Düsteres Porträt einer stürmischen Seele

Verdis "Otello" an der Düsseldorfer Oper am Rhein Foto: Hans Jörg Michel

Verdis „Otello“ an der Düsseldorfer Oper am Rhein Foto: Hans Jörg Michel

In der Düsseldorfer Oper am Rhein wurde die Theatersaison nun mit Otello von Giuseppe Verdi eröffnet. Regisseur Michael Thalheimer widmet sich gänzlich Verdis Interpretation der Shakespeare-Vorlage und zeigt einen in sich Getriebenen, der – ästhetisch toll aufbereitet – an der eigenen Eifersucht zugrunde geht.

von ANNIKA MEYER

Zusammen mit dem Librettisten Arrigo Boito setzte Giuseppe Verdi mit der Bearbeitung von Shakespeares The Tragœdy of Othello, the Moore of Venice 1887 einen letzten großen Meilenstein in seiner Karriere und reformierte die klassische Operndramaturgie. So entfernte er sich mit Otello z. B. von der bis dahin noch klassischen Nummernoper und integrierte Ensemblenummern vollständig in die dramatische und musikalische Handlung, was eine größere dramatische Kontinuität als zuvor auf der Bühne gewährleistete. Die wohl größte Änderung zur Vorlage ist die Streichung des ersten Akts, der noch in Venedig spielt. Damit entfällt ein wichtiges Motiv für die schnell einsetzende Eifersucht Othellos: Othello, der dunkelhäutige Feldherr, ist rassistischen Anfeindungen ausgesetzt und muss seinen Wert als Mensch stets aufs Neue durch Heldentaten beweisen. Seine Frau Desdemona verteidigt ihre Liebe vor dem Senat und ihrem Vater und bestärkt damit die Treue zum Gatten.

Verdi und Boito lassen die Oper direkt auf Zypern beginnen, wo Otello dem Sturm auf hoher See trotzt, als Held die Insel erreicht und dennoch anfällig ist für die Intrigen seines Untergebenen Jago, der ihm die Untreue Desdemonas mit seinem Hauptmann Cassio einredet. Dass Otello schwarz ist, wird zwar nur an wenigen Stellen im Text erwähnt, spielt jedoch hier keine entscheidende Rolle mehr; eher geht es um die Disposition der Eifersucht in Otello und um die psychologische Wirkung der Musik, die auf anderer Ebene erheblich zu seinem Misstrauen beiträgt.

Große Gesten und gewaltige Stimmen

Auch Michael Thalheimer zeigt nun das psychologische Porträt Otellos und lässt die gesamte Handlung auf einer mit Vierecken ausgekleideten schwarzen Schaukastenbühne (Bühne: Henrik Ahr) spielen – die Deutung als Spielraum von Otellos düsteren Gedanken bietet sich geradezu an. Otello (Zoran Todorovich) ist plakativ eine schwarze Maske aufgemalt, doch die Farbe dient hier als Symbol der Abgrenzung aus der Gesellschaft per se und als ironisches Statement zum Blackfacing.

Fortwährend präsentiert Todorovich seinen Otello als gebrochenen und rastlosen Menschen: Schon während des Sturms (in seinem Inneren?) hält er sich den Kopf, immer wieder verkrampfen seine Hände und er läuft unruhig tastend an den Wänden seines eigenen emotionalen Gefängnisses entlang. Die etwas zu theatralen Gesten sind – wie auch beim Rest des Ensembles – wohl den Konventionen des Opernmetiers geschuldet und werden durch die bis auf wenige Töne gelungene gesangliche Darstellung der schwierigen Titelpartie wettgemacht. Der Bariton Boris Statsenko zeigt einen fabelhaften Jago: Er kann sowohl gesanglich und mimisch schmeicheln als auch wie ein hektischer Nosferatu über die Bühne huschen. Damit ist er letztlich weitaus mehr als Otellos Alter ego – in Thalheimers Kosmos ist er ein Teil Otellos, das Abgründige in jedem Menschen. Nicht nur sein wuchtiges Credo beweist dies, auch die kluge Idee, dass Jago, schon der Intrigen überführt, Otello den Dolch zum Selbstmord reicht: Otellos eigener Wahn bringt ihn letztendlich ins Grab. Gesanglich übertrumpft Jacquelyn Wagner als Otellos Gemahlin Desdemona aber noch die anderen Solisten. Mal klar, mal sanft, mal kraftvoll lässt sie die einst so devote Desdemona musikalisch über Otello dominieren und provoziert nach ihrem meisterhaft dargelegtem, jedoch etwas langatmig inszenierten Gebet vor ihrer Ermordung sogar Szenenapplaus – eine nett gemeinte Unsitte, die sich ein Opernpublikum bitte abgewöhnen sollte, stört es doch die fließenden musikalischen Übergänge und das dramatische Geschehen.

Verdis "Otello" an der Düsseldorfer Oper am Rhein Foto: Hans Jörg Michel

Verdis „Otello“ an der Düsseldorfer Oper am Rhein Foto: Hans Jörg Michel

Otello nicht nur was fürs Ohr

Nicht nur die Solisten überzeugen in der Rheinoper: Generalmusikdirektor Axel Kober leitet die gut aufgelegten Düsseldorfer Symphoniker sehr schwungvoll und trägt mit seinem oft mutig drängenden Dirigat maßgeblich zum dramatischen Tempo und zur musikalischen Deutung der Geschehnisse bei. Der Chor (Leitung: Gerhard Michalski) zeigt sich gewohnt stimmgewaltig – als schwarz kostümierte und sorgfältig durchchoreografierte Masse bereichert er außerdem die runde Ästhetik des Abends. Denn schwarz ist nicht gleich trist – auch wenn sowohl der Raum als auch sämtliche Kostüme (Michaela Barth) schwarz sind, so gibt doch das monochrome Spiel mit der Farbe viele optische Genüsse preis. Durch die kluge und wunderbare Lichtregie (Stefan Bolliger) lassen Blitze schon zu Beginn die verschiedenen Facetten der Bühne erkennen, später ist ein Quadrat aus der Decke entfernt und offenbart sanftes Licht, das die Darsteller perfekt in Szene setzt. Markante Schatten und schlichte, fast unauffällige Symbole an der Wand bieten eine weitere Deutungsebene des Bühnengeschehens. Henrik Ahrs Bühne ist außerdem nicht nur schön anzusehen, sondern auch praktisch: Viele Vierecke bieten Desdemona einen madonnengleichen und überhöhten Auftritt, fungieren unauffällig als Auf- und Abgänge und gewährleisten damit einen flüssigen Handlungsablauf. Und auch das Einlassen von Licht im Moment von Otellos Selbstmord, indem die Wände für wenige Augenblicke auseinandergerissen werden, ist so schön wie clever: Sein negativer Gedankenraum zerbricht, er erkennt seine Taten und die Folgen seiner Eifersucht. Ein Besuch in Düsseldorf ist also absolut empfehlenswert – trotz oder wegen aller Schwarzmalerei auf der Bühne.

 

Informationen zur Inszenierung
 
Nächste Vorstellungen:
Donnerstag, der 13. Oktober
Sonntag, der 16. Oktober
Mittwoch, der 19. Oktober

 

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