Was ist faul im Staate?

"Hamlet" am Schauspiel Köln Foto: David Baltzer

„Hamlet“ am Schauspiel Köln Foto: David Baltzer

Zur Eröffnung der neuen Spielzeit bringt der Kölner Intendant Stefan Bachmann Shakespeares Hamlet auf die Bühne des Depot 1. Der gewichtige Stoff um den prominentesten Zweifler der Theatergeschichte gäbe Anlass zu vielerlei kontroversen, zeitgemäßen Deutungen – an diesem Abend wird er jedoch bloß zu einem traurigen Abbild ideenlosen Stadttheaters.

von HELGE KREISKÖTHER

Shakespeares Tragedy of Hamlet, Prince of Denmark entstand um das Jahr 1600 und markiert die theatrale Schnittstelle zur Frühen Neuzeit. Der Titelheld schafft es vor lauter Selbstreflexion nicht, sich an Onkel und Mutter für den Mord am königlichen Vater zu rächen. Stattdessen versetzt er den gesamten Hofstaat in Hysterie und verschmäht die ihm treu ergebene Ophelia, welche sich schließlich das Leben nimmt. Am Ende sind so gut wie alle tot. Dazwischen entfaltet Shakespeare einen sprachlichen Kosmos rund um Seinsfragen, porträtiert verschiedenste Gesellschaftsschichten im Angesicht ihrer Vergänglichkeit und lässt die Grenzen zwischen Weitsicht und Wahnsinn verschwimmen. Vor allem im deutschsprachigen Raum mit seiner Vorliebe zum Grüblerisch-Intellektuellen wurde das Drama, das weniger äußere Handlung aufweist als  etwa Macbeth, zu einem seiner populärsten Stücke. Zahllose Übersetzungen, Fortführungstexte und Filmfassungen ergänzen weltweit die enorme Dichte an Theaterinszenierungen (im Ruhrgebiet war Hamlet zuletzt in Bochum, Dortmund und Oberhausen zu sehen).

Bis heute ist die „klassische“ Hamlet-Übersetzung von August Wilhelm Schlegel die geläufigste. In Köln entschied man sich gegen sie und für die Übertragung Heiner Müllers, die – nicht zu verwechseln mit seiner Hamletmaschine, die Ende der 1970er zeitgleich entstand vergleichsweise originalgetreu, weil leichtfüßig und ungestelzt daherkommt. Sie an der einen oder anderen Stelle aufzubrechen oder mit Fremdtext-Einschüben zu versehen, hätte der Inszenierung aus später noch angeführten Gründen womöglich aber nicht geschadet.

Bunte Kostüme in einem Universum aus Nichts

Als sich zu Anfang der lilafarbene Vorhang öffnet, gibt er den Blick auf eine große, ebene Holzfläche samt Drehbühne frei. Dahinter befindet sich ein noch höherer, kinoartiger Vorhang in Bordeauxrot, aus dem die Schauspieler im Laufe des Abends immer wieder hervorlugen und -treten. Von einem Bühnenbild (Olaf Altmann) kann also kaum die Rede sein – Requisiten werden überhaupt nicht verwendet. Ein bewusster Minimalismus, der nur von den farbenfrohen Kostümen (Birgit Bungum) aufgebrochen wird. Mal wuchtige, mal gedämpfte Orgelmusik, die eigens für die Inszenierung in einer Kirche aus dem 13. Jahrhundert eingespielt wurde (Musik: Sven Kaiser), dient von Beginn an als leitmotivischer Soundtrack in dieser Welt. Durch ihn verbreitet sich ein Hauch von Gruselkabinett, unterstützt durch das grünlich von hinten hervorschimmernde Licht (Beleuchtung: Jürgen Kapitein) und den als erstes auftretenden Geist von Hamlets Vater. Jörg Ratjen mimt ihn – äußerlich eine Mischung aus Elvis und Max Moor – mit meisterhaft versackter Stimmfarbe. Ähnlich genial gestaltet Bruno Cathomas den Claudius abstoßend perfide aus.

"Hamlet" am Schauspiel Köln Foto: David Baltzer

„Hamlet“ am Schauspiel Köln Foto: David Baltzer

Auch Hauptakteur Peter Miklusz legt sich darstellerisch großartig ins Zeug und präsentiert einen neurotisch überspannten Prinzen, der die anderen zum Narren hält. Sein Erscheinungsbild samt weißgeschminkter Stirn und rot umrandeten Augen erinnert allerdings mehr an einen Nosferatu-Verschnitt als an einen durchgeistigten, unberechenbaren Thronfolger. So scheint Hamlet in Bachmanns Interpretation von der ersten Minute an auf eine „spooky insanity“ getrimmt und wird nicht etwa durch seine heuchlerische Umwelt allmählich in die Umnachtung gestürzt, was dem Zuschauer das Mitfühlen wesentlich erleichtern würde. Der Rest des Kölner Ensembles agiert souverän, vermag sein Potenzial angesichts einer derartig mutlos „nacherzählten“ Tragödienfassung aber kaum zu entfalten. So beeindruckend Lou Zöllkau etwa die Ophelia stoßweise zum Leben erweckt, so schablonenhaft und artifiziell bleibt auch diese Rolle – äußerlich zusätzlich gefangen in ihrem drögen Internatsoutfit.

Eine Plage mit dem Text

Im 21. Jahrhundert hat man es freilich nicht leicht, dem Hamlet neue Facetten abzugewinnen: Bis hin zu Cyber- und Skinhead-Milieus scheint das deutsche Regietheater bereits alles erdenkliche auf Shakespeares Text projiziert und an ihm ausprobiert zu haben. Gleichwohl sollte es doch möglich sein, immerhin etwas Ungewohntes, Neuartiges aufzuzeigen. Andernfalls bleibt zurecht die Frage: Warum Hamlet?

Viele Episoden geraten Stefan Bachmann schlichtweg zu lang, vor allem die berühmte Spiel-im-Spiel-Szene. Diese muss nicht zwangsläufig, wie bei Jan Klata in Bochum, in eine avantgardistische Schlammschlacht ausarten; antike Monologe wiederholen zu lassen, ohne dem heutigen Zuschauer irgendwelche weiteren Hinweise auf die medientheoretische Relevanz mitzugeben, scheint jedoch einfallslos. So hat man Shakespeare wohl im 19. Jahrhundert aufgeführt. Nette Gags wie das Doublen sämtlicher Darsteller oder das Fechten mit nur akustisch wahrnehmbaren Waffen (Kampfchoreografie: Annette Bauer) bleiben alleinstehend. Im Grunde werden über den gesamten, gut dreistündigen Abend chronologisch Episoden „abgehandelt“: Auf dem Parkettboden hört man zwar all die berühmten Monologe und Dialoge, es fehlt aber jedwede existentialistische Notwendigkeit – von irgendeinem Zeitbezug ganz zu schweigen. Wie zum Trotz gegen die eigene Ideenlosigkeit in der Regieführung lässt Bachmann die Schauspieler dann auch noch karikiert lachen oder sterben. Obwohl die Inszenierung also die Unzulänglichkeit ausgetretener Pfade erkennt, indem sie z. B. dusselige Melancholie verweigert, wartet man vergebens auf einen innovativen Zuschnitt, dramaturgische Reduzierung oder Verdichtung. Auch bzw. gerade im Umgang mit Klassikern könnte ein Stadttheater mit einem so wandlungsfähigen Ensemble um einiges fantasievoller sein, denn während der genannte Minimalismus bei Geschichten aus dem Wiener Wald (ebenfalls ein Regiewerk Bachmanns) noch wunderbar aufging und berückende Momente geschaffen hat, erweist er sich im Falle Hamlets als blutleer.

 

Informationen zur Inszenierung
 
Nächste Vorstellungen:
Sonntag, der 2. Oktober
Dienstag, der 4. Oktober
Freitag, der 7. Oktober

 

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