Ecce homo caesaris – Porträt des Kaisers als armes Geschöpf

John Williams - Augustus Cover: dtv

John Williams – Augustus Cover: dtv

„Ich bin ein Mensch und so dumm und schwach wie alle Menschen“, konstatiert der mittlerweile Augustus genannte römische Kaiser am Ende seines Lebens und blickt zurück auf ein Reich, das in der Weltgeschichte seinen ersten Höhepunkt erreichte. John Williams zeigt uns in Augustus das lange, traurige Leben eines Menschen, der sich seinen staatlichen Pflichten widmet wie ein Vater seinen Kindern – und unglücklich und zufrieden zugleich ankommt in der Erfüllung seines Schicksal.

von JONAS PODLECKI

Als John Williams’ (1922-1994) Stoner im September 2013 in Deutschland erschien, löste dies unvermittelt wahre Begeisterungsstürme aus. Die Feuilletons der renommiertesten Tageszeitungen waren sich allesamt einig, dass der dtv-Verlag hier ein literarisches Meisterwerk von Weltrang herausbrachte, einen der ersten (gelungenen) Campus-Romane, der in den heimischen USA, als er 1965 auf den Markt kam, resonanzlos am Literaturbetrieb vorbeihuschte und lediglich einigen wenigen Kennern ein Begriff wurde. Die deutsche Leserschaft bedankte sich für das Erscheinen, indem sie über 200.000 Exemplare kaufte und Buch sowie Autor posthum ins Bewusstsein der literarischen Öffentlichkeit rückte. Dieser Erfolg sorgte letztendlich dafür, dass auch die beiden anderen wichtigen Romane hierzulande in rascher Folge veröffentlicht werden konnten. Nach dem Anti-„Western“ Butcher’s Crossing (2015) also folgt nun das letzte, vom Verlag als „Hauptwerk“ bezeichnete Buch von John Williams mit dem schlichten Titel: Augustus.

Octavius ist erst 19 Jahre alt, als sein Großonkel und Stiefvater Julius Cäsar ermordet wird. Trotz des jugendlichen Alters hat dieser ihn testamentarisch zu seinem Nachfolger bestimmt: ein Schicksal, dem sich der designierte Jungherrscher nicht ganz freiwillig, aber durchaus bereitwillig fügt. Da das Machtvakuum, das Cäsars Tod zurückgelassen hat, brüchig ist, führen die Zwistigkeiten der Senatoren, die Octavius nicht allgemein anerkennen, zu einem undurchschaubaren Bürgerkrieg, in dessen Verlauf innerhalb kürzester Zeit Unterstützer zu Gegnern und Gegner zu Unterstützern werden – mittendrin: Octavius, der sich gegen seine Widersacher schließlich durchsetzen kann und als Kaiser legitimiert wird. Die Aufrechterhaltung der Macht erweist sich allerdings als überaus schwierige Aufgabe, der persönliche Neigungen, nahestehende Freunde und sogar die geliebte Tochter Julia zum Opfer fallen. Zurück bleibt ein einsamer, aber dennoch zufriedener Mensch. Wie ist das möglich? Letztendlich geht es um eine existenzielle Frage, die ihm seine Tochter stellt: „[I]st es das wert gewesen? Deine Macht, dieses Rom, das du gerettet hast, das Rom, das von dir erbaut wurde. Ist es all das wert gewesen, was du getan hast?“ Worauf Octavius antwortet: „Ich muss daran glauben. […] Wir müssen beide daran glauben.“

So nah und doch so fern

In Briefen, Memoiren, Tagebucheinträgen, Senatsprotokollen und weiteren fiktiven Dokumenten berühmter Persönlichkeiten der damaligen Zeit zeichnet John Williams den Werdegang eines sich immer wieder wandelnden Herrschers. Cicero, Horaz, Ovid, Vergil, Nikolaos von Damaskus, Marcus Antonius, Cleopatra und andere melden sich zu Wort, wenn sie – nicht immer positiv und vorurteilsfrei – die Taten des jungen Octavius oder des bereits vergötterten Augustus beschreiben, dabei gelingt es Williams, wie nebenbei das antike Rom wieder auferstehen zu lassen, als schälte sich dieses Leben aus seinen Worten ins Bewusstsein des Lesers: plastisch, aber unaufdringlich. Obwohl Octavius/Augustus, auch wenn er am Ende selbst zu Wort kommt, bis zuletzt ungreifbar bleibt, weil Williams wie in seinen früheren Büchern stets eine unnahbare Distanz zu seinem Protagonisten aufrechterhält, gelingt es dem Caesarografen dennoch, ein vielschichtiges und kontrastreiches Porträt seines Helden zu skizzieren. In seiner Könnerschaft übertrifft er sogar Schriftsteller, die in Sachen historischer Roman Großes geleistet haben: Thornton Wilder, Gore Vidal oder Robert Graves, auf die Williams (neben Philosophen wie Nietzsche oder den antiken Stoikern) zuweilen anspielt, erreichen nicht die literarische Tiefe, in die er selbst scheinbar mühelos eintaucht, um das Erbeutete dem Leser mit diesem Roman vorzusetzen.

Viele Kritiker haben angemerkt, dass sich Augustus von den früheren Werken, in denen einfache, bescheidene, eher unbedeutende Männer im Blickpunkt standen, deutlich unterscheidet. Thematisch mögen sie recht haben (Anti-Western, Campus-Roman, historischer Roman), motivisch irren sie sich gewaltig. Immer geht es um einen Mann, der gegen eine widrige Umwelt bestehen muss, geografisch bzw. sozial; es geht um Macht, Liebe, Intrigen, Freundschaft, Einsamkeit, Verpflichtungen und Vater-Tochter-Beziehungen – letzteres lediglich in Stoner und Augustus. Zusammengehalten wird dies von einem unverwechselbaren, glassplitterfeinen, distanziert-warmen Prosastil, den Bernhard Robben großartig ins Deutsche übertragen hat. Jede Figur, ob beistehender Freund oder intrigierender Feind, erhält seine eigene, charakteristische Persönlichkeit: Cicero als hinterlistiger Heuchler (und eben nicht als durchdachter Rhetor!), Marcus Antonius als egoistischer, ignoranter Kriegstreiber, Julia als leidenschaftliche, freigeistige Tochter, Ehefrau und Geliebte; dabei bemüht sich Williams um jede Figur so sehr, dass einem selbst Antagonisten nahekommen und man ihr Vorgehen zumindest nachvollziehen kann, auch wenn die Antipathie bis zuletzt spürbar bleibt.

Starke Frauen in einer männlichen Welt

Der vielleicht markanteste Unterschied zu seinen früheren Romanen sind die Frauenfiguren. Williams gibt ihnen dieses Mal wesentlich mehr Raum zur Entfaltung, weshalb sie stärker und differenzierter hervortreten. Während sie etwa in Stoner und Butcher’s Crossing eher die Rolle eines Opfers vertraten, sind sie nun, obwohl in einem Patriarchat lebend, diskrete Strippenzieherinnen, die sich dieser Welt zwar fügen, aber keinesfalls beugen. Livia erscheint als eine unscheinbare, aber ehrgeizige Ehefrau Octavius’, die ihren Sohn aus erster Ehe als Nachfolger auf dem Kaiserthron einsetzen möchte (was ihr auch gelingt); Octavia, Schwester von Octavius und ebenfalls mehrfache Ehefrau, tritt auf als kluge, weltgewandte Erzieherin von später einflussreichen Persönlichkeiten, die sich dann aber zurückzieht, um dem heuchlerischen, nichtigen Treiben in Rom zu entkommen; Julia, die geheime Protagonistin in Buch II des Romans, begehrt gegen die gesellschaftliche Konventionen auf und führt ein sinnenfrohes, kunstbegeistertes Leben, ist aber in einer unglücklichen Ehe mit einem Sadisten gefangen, um schließlich von ihrer eigenen Lust überlistet und geschlagen zu werden.

Viele Entbehrungen auf sich nehmend, gelingt es Octavius/Augustus, einen langwierigen Bürgerkrieg in Rom zu beenden und das lange gebeutelte Reich in einen gedeihenden Staat zu verwandeln. Viele Jahrzehnte bleibt er Herrscher über ein Weltreich, verantwortet eine Kultur, die namhafte Dichter hervorbrachte (Vergil, Horaz, Ovid) und bis heute ausstrahlt, zumal in einer Zeit, in der Staatsoberhäupter für gewöhnlich mittels Mord oder Kopfabschlagen ihre Position erlangten. Gleichwohl: Eine grundständige, unterschwellige Melancholie bleibt übrig mit der lapidaren Einsicht, „dass im Leben eines jeden Menschen früher oder später der Moment kommt, in dem er […] die schreckliche Tatsache begreift, dass er allein ist, getrennt von allen anderen, und dass er niemand sonst sein kann als dieses arme Geschöpf, das er nun mal ist.“ Was John Williams hier präsentiert, ist Literatur vom Allerfeinsten.

 

John Williams: Augustus
dtv Verlagsgesellschaft, 480 Seiten
Preis: 24 €
ISBN: 978-3423280891

 

 

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