Die Tragik des verfluchten Clowns

Verdis "Rigoletto" im Essener Aalto-Theater Foto: Matthias Jung

Verdis „Rigoletto“ im Essener Aalto-Theater Foto: Matthias Jung

Der Horror-Clown hat nicht nur einen Weg aus den USA nach Europa, sondern auch ins Ruhrgebiet gefunden: Mit Verdis Rigoletto sind auf der Bühne des Essener Aalto-Theaters eine Menge maskierter Fratzen zu sehen und verzerren das Bild des einst harmlosen Spaßmachers. Regisseur Frank Hilbrich zeigt eine größtenteils gelungene Kombination aus der Tragik einer ‚self-fulfilling prophecy‘, Horrormotiven sowie klugen Metaebenen – und eine Menge Luftballons.

von ANNIKA MEYER

Als Giuseppe Verdi 1851 seinen Rigoletto auf die Bühne des Teatro la Fenice bringt, ist gegenüber Victor Hugos Vorlage Le roi s’amuse (1832) manches geändert worden, um der Zensur zu entgehen. Nicht mehr in Frankreich, sondern im italienischen Mantua lebt der Narr Rigoletto am Hof des Herzogs – bei Hugo arbeitet der Narr Triboulet noch am Hof des Königs –, und der Herrscher ist zwar noch immer ein Frauen verführender Schurke, zeigt im Libretto von Francesco Maria Piave jedoch zumindest zeitweise einen Hauch von Moral und wahren Gefühlen. Schlussendlich aber liegt der Fokus auf der Titelfigur Rigoletto, der an seiner Doppelnatur als bösartiger Streichespieler und liebender Vater zerbricht und letzten Endes nicht von einem Fluch, sondern durch seine eigenen Handlungen und Intrigen vernichtet wird.

Symbolisches Maskenspiel

In Essen weicht Rigolettos Buckel einer mit leeren Luftballons benähten Schulter (Kostüme: Gabriele Rupprecht), eine starre Clownsmaske ergänzt das Zirkus-Negativ und unterstreicht das monströse Wesen, das Rigoletto durch äußerst drastische Schelmereien demonstriert. Die Maske ist ein durchgängiges, ästhetisch schön in Szene gesetztes Symbol des Abends. Als der Hofstaat sich an Rigoletto für seine üblen Scherze rächen will und dessen scheinbare Geliebte – in Wirklichkeit seine Tochter Gilda – entführt, tragen alle Männer verzerrte Clownsmasken, die im Schwarzlicht ihre Wirkung nicht verfehlen. Nur dem ahnungslosen Rigoletto, der in der Dunkelheit glaubt, die Frau des Grafen Ceprano zu rauben, geben sie eine abgeänderte Maske, die zudem das Sichtfeld verschränkt: Selbst als maskierter Clown unter Clowns bleibt Rigoletto ein Außenseiter. Es scheint die Maske des Auftragsmörders Sparafucile zu sein, dem Rigoletto zuvor in einer Sackgasse begegnete und dessen Schminke, Perücke und lila Mantel ihn eindeutig als den Batman-Joker auszeichnen, welcher nach Stephen Kings Pennywise wohl als bösartigster Clown der Kulturgeschichte anzusehen ist. Schon in dieser neuen Maskierung offenbaren Hilbrich und sein Team, welch mörderische Auswirkung Gildas Entführung haben wird, die zum sie liebenden Herzog gebracht und dort entehrt wird. Und auch Rigolettos und Sparafuciles synchrone Gesten bei ihrem ersten Aufeinandertreffen verraten früh, dass letzterer das Alter Ego des ersteren darstellt.

Verdis "Rigoletto" im Essener Aalto-Theater Foto: Matthias Jung

Verdis „Rigoletto“ im Essener Aalto-Theater Foto: Matthias Jung

Bühnen auf der Bühne

Viele weitere inszenatorische Einfälle sind klug, wie etwa die Funktion der Luftballons, die als eigentliches Markenzeichen des Clowns im Allgemeinen und Rigolettos im Speziellen zum Teil negativ-schaurig konnotiert werden und weit mehr sind als das alberne Spiel der Höflinge mit scheinbaren Gummigeschlechtsmerkmalen oder ein naheliegendes Zeichen für Vergänglichkeit.

Der eigentliche optische Clou ist aber die Bühne von Volker Thiele. Durch geschickt ausgetüftelte verspiegelte Drehtüren bilden sich schnell neue Räume, die auch symbolisch für die Figuren gelesen werden können – nur hin und wieder blendet das von den Spiegeln abprallende Licht, das auch sonst nicht stets korrekt abgestimmt scheint, das Publikum. Dennoch sind hier vielfach bewusst zu deutende Reflektionen zu sehen, Auf- und Abgänge gehen relativ fließend vonstatten und im dritten Akt sind im glänzend violetten Vorhang zwei kleine Bühnen integriert: Rigoletto ist im doppelten Sinne der Regisseur der Intrige, die Gilda das wahre Ich des Herzogs vor Augen führen soll, sie letztendlich aber in den Selbstmord treibt, um diesen vor Sparafucile zu retten. Hier kommt nicht der Fluch zu tragen, welchen der Narr fürchtet, seit ihn ein gedemütigter Vater über Rigoletto und den Herzog ausgesprochen hat, sondern in einer Art ‚self-fulfilling prophecy‘ Rigolettos eigenes Handeln, um dem Fluch zu entgehen. Dass sich Gilda und Rigoletto im zweiten Akt über die Liebe zum Herzog mithilfe von Handpuppen verständlich machen, leitet die Theatermetapher bereits zuvor elegant ein.

(Zu) viel Applaus

Dirigent Matteo Beltrami zeigt, dass er dem Essener Rigoletto auch musikalisch weitere Bedeutungsschichten hinzufügen kann, und führt die souveränen Essener Philharmoniker mehr als patent durch den Abend. Der Bariton Luca Grassi in der Titelrolle des Abends scheint ein paar Takte zu benötigen, bis er in seine Partie findet, präsentiert dann aber eine solide Leistung. Tijl Faveyts als sein Doppelgänger Sparafucile kann mit seinem markanten Bass durchweg überzeugen. Dass Frank Hilbrich neben seiner Tätigkeit als Regisseur auch als Professor für szenischen Unterricht an der Berliner Universität der Künste tätig ist, beweisen andere Mitglieder des Ensembles: Auch wenn Marie-Helen Joël in ihrer Rolle als Gildas Gesellschafterin keine herausragende Gesangspartie für sich behaupten kann, sticht sie doch schauspielerisch durch ihre subtile Körpersprache und Mimik hervor. Gleiches ist von Carlos Cardoso als Herzog von Mantua und Cristina Pasaroiu als Gilda zu sagen: Die beiden Hauptdarsteller zeichnen sich durch meist sehr natürliche und feine Gesten aus, die eine willkommene Abwechslung zum oft üblichen Opernpathos bilden. Cardoso schwächelt zwar bei einigen Spitzentönen, zeigt aber ansonsten einen wunderbar vielschichtigen Herzog. Und Pasaroiu präsentiert auch gesanglich eine komplexe Gilda, die sowohl kindlich als auch reif, sowohl brav als auch wagemutig auftreten kann.

Das Essener Premierenpublikum demonstriert mit stürmischem Beifall seine Begeisterung für das Werk von Hilbrich und seinem Ensemble. Nur eins sollte bitte vermieden werden: ständiger Zwischenapplaus, der die musikalische und dramatische Spannung stört. Ansonsten ist jeder Beifall gerechtfertigt.

 

Informationen zur Inszenierung
 
Nächste Vorstellungen:
Freitag, der 27. Januar
Samstag, der 04. Februar
Donnerstag, der 09. Februar

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s