Boulevard der Dämmerung in teilweise unvorteilhaftem Licht

"Sunset Boulevard" am Opernhaus Dortmund Foto: Thomas Jauk

„Sunset Boulevard“ am Opernhaus Dortmund Foto: Thomas Jauk

Die Oper Dortmund setzt ihre erfolgreiche Musical-Serie fort. Nach Jesus Christ Superstar und Next To Normal gibt es nun Andrew Lloyd Webbers Sunset Boulevard auf dem Spielplan. Nachdem man sich auch in den vergangenen Jahren große Namen der Musical-Welt holte, ist es den Dortmundern in dieser Spielzeit gelungen, den aktuell wahrscheinlich größten Namen des deutschsprachigen Musicals zu engagieren. Pia Douwes enttäuscht ihre Fans in Gil Mehmerts Inszenierung sicher nicht. Doch ob sie neue dazugewinnen wird, ist schwer zu sagen.

von STEFAN KLEIN

Irgendwann, Anfang der 1990er Jahre, saß Andrew Lloyd Webber an seinem Klavier und dachte: „Ich sollte aus Billy Wilders Filmklassiker Sunset Boulevard (1950) ein Musical basteln!“ Er nahm also Melodien, die er eh schon in der Schublade hatte (und zum Teil in seinem großen Erfolg Das Phantom der Oper (1986) schon verwendete), komponierte rezitativartige Mono- und Dialoge, ließ sie jazzig orchestrieren und bat Don Black und Christopher Hampton, die Texte zu schreiben. Was dabei herauskam, ist momentan in der Oper Dortmund zu bewundern.

Joe Gillis (Oliver Arno) ist Drehbuchautor in Hollywood. Wir schreiben das Jahr 1950 und die großen Filmstudios haben die Stadt gänzlich in der Hand. So wie Joe wollen auch unzählige andere ihr Glück in Kalifornien suchen, was es ihm nicht unbedingt leichter macht, seine Skripte zu verkaufen. Als er wieder einmal vor Schuldeneintreibern fliehen muss, landet der attraktive Autor durch Zufall in der heruntergekommenen Villa des ehemaligen Stummfilmstars Norma Desmond (Pia Douwes). Weitere Zufälle führen dazu, dass Joe letztlich in der Villa bleibt und unter den strengen Augen der Diva und den noch strengeren Augen ihres Butlers Max (Ks. Hannes Brock) ein von Desmond selbst verfasstes und als ihr großes Comeback geplantes Drehbuch überarbeitet. Welche Auswirkungen dieser unverhoffte Fulltime-Job sowohl auf sein berufliches als auch sein privates Leben haben wird, kann Joe am Anfang seines Ausfluges zum Sunset Boulevard noch nicht erahnen.

Der Transfer von Draußen nach Drinnen

Gil Mehmert inszenierte Webbers Sunset Boulevard ursprünglich für die Bad Hersfelder Festspiele 2011. Die atemberaubende Kulisse der Bad Hersfelder Stifts-Ruine bot einen einzigartigen Rahmen. Die zerfallenen Gemäuer standen hier parallel zum verblassenden Ruhm der großen Stummfilmdiva Norma Desmond, und da es unter freiem Himmel stattfand, konnte man sogar zum „Silvesterabend“ im Stück ein echtes Feuerwerk abfeuern.

Diese charmante Kulisse fehlt der Bühne der Dortmunder Oper natürlich. Während man Bühnenelemente wie eine Showtreppe, einen angeschrägten und multifunktionalen Bühnenboden sowie mehretagige drehbare Türme einfach mit nach Dortmund brachte, kam Bühnenbildnerin Heike Meixner die undankbare Aufgabe zu, die durch die nicht vorhandene Ruine entstandenen Lücken zu füllen. Sie entschied sich für schwarze Wände (die mittels vereinzelter weißer Streifen einen Marmorlook bekommen sollten) sowie eine Rückwand mit einer großen Fensterfront. Während die Fenster mit ihren vereinzelt blinden Scheiben noch stimmungsvoll sind, verfehlen die „Marmorwände“ ihr Ziel völlig. Anstatt die Bühne in eine Villa zu verwandeln, wirken sie eher bemüht und wenig authentisch.

Mit Gil Mehmert holen sich die Dortmunder einen der momentan erfolgreichsten Musical-Regisseure Deutschlands (zurück) ins Haus. Schon 2013 inszenierte er in der Dortmunder Oper Andrew Lloyd Webbers Jesus Christ Superstar mit DSDS-Alumni Alexander Klaws in der Titelrolle. Doch auch abseits der Stadttheater ist Mehmert aktiv. In Hamburg inszenierte er für die Stage Entertainment die Welturaufführung von Das Wunder von Bern (2014). Bei Sunset Boulevard werden die Stärken Mehmerts deutlich. Seine Personenregie ist nah an den Figuren und kleine Einfälle, wie die Umsetzung einer Autoverfolgungsjagd im ersten Akt, sind wirklich innovativ. Neben seiner Tätigkeit als Regisseur ist Gil Mehmert seit 2003 als Professor im Studiengang Musical der Folkwang Akademie der Künste in Essen tätig. Damit ist vielleicht seine eindeutige Liebe zum jungen Ensemble zu erklären. Mehmert schafft es, auch der kleinsten Ensemble-Rolle ihren Moment zum Strahlen zu geben. Doch schafft er es damit, dem nun fast 25 Jahre alten Sunset Boulevard in Dortmund etwas ganz Neues zu geben? Nicht unbedingt.

Aus Kostengründen ist es inzwischen fast üblich, dass Musicals kaum noch mit großer Orchesterbesetzung gespielt werden. In Dortmund ist es nun anders und Zuhörer kommen in den Genuss, zum ersten Mal in Deutschland Sunset Boulevard in einer Fassung für volles Orchester zu hören. Jedenfalls in der Theorie. Wie auch bei Musicals üblich, werden sowohl die Sänger als auch die Instrumentalisten über Lautsprecher verstärkt. Durch diese genrebedingte Technisierung hätte sich die Oper Dortmund das Geld für zusätzliche Musiker sparen können. Wird ein Orchester verstärkt, wirkt jeder noch so gut aufspielende Musiker wie aus der Konserve. Das ist ein Jammer, erahnt man doch die Spielfreude der unter der Leitung Ingo Martin Stadtmüllers hervorragend swingenden Dortmunder Philharmoniker.

"Sunset Boulevard" am Opernhaus Dortmund Foto: Thomas Jauk

„Sunset Boulevard“ am Opernhaus Dortmund Foto: Thomas Jauk

Douwes ist Douwes ist Douwes

Wenn nun also die Regie zwar nette Ideen präsentiert, jedoch nicht den großen „Wow“-Effekt bietet und auch die groß angekündigte Orchester-Fassung eher blass bleibt, sollte die Besetzung der ausschlaggebende Punkt für den Kartenkauf sein. Das dachten sich sicher auch die Verantwortlichen der Dortmunder Oper und kauften mit Pia Douwes eine der beliebtesten Musicaldarstellerinnen unserer Zeit ein. Eine ähnlich große Fangemeinde hatte sicher nur Angelika Milster zu ihren besten Cats-Zeiten.

Die von weit her anreisenden Fans werden sicher auch nicht enttäuscht. Pia Douwes spielt, wie Pia Douwes spielt, und Pia Douwes singt, wie Pia Douwes singt. Mit großen Gesten und ausdrucksstarker Mimik ist sie der Mittelpunkt einer jeden Szene und nimmt die gesamte Bühne ein. Nach 2,5 Stunden Sunset Boulevard hat man jedoch etwas zu viel Pia Douwes gehabt. Vor allem ihr sehr spezieller Gesang, der jedes Wort Norma Desmonds leidend klingen lässt, ist für ungeübte Douwes-Hörer manchmal nur schwer zu ertragen. Ihre Fans wird all dies aber mit Sicherheit nicht stören.

Anders sieht es bei Oliver Arno aus. Er ist als Joe Gillis fast durchgehend auf der Bühne und man sieht und hört sich nur schwer an ihm satt. Es ist absolut nachvollziehbar, was Norma an diesem Joe findet. Der attraktive Österreicher gibt Joe den nötigen Charme und überzeugt auch im längsten Rezitativ. Er gibt den immer wiederkehrenden Melodien durch sein Spiel die nötige Abwechslung, um von der mitunter aufkommenden Eintönigkeit der Musik abzulenken.

Unbedingt hervorzuheben ist auch Kammersänger Hannes Brock. Seine Interpretation des Butlers Max ist herzzerreißend und man kauft ihm seine hingebungsvolle Verbundenheit zu seiner Arbeitgeberin in jedem Moment ab. Warum er dabei allerdings so aussehen muss wie aus der Addams-Family entsprungen, weiß wohl nur Heike Meixner, die neben der Bühne auch für die Kostüme verantwortlich ist.

Theaterabend vs. Sofaabend

Am Ende sollte sich jeder selbst überlegen, ob er ein Ticket kauft oder nicht. Die Pia-Douwes-Fangemeinde wird scharenweise nach Dortmund reisen, dort einen wunderbaren Musical-Abend verbringen und nebenbei noch in den Genuss von Oliver Arnos Joe-Interpretation kommen. Allen anderen reicht es vielleicht auch, sich einen gemütlichen Abend auf dem heimischen Sofa zu machen. Hier schaut man sich erst Billy Wilders Film an und legt anschließend die 1994er CD-Aufnahme aus Los Angeles in den CD-Spieler. Auf dieser Aufnahme interpretiert die über jede Kritik erhabene Glenn Close die Hauptpartie mit einer Hingabe, dass man sich ins Theater wünscht. Nach Los Angeles. 1994.

 

Informationen zur Inszenierung
 
 
Nächste Vorstellungen:
 
Sonntag, der 23. Oktober
Freitag, der 28. Oktober
Sonntag, der 30. Oktober

 

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