Prophetisches Spektakel

Giacomo Meyerbeers "Le Prophète" am Essener Aalto-Theater Foto: Matthias Jung

Giacomo Meyerbeers „Le Prophète“ am Essener Aalto-Theater Foto: Matthias Jung

Zum ersten Mal in der Geschichte des Essener Aalto-Theaters wird eine Oper von Giacomo Meyerbeer aufgeführt: Le Prophète. Dass der im selben Jahr wie Rossini geborene Komponist samt seiner gewaltigen historischen Sujets so lange in Vergessenheit geraten ist, erscheint nach diesem fünfstündigen Abend fast unbegreiflich, denn die Inszenierung von Vincent Boussard erweist sich – gerade im Musiktheater keine Selbstverständlichkeit – als echter zeitgemäßer Hingucker.

von HELGE KREISKÖTHER

Die Uraufführung von Meyerbeers Prophète fand im April 1849 in Paris statt. Hier war der deutsche Komponist jüdischer Abstammung, seit 1842 Preußischer Generalmusikdirektor, längst zu einem der schillerndsten Sterne am Musikhimmel aufgestiegen, da sich die von ihm etablierte Gattung der Grand Opéra auf den europäischen Bühnen größter Beliebtheit erfreute. Ein opulenter Orchestersatz mit vielen Märschen und Balletten, historische Settings aus dem Mittelalter (inspiriert durch Walter Scotts Romane), Massenszenen – musikdramaturgische Zutaten wie diese entfernten Meyerbeer nicht nur von Vorläufern wie Spontini, Auber und Rossini, sondern beeinflussten auch maßgeblich spätere Komponisten à la Verdi und Wagner. Gerade wegen seiner „Effekthascherei“ und dem steten Wechsel zwischen dramatischen und Buffo-Passagen wurde Meyerbeer aber auch immer wieder von ernsteren Kollegen wie Robert Schumann angegriffen und geriet nach seinem Tod, wohl auch wegen antisemitischer Neider, zusehends in Vergessenheit.

Le Prophète markiert nach Robert le diable (1831) und Les Huguenots (1836) sozusagen Meyerbeers „Hattrick“ in Kooperation mit dem Librettisten Eugène Scribe. Weit über den gelegentlich als Konzertzugabe gespielten Krönungsmarsch hinaus vermag dieses Werk zu faszinieren. Im Zentrum der Handlung steht Jan van Leiden (französisiert: Jean de Leyde), jener Wiedertäufer, der 1534 in Münster das „Königreich Zion“ ausrief und bis zur Rückeroberung der Stadt durch die Katholiken eine blutige Schreckensherrschaft errichtete. Meyerbeer und Scribe, die sich von Voltaire und diversen Trivialromanen inspirieren ließen, setzen diesen Ereignissen eine durch die Obrigkeit vereitelte Hochzeit Jeans mit seiner Verlobten Berthe voraus. Anfangs noch widerwilliger Anführer, radikalisiert er sich zusehends, wird zum „Propheten“ erklärt und brennt am Ende, zu spät zur Reue gelangt, seine ganze Umwelt nieder. Ein sensibler Prototyp des modernen Dschihadisten.

Französische Regie trifft auf italienisches Dirigat

Regisseur Vincent Boussard, der (mit Elisabeth de Sauverzac) auch die teils bourgeoisen, teils royalen Kostüme für seine Meyerbeer-Inszenierung entwarf, verlässt sich keinesfalls auf die Mittel der Grand Opéra, wie sie die Zuschauer des 19. Jahrhunderts in Ekstase versetzten. Abgesehen davon, dass es auch heute noch viel zu kostspielig wäre, sämtliche inszenatorischen Vorstellungen Meyerbeers umzusetzen, ist das postmoderne Publikum durch Kino, TV-Serien und digitale Medien auch schlichtweg „abgestumpfter“ als der Opernbesucher vor 200 Jahren. Daher präsentiert der Franzose auf der vielfach routierenden Drehbühne eine bewusst schlichte, beinah abstrakte Kulisse (Vincent Lemaire) mit hohen Wänden. Dank verschiedener Lichtstimmungen (Guido Levi) und detailfreudiger Videoprojektionen wirken die Räume jedoch vergrößert, werden gespiegelt und um einige Accessoires wie z. B. überdimensionale Regentropfen bereichert. Die Inszenierung ist somit über jegliche lästige Schubladisierung erhaben – E-Gitarre und Kruzifix gehören gleichermaßen zum Inventar. Und aufgetürmte Stauder-Kästen bedienen den Lokalpatriotismus.

Maestro Giuliano Carella, der im Aalto-Theater schon die musikalische Leitung des Nabucco übernommen hat, führt die Essener Philharmoniker bei ihrer ersten Meyerbeer-Premiere souverän durch den Abend. So erwecken sie die anspruchsvolle Partitur, der die neueste historisch-kritische Ausgabe des Folkwang-Professors Matthias Brzoska zugrunde liegt, mit viel Schwung (etwa im Schlittschuhläufer-Ballett) und der stellenweise nötigen Intimität zum Leben. Vor allem die Holzbläser (inklusive Saxofon) glänzen in etlichen Solopassagen, während anschmiegsame Streicher und virtuoses Blech Meyerbeers melodisches Talent und seine farbenfrohe Orchestration unter Beweis stellen. Gänsehaut stellt sich vor allem beim wiederkehrenden düsteren Choral Ad nos, ad salutarem undam ein.

Giacomo Meyerbeers "Le Prophète" am Essener Aalto-Theater Foto: Matthias Jung

Giacomo Meyerbeers „Le Prophète“ am Essener Aalto-Theater Foto: Matthias Jung

Sänger, die Meyerbeer leuchten lassen

In der Titelrolle weiß der US-amerikanische Tenor John Osborn zu glänzen: Lyrisch bis in die höchsten Lagen, aber auch mit dramatischem Timbre gestaltet er Jean de Leyde als facettenreiche Opernfigur, die es mühelos mit der Repertoire-Konkurrenz aufnehmen kann. Marianne Cornetti, die am Schluss den größten Beifall erntet, singt mit unwahrscheinlich kraftvollem Mezzo die Mutter Fidès, dramaturgischer Dreh- und Angelpunkt von Jeans Schicksal. Lynette Tapia glänzt als Berthe wiederum mit kristallklaren Koloraturen – schon ihre erste Arie Mon cœur s’élance et palpite erweist sich als eingängiger Genuss. Darüber hinaus überzeugen auch Albrecht Kludszuweit, Pierre Doyen und Tijl Faveyts als Jeans extremistische Begleiter in Basslage. Last but not least muss der Aalto-Chor (mit eingeschlossen der Kinderchor) für seine artikulatorische Präzision und seine darstellerischen Qualitäten in den Massentableaus gelobt werden.

Heinrich Heine bezeichnete Meyerbeer nach einem Treffen in Paris als „ängstliches Genie“ voller Selbstzweifel – seiner facettenreichen, mal zupackenden, mal leichtfüßigen Klangsprache merkt man diesen Charakterzug nicht im Geringsten an. Zwar steckt Le Prophète voller Anachronismen und musikalischer Stilbrüche, gerade deswegen ist er aber vielleicht eine der Opern unserer Zeit. Die Essener Inszenierung zu besuchen, lohnt sich allein schon ob der heutzutage seltenen Möglichkeit, diesen „Blockbuster“ des Musiktheaters einmal live zu erleben. Darüber hinaus bewegt sie sich aber, wie so oft im Aalto-Theater, auf allerhöchstem musikalischem Niveau. Nicht nur für die Werke des großen Richard Wagner lohnt es sich also, ellenlange Stunden in der Oper zu verbringen – oder besser: zu genießen.

 

Informationen zur Inszenierung
 
Nächste Vorstellungen:
Donnerstag, der 13. April
Sonntag, der 16. April
Sonntag, der 23. April

 

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