So long, Leonard

leonard_cohenDer kanadische Songwriter, Sänger und Dichter Leonard Cohen ist am 7. November im Alter von 82 Jahren verstorben. Mit einem seiner besten Alben, dem erst vor wenigen Wochenerschienenen You Want It Darker, nimmt er Abschied. Seine unverwechselbare Stimme wird noch lange nachhallen – in unseren Ohren und in unseren Herzen.

von BERNHARD STRICKER

In Zeiten, in denen Bob Dylan – natürlich zu Recht! – den Literaturnobelpreis erhält, braucht es wohl keine Rechtfertigung für die Besprechung eines Albums von Leonard Cohen auf einer Website für Literatur-, Film- und Theaterrezensionen. Umso weniger, da sich das, was als eine Rezension des jüngsten Cohen-Albums hier stehen sollte, mit dem Tod des großen Singer-Songwriters gleichsam über Nacht in den Anlass zur Würdigung eines Lebenswerks verkehrt hat. Leonard Cohens außerordentliche Doppelbegabung als Schriftsteller und Musiker steht außer Frage. Trat er doch ab Mitte der 50er Jahre zunächst als Autor von Gedichten (z. B. Let us compare mythologies, 1956) und zwei gefeierten Romanen (The Favourite Game, 1963; Beautiful Losers, 1966) an die Öffentlichkeit, bevor der Erfolg seiner Sängerfreunde und -kollegen mit Interpretationen seiner Liedtexte (z. B. Judy Collins’ Version von Suzanne) ihn dazu bewegte, selbst als Folksänger die Bühne zu betreten. Neben seinen seit 1967 erschienen 14 Studio-Alben hat Cohen nie aufgehört, Gedichtbände zu veröffentlichen. Eine Grenze zwischen seinem literarischen und seinem musikalischen Œuvre zu ziehen, fällt schwer. Sind doch seine Songs durchweg überaus poetisch und seine Gedichte von einer Musikalität, die es manchmal als bloßen Zufall erscheinen lässt, dass sie keine Vertonung erfahren haben.

Mystik und Erotik

Bereits in dem Roman Beautiful Losers entspinnt Cohen eine Beziehungsgeschichte, die um die Gestalt der indianischen Heiligen Kateri Tetakwitha kreist, eine Verquickung von Mystik und Erotik, die dann auch für seine Songtexte charakteristisch wird. In dem Liebeslied Suzanne etwa, von seinem ersten Album Songs of Leonard Cohen (1967), schlägt Cohen eine Brücke zwischen der Frauengestalt Suzannes, die den Zuhörer zum Flussufer hinabführt, und Jesus Christus, der über das Wasser geht, mit dem bloß leicht veränderten Refrain:

And you want to travel with her [/him],
And you want to travel blind,
And you think maybe you’ll trust him –
oder: And you know that you can trust her,
For she’s [/he’s] touched your perfect body with her [/his] mind…

Zwischen body und mind bewegt sich dieser Text, zwischen Sinnlichem und Übersinnlichem, während er von der Ungewissheit des „maybe you’ll trust him” zu dem Vertrauen des „You know that you can trust her” fortschreitet.

Leonard Cohen hat längst nicht nur Liebeslieder geschrieben: Sein Terrorismus-Song First we take Manhattan von dem Album I’m Your man (1988) hat seit der Wende zum neuen Jahrtausend eine geradezu unheimliche Aktualität erhalten. Mit The Future (1992) veröffentlichte Cohen nur wenige Jahre nach dem Mauerfall sein politischstes Album, das eine ziemlich pessimistische Sicht auf das Kommende heraufbeschwor: „I’ve seen the future, brother, it is murder“, heißt es da. Und Nevermind von Cohens vorletztem Album Popular Problems (2014), der Titelsong zur zweiten Staffel der Serie True Detective, wurde von T Bone Burnett als „the song of the century so far“ bezeichnet. Die Kontinuität und der Abwechslungsreichtum, mit dem Leonard Cohen sich der Verstrickung von Spiritualität und Erotik, von Heilssuche und leiblichem Dasein in seinem Schaffen gewidmet hat, ist dennoch erstaunlich und zeigt sich auch in You Want It Darker. Es bleibt bewusst unbestimmt, ob es irdische oder überirdische Adressaten sind, die angesprochen werden, etwa wenn es in dem Song Treaty heißt:

I’ve seen you change the water into wine,
I’ve seen you change it back to water, too […],
I wish there was a treaty we could sign […]
Between your love and mine

„Hineni”: „I’m ready, my Lord”

Mit den stellenweise düsteren Tönen von You Want It Darker hat der melancholische Gottsucher Cohen einen würdigen Schlussstein seines Schaffens gesetzt. Background vocals, denen vielleicht kein anderer Sänger eine so tragende Rolle verliehen hat, eröffnen den Titelsong, bevor Cohens tiefe, raue Stimme mit ihrem psalmodierenden Sprech-Gesang einfällt. Immer wieder muss ich daran denken, wenn ich diese Stimme höre, wie Cohen in einem Interview in dem Dokumentarfilm Beautiful Losers französischen Chansonniers das zweideutige Kompliment macht, dass sie ihre Texte eher sprechen als singen – und dadurch für ihn selbst ein Vorbild geworden seien. Cohen sitzt, als er das sagt, an seinem Lieblingsplatz in der Küche seines Hauses in Los Angeles, ein bisschen eingezwängt zwischen dem Fenster mit Blick auf die Straße und einem Holztisch. Kaum irgendwo habe er sich je so heimisch gefühlt wie hier, sagt er, raucht dabei und trinkt Wein, und erzählt, dass er L.A. im Gegensatz zu den meisten Menschen möge, obwohl es eigentlich kaum eine Stadt sei, eher „just a place to be“. Und dann spricht er über die Schwierigkeit, einen Ort zu finden, wo man sich heimisch fühle, erzählt von seinen Drogenerfahrungen im legendären New Yorker Chelsea Hotel in den 60ern, seinen wiederholten Aufenthalten im Zen-Kloster auf Mount Baldy und davon, dass er am jüdischen Glauben festhalte.

Auch auf dem Cover von You Want It Darker sitzt Cohen an einem Fenster, mit Sonnenbrille und Hut, eine Zigarette in der Hand. Und im Refrain des vieldeutigen und anspielungsreichen Titelsongs sind durchaus Anzeichen eines jüdisch geprägten Gottvertrauens zu erkennen, wenn es heißt:

You want it darker
We kill the flame
Hineni, hineni
I am ready, my Lord

Das hebräische “Hineni” bedeutet “Hier bin ich”. Der Ausdruck findet sich einige Male im Alten Testament, aber am bezeichnendsten ist wohl, dass Abraham so antwortet, einmal als Gott ihn zum Opfer seines Sohnes Isaak auffordert, und einmal als der Engel des Herrn ihn mit Namen anruft, um ihm Einhalt zu gebieten. Eine christliche Lesart der Geschichte Abrahams sieht in seiner Opferbereitschaft bekanntlich Tod und Auferstehung Christi präfiguriert.

„I’ll stand before the Lord of Song“

Die Frau, die Cohen zu vielen seiner frühen love songs wie So Long, Marianne und Bird on the Wire inspirierte und mit der er sieben Jahre lang zusammenlebte, Marianne Ihlen, ist im Juli dieses Jahres im Alter von 81 Jahren an den Folgen von Leukämie verstorben. Cohens Abschiedsbrief an seine Muse, in dem er schrieb, dass er ihr bald folgen werde, ging seither durch die Presse. Nun sieht es so aus, als hätte er seinen Worten Taten folgen lassen, gleichsam als hätte er damit das wiederkehrende Motiv seiner eigenen Texte, in denen Frauengestalten die Umrisse religiöser Leitfiguren – einer Art Diotima – annehmen, existen­ziell einlösen wollen.

Leonard Cohens Musik hat seit dem Beginn seiner Karriere in den 60ern viele Renaissancen erlebt. Nachdem es immer wieder mal eine Weile still um ihn geworden war, hat er es mit seinen Songs, die seit den 80ern auch mit Synthesizer-Klängen und elektronischen Beats daherkamen, doch stets aufs Neue geschafft, jüngere Musikergenerationen zu inspirieren. Hunderte Male sind seine Songs gecovert worden, und für viele seiner Lieder gilt, dass sie in den Interpretationen anderer Sänger mehr Berühmtheit erlangt haben als durch seine eigenen Aufnahmen. So war es zuerst mit Suzanne und dann mit First We Take Manhattan, aber am deutlichsten gilt es für Cohens wohl berühmtesten Song, Hallelujah. Ob durch Jeff Buckley, John Cale, Bob Dylan oder Rufus Wainwright – wahrscheinlich ist kaum jemals ein Song häufiger gecovert worden. In der ursprünglichen Fassung rufen die ersten Verse wiederum eine alttestamentarische Geschichte auf, die Erzählung von König David und Bathseba, während Cohen in späteren Konzertfassungen manchmal diese biblischen Anspielungen kurzerhand wegließ. In allen Versionen aber verkünden die letzten Verse: „I’ll stand before the Lord of song / With nothing on my tongue but Hallelujah“.

Am liebsten möchte ich Leonard Cohen nachrufen: „Hey that’s no way to say goodbye.“ Dann lege ich eine seiner Platten auf – und da ist sie wieder, diese Stimme:

But you’ll be hearing from me, baby, long after I’m gone
I’ll be speaking to you sweetly
From a window in the Tower of Song.

Leonard Cohen: You Want It Darker
Columbia Records, 21.10.2016
Preis: ca. 15,99 Euro (CD)

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