Das ist noch nicht das Ende

cover_can-duendar_lebenslang-fuer-die-wahrheitVoll von unglaublicher Besonnenheit und ansteckendem Optimismus strotzen die Tagebuchaufzeichnungen von Can Dündar. Umso unfassbarer ist das, wenn man bedenkt, wo diese entstanden sind: im Gefängnis.

von ESRA CANPALAT

Für Journalist*innen ist es mehr als eine glückliche Fügung, wenn man auf eine heiße Spur stößt, eine Story, die nicht nur die Karriere voranbringt, sondern auch das Ziel von gutem Journalismus markiert: über bedeutende, entscheidende Dinge zu berichten, die Menschen aufzuklären und damit überhaupt Öffentlichkeit herzustellen. In der Türkei müssen Journalist*innen es sich dreimal überlegen, ob sie eine bestimmte Information veröffentlichen möchten oder nicht. Nicht nur seit dem gescheiterten Putsch am 15. Juli dieses Jahres und den darauffolgenden „Säuberungsaktionen“ des Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan müssen Medienschaffende, die nicht regierungskonform agieren, mit Repressionen und Verhaftungen rechnen. Die Medienhäuser, der sogenannte „Pool“, wurden von regierungstreuen Unternehmer*innen aufgekauft, jede Kritik an der AKP und Erdoğan wird somit im Keim erstickt. Nur die Cumhuriyet, eine der ältesten und renommiertesten Zeitungen des Landes, hat sich ihre Unabhängigkeit bewahren können. Can Dündar, bis vor kurzem noch Chefredakteur, erwog ebenfalls lange, ob er die von ihm recherchierte, schockierende Information publik machen soll: ein Video, das beweist, dass der türkische Geheimdienst heimlich Waffen an extremistische Gruppen lieferte. Nach einer langen Beratung mit der Redaktion und einer Riege von Anwälten und der Aufklärung über alle Eventualitäten beschloss er letztendlich: Wir bringen die Story. Dies war nicht nur eine klare Ansage an die autoritäre AKP-Regierung, sondern entwickelte sich zu einem erbitterten Kampf für Presse- und Meinungsfreiheit.

Die alten Freunde Stift und Papier

Von dieser Entscheidung und der darauffolgenden Verhaftung handeln Dündars Gefängnisaufzeichnungen Lebenslang für die Wahrheit. Dündar und sein Kollege Erdem Gül werden unmittelbar nach der Veröffentlichung des Artikels im Mai 2015 vom türkischen Staatspräsidenten höchstpersönlich wegen Spionage angeklagt – ein inzwischen allen, die das Weltgeschehen aufmerksam beobachten, bekannter Anklagepunkt: Edward Snowden und Chelsea Manning sind berühmte Beispiele für Whistleblowing geworden. Anders als bei Snowden und Manning werden hier aber diejenigen angeklagt, die über dieses Staatsverbrechen berichten, was deutlich den Stellenwert von Journalist*innen in der Türkei zeigt. Dessen ist sich Dündar stets bewusst, nennt vielfach Beispiele für Schreibende, die von autoritären Regimes mundtot gemacht wurden. Für die Leserschaft ist es deshalb erstaunlich, wenn Dündar von dem Gefängnis als Ausbildungsstätte und Akademie spricht: Namhafte Literat*innen wie Nâzim Hikmet und Orhan Kemal verfassten hier im Austausch mit anderen Häftlingen ihre bedeutendsten Texte. Erstaunlich ist auch, mit welcher Spannung, fast schon Euphorie er sich auf die Haft vorbereitet. Das Gefängnis wird für ihn eine „Zeit der Prüfung“, in der er zu sich selbst kommen will, eine Zeit der Askese, in der nichts mehr zählt als der Stift und das Blatt Papier, alte Freunde, die lange vernachlässigt worden sind. So beschreibt Dündar, dem Computer und Schreibmaschine verwehrt werden, wie er nach und nach den physischen Akt des Schreibens wiedererlernt. Nüchtern und unaufgeregt erzählt er vom Gefängnisalltag, macht Skizzen von seiner Zelle und reflektiert über andere Gefängnistexte der Weltliteratur, über Stefan Zweigs Schachnovelle und Franz Kafkas Prozess. Dündar, der allen Grund dazu hätte, wütend mit dem Polemik-Hammer zu schwingen, berichtet in ruhigen Tönen von seinen Erlebnissen und seinen Gedanken. Vielleicht ist es genau diese Abgeklärtheit, die die Leserschaft fassungslos macht angesichts der Ungerechtigkeiten, die Dündar und seinen Leidensgenossen widerfahren.

Panoptikum Silivri

Nichtsdestoweniger betreibt Dündar in seinen Gefängnisaufzeichnungen keine Augenwischerei. Die Isolationshaft in Silivri, einem eigens für Erdoğans politische Gegner errichtete Haftanstalt wenige Kilometer von Istanbul entfernt, gleicht keineswegs der hochgelobten Akademie vergangener Zeiten, auch wenn wie zum Hohn „Campus von Silivri“ am Eingang steht. Mit viel Ironie und beißendem Humor reagiert Dündar auf die Berichte regierungstreuer Zeitungen, er lebe in einer komfortablen Duplex-Zelle, und bewirbt diese im Stil einer Hotelanzeige: „Nach all den rühmenden Worten nun aber doch noch eine Mahnung: Beeilen Sie sich, es ist schon fast voll. Nur wenige Plätze sind noch frei.“ Dündar berichtet ungeschönt vom Panoptikum Silivri: Von seinem „Garten“, in dem keine Pflanzen wachsen dürfen, und seinen während der ewig gleichen Rundgänge gefassten Entschlüsse und Gedanken, von der Sonne, die sich nur manchmal am Rand der hohen Mauern zeigt, von den Gesprächen, die er heimlich durch einen Schacht mit einem anderen Journalisten in der Nebenzelle führt. Und auch der emotionale Briefkontakt zwischen Dündar und seinem Sohn Ege geht einem sehr nahe. Dennoch hat Dündar seinen Kampfgeist und seinen Optimismus nicht verloren: Mittlerweile sind er und Gül frei, beide haben Berufung gegen die im Mai dieses Jahres verkündete Verurteilung wegen Veröffentlichung von Staatsgeheimnissen eingelegt. „Das ist noch nicht das Ende“, kündigt Dündar am Schluss seines Tagebuchs an, und man ist versucht, ihm nach dieser empfehlenswerten Lektüre zu glauben.

 

Am 24. Oktober ist Can Dündar zu Gast beim 12. Literatürk Festival in der Lichtburg Essen.

 

Can Dündar: Lebenslang für die Wahrheit. Aufzeichnungen aus dem Gefängnis. Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe
Hoffmann und Campe, 298 Seiten
Preis: 22 Euro
ISBN: 9783455504248

 

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