, und der elektronisch verzerrte Chor stimmt ihr kanonisch zu.

"Medea.Matrix" bei der Ruhrtriennale Foto: Ju/Ruhrtriennale

„Medea.Matrix“ bei der Ruhrtriennale Foto: Ju/Ruhrtriennale

Überreizter Text- und Bilderrausch der Ambivalenzen

So eindringlich die philosophischen, katholischen und antiken Schriftzeugnisse der weiblichen Bürde auch sind, so überfordert ist man zum Teil mit ihrer Präsentation. Zusätzlich zur mündlichen Wiedergabe werden Zitate auch auf die vielen Leinwände projiziert, die daneben verschiedenste Videos und Animationen, u. a. von einer sich selbst verzehrenden Schlange, einem tanzenden Avatar im Bikini und Reliefs z. B. von Maria mit dem Jesuskind, zeigen. Dahinter stecken viele kluge Gedanken und Botschaften; Zeit zur Reflektion oder gar die Möglichkeit, alles aufzunehmen, fehlt jedoch. Trotzdem spiegelt schon der Aufführungsort an sich die Ambivalenz der Frau und der ausgewählten Texte wider: Die Videos werden zudem in die steinernen Fensternischen der Gebläsehalle projiziert, als würde Fensterglas einen Blick nach draußen ermöglichen – Industriekultur mit Sakralgeist. Als ähnliches Zeichen scheint die Keilschrift, die auf manche Leinwände geworfen wird, als Kontrast zur lateinischen Schrift der Zitate zu stehen.

Insgesamt erschaffen Kennedy und Selg viele kluge und bewusst provokante Bilder zur Weiblichkeit und der aufgezwängten (Mutter-)Rolle in der Gesellschaft. Ob sich Medea in Medea.Matrix davon befreien kann, ist fraglich – zwar strahlt Birgit Minichmayr, die eine Stunde lang fast stoisch starr auf dem Altar steht und vor allem ihre Stimme wirken lässt, eine gewisse Kraft und gelassene Gleichgültigkeit aus, doch der Kindermord als fragwürdiger Befreiungsakt oder gar ein alternativer Emanzipationsweg wird nicht aufgezeigt. Genauso unkonventionell wie diese Medea für den konservativen Theatergänger scheint, endet auch diese „Geburt der Tragödie“, wie es auf einer der Leinwände steht: Medea und der Chor sind abgegangen, nicht enden wollende Glockenschläge und Waldesrauschen geleiten den verunsicherten Zuschauer aus dem Raum und verwehren ihm bzw. dem Regieteam und Minichmayr den verdienten Applaus. Oh weh.

 

Informationen zur Inszenierung
 
Nächste Vorstellungen:
Freitag, den 23. September
Samstag, den 24. September

 

 

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