Befreiung aus dem Gefängnis des Geistes

Hubert Dreyfus und Charles Taylor - Die Wiedergewinnung des Realismus Cover: Suhrkamp

Mit ihrem Gemeinschaftswerk Die Wiedergewinnung des Realismus mischen sich zwei der bedeutendsten Philosophen unserer Tage, Hubert Dreyfus und Charles Taylor, in die Debatte um das gegenwärtige Wiederaufleben des Realismus – oder sollte man besser sagen: der Realismen ? – ein. Ihr Buch gehört zweifellos zu dem Besten, was man zu diesem Thema lesen kann.

von BERNHARD STRICKER

„Ein Bild hielt uns gefangen.“ Mit diesem Zitat aus den Philosophischen Untersuchungen Wittgensteins eröffnen Hubert Dreyfus und Charles Taylor ihr Projekt einer Wiedergewinnung des Realismus. Dass es ein „Bild“ ist, in dem wir gefangen waren, bedeutet: Erstens, man kann dieses Bild verändern – dann erkennt man: wir sind gar nicht wirklich gefangen. Zweitens, es handelt sich nicht um eine explizite Theorie, durch die wir in den Bann geschlagen werden, sondern um etwas „Anderes und Tieferes“, „ein weitgehend unreflektiert bleibendes Hintergrundverständnis“. Die Autoren konstatieren: „In unserer Kultur ist ein gewaltiger Irrtum wirksam: ein effektives (Miß-)Verständnis dessen, was Erkenntnis eigentlich heißt.“

Fundamentales Missverständnis des Erkennens

Das Missverständnis besteht darin, Erkenntnis als etwas wesentlich Vermittlungsgebundenes zu betrachten. Diese Konzeption lässt sich bis zum Begründer der neuzeitlichen Philosophie, René Descartes (1596-1650), zurückverfolgen. Eine vermittlungsgebundene Auffassung von Erkenntnis behauptet, dass wir nur durch vermittelnde Instanzen – seien dies Ideen, Sätze oder Repräsentationen – jemals mit der Wirklichkeit in Kontakt kommen. Nach diesem Bild besteht zwischen Geist und Welt eine Kluft, und zum Erkennen bedarf es einer Überbrückung dieser Innen-Außen-Struktur. Dreyfus und Taylor verwenden viel Zeit darauf, diese Konzeption, die gegenwärtig den common sense nicht nur unter Philosophen darstellt, zu charakterisieren. Die Pointe besteht darin, dass sie zeigen können, wie sich die vermittlungsgebundene Auffassung vielfach gerade dort am hartnäckigsten behauptet, wo Descartes als widerlegt und sein Dualismus als überwunden betrachtet wird. Es handelt sich eben nicht um eine Theorie, sondern um ein Hintergrundverständnis, einen „Rahmenirrtum“, der allererst explizit gemacht werden muss, um hinterfragt werden zu können.

Kritik und Kontroversen

Die vermittlungsgebundene Auffassung, nach der wir nie unmittelbar mit der Wirklichkeit in Berührung kommen, weil wir aus unserem Geist oder aus der Sprache nicht hinauskönnen, lässt sich entlang zweier Achsen kritisieren, welche die Autoren nacheinander verfolgen: Erstens lässt sich bezweifeln, dass die Wirklichkeit tatsächlich ausschließlich repräsentational erfasst werden kann. Zweitens lässt sich die Vorrangstellung des Individuums beim Erkennen infrage stellen. Dreyfus und Taylor entwickeln ihre Kritik in Auseinandersetzung mit einer Reihe namhafter Vertreter der analytischen Philosophie: Mit Richard Rorty streiten sie darüber, ob die Erkenntnistheorie überhaupt die Mühe der Kritik wert sei und nicht vielmehr einfach „verabschiedet“ werden sollte. Mit John McDowell debattieren sie über den Ort und die Rolle des Vorbegrifflichen im Prozess der Erkenntnis. Und Donald Davidsons „radikale Interpretation“ konfrontieren sie mit Gadamers Verständnis der Horizontverschmelzung. Auf diese Weise finden die philosophischen Kontroversen, die als „McDowell-Dreyfus-debate“ und als „Taylor-Rorty-debate“ von sich reden gemacht haben, Eingang in das Buch.

Die Kontakttheorie

In enger Auseinandersetzung mit Gegenpositionen entwickeln Dreyfus und Taylor eine Spielart dessen, was sie als „Kontakttheorie“ bezeichnen. Es geht ihnen um die neuerliche Einbettung des Erkennens in die physischen und soziokulturellen Kontexte, denen es seinen Sinn verdankt. Dazu machen sie gegen die Vorstellung vom Desengagement des Subjekts geltend, dass wir uns als verkörperte Individuen stets vor dem Hintergrund von Rahmenbedingungen verstehen, die eine „ursprüngliche und unauflösliche Involviertheit“ in die Welt bedeuten. Wir sind demnach nicht in unseren Geist eingeschlossen, sondern stehen tatsächlich mit der Wirklichkeit selbst im Kontakt. Bei der Verteidigung dieser Konzeption müssen die Autoren eine Reihe von Dogmen der vermittlungsgebundenen Auffassung angreifen: Die Struktur des „Wir erkennen einzig und allein hierdurch …“ ebenso wie die Vorstellung, dass Erkenntnisinhalte stets in diskrete Elemente zerlegbar sind, die als solche explizit und unhintergehbar wären, oder die strikte Unterscheidung zwischen Mentalem und Physischem. Die Vorläufer und Stichwortgeber bei der Ausarbeitung eines kontakttheoretischen Verständnisses von Erkenntnis reichen von Kants transzendentaler Deduktion in der Kritik der reinen Vernunft über Heideggers „In-der-Welt-Sein“ zu Merleau-Pontys Verständnis des „être-au-monde“.

Realismus ist Pop: „Neuer“ oder „wiedergewonnener“ Realismus?

Man kann kaum behaupten, dass etwas radikal Neues, Unerhörtes an den von Dreyfus und Taylor vertretenen Thesen sei. Das Verdienst ihres Buches mag eher darin bestehen, dass sie eine Auseinandersetzung zwischen prominenten Vertretern von Phänomenologie und analytischer Philosophie in Gang bringen, anstatt sich bloß auf eine Seite zu schlagen, um gegen die andere zu polemisieren. Die Rede von der „Wiedergewinnung“ im Titel des Buches dürfte in diesem Sinne als ein Zeichen der Bescheidenheit zu interpretieren sein. Sie setzen sich damit positiv ab von manchen Vertretern des sogenannten „Neuen Realismus“, von denen etwa Maurizio Ferraris derart polemisch gegen ein Zerrbild der „Postmoderne“ austeilt, dass es als eine Strategie mit dem alleinigen Zweck erscheinen muss, sein eigenes Manifest des Neuen Realismus zu bewerben. Keine Frage, Realismus ist Pop, und längst haben wir es nicht mehr mit einem Realismus zu tun, die Realismen sind vielmehr Legion: Ungern wird dabei jemand als „naiver“ Realist gescholten. Auch gegen einen „metaphysischen Realismus“ bringt man am besten einen „internen Realismus“ (Hilary Putnam) vor. Wenn man zu den neueren Realisten gehört, darf man übrigens trotzdem erklären, warum es die Welt nicht gibt (Markus Gabriel). Der neueste Trend aber geht wohl doch zum „spekulativen Realismus“ (Quentin Meillassoux).

Zwischen Kulturrelativismus und Szientismus

Dreyfus und Taylor bewegen sich im guten Sinne jenseits der Trends und Modeströmungen. Ohne reißerische Aufmachung adressieren sie ein breites Publikum: Ihr Buch ist so klar und verständlich geschrieben, dass es für Einsteiger in die Thematik lesbar ist und doch für jeden Fachphilosophen eine gewinnbringende Lektüre sein dürfte. Ihre eigene Position, mit der sie zwischen unserer alltäglichen Orientierung in der Welt und wissenschaftlicher Naturerkenntnis zu vermitteln beanspruchen, bezeichnen Dreyfus und Taylor als einen pluralistischen, robusten Realismus. Robust ist ihr Realismus deshalb, weil sie der wissenschaftlichen Erkenntnis objektive Gültigkeit als Beschreibung einer unabhängigen Wirklichkeit zugestehen. Pluralistisch ist er, weil er trotzdem die Möglichkeit kulturell unterschiedlicher Verständnisse und Beschreibungen der Welt zulässt. Damit verwahren sich die Autoren sowohl vor einem Kulturrelativismus, bei dem alles zu einer bloßen Frage des Vokabulars wird, in dem wir uns verständigen, als auch vor einem Szientismus, der von einer einzigen richtigen Form der Wirklichkeitsauffassung ausgeht. Hinsichtlich der Frage, ob eine Vereinigung der Perspektiven – etwa der wissenschaftlichen und der alltäglichen Weltauffassung – zu erwarten oder anzustreben sei, üben die Autoren eine „gesunde Urteilsenthaltung“.

Was bleibt vom Skeptizismus?

Gelingt es Dreyfus und Taylor also, den Skeptizismus zu überwinden und ein für alle Mal zu begründen, dass wir es als Erkennende wirklich, ja wirklich, mit der Wirklichkeit zu tun haben? Skeptisch mag den Leser stimmen, dass die Autoren doch schließlich selbst die vermittlungsgebundene Auffassung als eine neue Art von „Hintergrundverständnis“ bezeichnen, als etwas, das nicht den Status eines bloßen theoretischen Irrtums hat, sondern das an die Stelle unseres In-der-Welt-Seins längst einen anderen common sense, das „wissenschaftliche Weltbild“ oder wie immer wir es nennen mögen, gesetzt hat. Eine Widerlegung des Skeptizismus auf einen Schlag ist daher ein – so muss man sagen – unrealistisches Unterfangen. Man muss den Autoren zugutehalten, dass sie mit einer solchen Rhetorik der Überwindung nur sehr sparsam operieren. Was aber den Skeptiker zu seiner Haltung des Desengagements motiviert, darüber würde man gern noch mehr erfahren. Der interessierte Leser wird dieser Frage vielleicht anhand von Taylors Geschichte der modernen Subjektivität, Die Quellen des Selbst, weiter nachgehen. Das ist nur eine der vielfältigen Richtungen, in denen Die Wiedergewinnung des Realismus zum Weiterlesen und Weiterdenken anregt.

 

Hubert Dreyfus und Charles Taylor: Die Wiedergewinnung des Realismus
Suhrkamp, 315 Seiten
Preis: 29,95 Euro
ISBN: 978-3518586853

 

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Ein Gedanke zu „Befreiung aus dem Gefängnis des Geistes

  1. Mir ist schon bewusst, dass Philosophie ihren eigenen Stellenwert hat. Ist es aber heute noch angebracht, zu philosophieren, ohne die neurobiologischen Grundlagen des Denkens mit einzubeziehen? Etliche Philosophen versuchen das.

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