Hinter der Mauer lauern Liebe und Hass

Shakespeares "Romeo und Julia" am Schauspielhaus Bochum Foto: Thomas Aurin

Shakespeares „Romeo und Julia“ am Schauspielhaus Bochum Foto: Thomas Aurin

Marius von Mayenburg inszeniert am Schauspielhaus Bochum den wohl bekanntesten Theaterklassiker überhaupt: Romeo und Julia. Was ihn am Stoff fasziniert, ist aber weniger die „Love Story“ als die düstere Omnipräsenz des Todes. Dank interessanter Regieeinfälle und engagierter Darsteller gelingt ein starker, unverschnörkelt-eindringlicher Shakespeare-Abend auf Niveau der besten Schaubühnen-Produktionen.

von HELGE KREISKÖTHER

Shakespeare schrieb Romeo and Juliet wahrscheinlich um das Jahr 1595. Zwei Jahre später, 1597, erschien seine neben Hamlet zweifellos berühmteste Tragödie jedenfalls erstmals im Druck. Die Zahl der Adaptionen – ob in der Malerei, Musik oder in der Literatur selbst – ist nahezu unermesslich. Exemplarisch seien nur Gottfried Kellers Novelle Romeo und Julia auf dem Dorfe (1856), Sergej Prokofjews Ballett Romeo und Julia (1935) oder Leonard Bernsteins Musical West Side Story (1957) genannt. An die 40 Verfilmungen, u. a. von Franco Zeffirelli (1968) und Baz Luhrmann (1996), tun ihr übriges.

Als Schauplatz sieht Shakespeare das Verona des 14. Jahrhunderts vor. Trotz Strafandrohung des Fürsten Escalus bekriegen sich hier die alteingesessenen Patrizierfamilien Montague und Capulet auf offener Straße. Die Tragödie ist also vorprogrammiert, als der junge Romeo Montague sich während eines Maskenballs ausgerechnet in Julia Capulet verliebt. Mithilfe des Pater Lorenzo und ihrer Amme schaffen es die beiden, in aller Heimlichkeit zu heiraten, doch da Romeo von Julias Cousin Tybalt in ein Duell verwickelt wird, ihn dabei tötet und folglich die Stadt verlassen muss, bleibt Julia ihrem lästigen Freier, dem Prinzen Paris, ausgesetzt. Um sie dieser Eheschließung zu entziehen, fädelt Lorenzo einen Plan ein, nach dem Julia in einen todesähnlichen Schlaf versetzt werden soll, um ihre Familie „ruhigzustellen“. Romeo wird jedoch nicht rechtzeitig eingeweiht und begeht im Glauben, seine Geliebte sei tatsächlich verschieden, Selbstmord. Julia tut es ihm nach dem Erwachen gleich, sodass die Familien erst am Grab ihrer Kinder Frieden schließen.

Divided city, divided audience

Mit dem auffälligsten Inszenierungsmerkmal wird der Zuschauer in Bochum bereits beim Kauf seiner Eintrittskarte konfrontiert, denn er muss sich entscheiden, ob er im Block der Montagues (d. h. im gewöhnlichen Parkett) oder der Capulets (d. h. auf der großen Bühne) Platz nehmen möchte. Zwischen diesen beiden verläuft eine hohe graue Backsteinmauer (Bühne: Stéphane Laimé, Mitarbeit Bühnenbild: Julius Florin), sodass sich die beiden Publika im Verlauf des Abends niemals zu Gesicht bekommen und jeder zwangsläufig nur die eine Hälfte der Produktion – sprich diejenige, welche sich im entsprechenden Familienareal abspielt – live erlebt; die andere wird per Videokamera von der gegenüberliegenden Seite übertragen. Von Mayenburg, der für seine Inszenierung selbst eine neue, zeitnahe Übersetzung angefertigt hat, teilt das Publikum zu einem bestimmten Zweck dergestalt auf: Die sprachliche und dramaturgische Atmosphäre der Gewalt und der Abschottung in diesem testosterondurchtränkten Shakespeare-Stück provoziert nahezu eine deutlich sichtbare Trennlinie zwischen den großen „Clans“, die nur durch die selbstlose Aufopferung der Liebenden überschritten wird. Ob zeitgeschichtliche Assoziationen zur DDR oder zu Donald Trumps US-mexico-wall angebracht erscheinen, sei jedem selbst überlassen. Unablässig auf diese Mauer zu starren, stimmt den Zuschauer indes weniger aggressiv als man annehmen könnte, denn als Projektionsfläche für trashig-blutrünstige Videoinstallationen (Sebastien Dupouey) und als Requisite (meist überwunden mittels Hechtsprung oder Räuberleiter) wird sie klug eingesetzt. Das einzige wirkliche Manko an dieser Stelle ist die Umsetzung der digitalen Technik: Was man von der anderen Seite per Video verfolgt, ist oftmals unscharf oder verwackelt – sicherlich eine bloße Einstellungsfrage, wegen der man nicht aufs Neue die Sinnhaftigkeit von Videos innerhalb des Mediums Theater anzuzweifeln braucht.

Shakespeares "Romeo und Julia" am Schauspielhaus Bochum Foto: Thomas Aurin

Shakespeares „Romeo und Julia“ am Schauspielhaus Bochum Foto: Thomas Aurin

You want it darker

In den Titelrollen brillieren zwei Bochumer „Youngster“, nämlich Torsten Flassig, der bereits als eindrucksvoller Don Karlos in der Regie von Jan Neumann zu sehen war, und Sarah Grunert. Letztere erinnert als Julia an eine schwarz geschminkte Gothic-Momo, die, voller Melancholie und dunkler Gedanken, nicht mit Kassiopeia, sondern mit einer dicken Kröte im Einmachglas hereinspaziert. Etwas seltsam, aber umso wirkungsvoller, wenn das Liebesfeuer, das der nicht minder schwermütige Emo-Romeo im Motörhead-T-Shirt in ihr entfacht, zum Ausbruch kommt. Mit schöner Stimme singt sie Killing Me Softly und Nightcall, neu arrangiert von Matthias Grübel. Ebenso passend bringt Matthias Redlhammer, eine Travestie-Traumbesetzung für Julias enorm reizbare Mutter, die ersten Takte eines Chopin-Préludes am Klavier zu Gehör. Michael Schütz’ Sache ist das Tönetreffen zwar nicht, seine zwielichtige Gestaltung des Pater Lorenzo zu einem Ozzy-Osbourne-artigen Friedhofsdealer ist dennoch grandios (Dramaturgie: Alexander Leiffheidt). Wenn er Leonard Cohens You want it Darker, ebenfalls mit harten Beats unterlegt, anstimmt, kommt es endlich einmal wieder zu jenen selten gewordenen rauschartigen Momenten eines Sog entfaltenden Stadttheaterabends.

Von Mayenburgs Vorliebe fürs Düstere und Morbide tut Romeo und Julia wahnsinnig gut, denn gerade die schwarz eingefärbte, subjektive Lesart befreit das Stück von all dem Morast, in dem sich nach wie vor viele Neuinszenierungen verstricken. Aktionen wie das Rumwühlen in Eingeweiden oder die Ästhetik eines Musikvideos von Evanescence bleiben letztlich eine Geschmacksfrage, den etwas biederen Produktionen am Schauspielhaus Bochum aus den vergangenen Monaten tun sie jedoch einen „erfrischenden“ Abbruch. Freilich gab es diese und ähnliche Inszenierungsmittelchen schon häufig in der Theaterwelt, aber wer vermag denn, das Rad immer wieder neu zu erfinden? Die finale Versöhnung der beiden Familien bleibt nach starken drei Stunden aus – den Zuschauern scheint dies aber nur konsequent, und so halten sie mit ihrem Beifall keineswegs hinterm Berg (bzw. hinter der Mauer).

 

Informationen zur Inszenierung
 
Nächste Vorstellungen:
Freitag, der 17. März
Mittwoch, der 29. März
Sonntag, der 2. April

 

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