Menschenopfer für die Freiheit

"Prometheus/Egmont" bei den Ruhrfestspielen Foto: Krusebild

„Prometheus/Egmont“ bei den Ruhrfestspielen Foto: Krusebild

Die Ruhrfestspiele setzen den Feinden der Demokratie in einer Lesung mit Sebastian Koch die Freiheits-Märtyrer Prometheus/Egmont entgegen. Die Aussicht, die das ergibt, ist wenig erträglich. Doch es sind eben ernste Zeiten, sagt der Regisseur.

von FABIAN MAY

„Ich sage dir, sie wagen’s nicht, die Tyrannei so offenkundig aufzustellen“, sagt Goethes Volksheld Egmont, Statthalter der protestantischen Niederländer, über die streng katholischen Besatzer aus Spanien. Bis ihm der spanische Herzog von Alba zynisch entgegenhält: „Was ist des Freiesten Freiheit? Recht zu tun! – und daran wird der Herrscher sie nicht hindern.“ Sagt’s und entlässt ihn in Richtung Schafott. Diese Argumentation könnte auch von einem heutigen Glaubenskrieger kommen.

Überhaupt ist an diesem Stoff viel Aktuelles dran, finden die Recklinghäuser Ruhrfestspiele, die dieses Jahr unter dem endzeitlichen Motto „Kopf über, Welt unter“ stattfinden. Deswegen haben sie den Freiheits-Märtyrer Egmont in einer szenischen Lesung aufbereiten lassen – zusammen mit der Urfigur aller Aufklärer und Rebellen, dem Feuerbringer und Menschenfreund Prometheus, den Zeus zur Strafe ans Kaukasus-Gebirge schmieden ließ.  Vor zwei Wochen hatte Prometheus/Egmont im Ruhrfestspielhaus Uraufführung.

Rebellen gegen eine Macht, die mit Angst operiert

Schauspieler Sebastian Koch sitzt rechts und liest alle Rollen, konzentriert und stimmlich sehr ausdrucksstark. Opernsängerin Marie Arnet singt Egmonts Geliebte Clärchen und rezitiert das Gedicht Prometheus, in welchem Lord Byron das Gottgleiche, Schöpferische im Menschen besingt. Links spielt das Orchester Wiener Akademie Passagen aus Beethovens berühmter Egmont-Stückmusik und „einer völlig neuen Montage des Prometheus-Balletts“, wie Regisseur Alexander Wiegold sagt.

Die Prometheus-Texte der ersten Dreiviertelstunde schrieb Drehbuch-Oscarpreisträger Christopher Hampton aus Goethe, Byron und Percy Bysshe Shelly, Aischylos, Ovid und Kafka zusammen. Den Egmont der zweiten Hälfte collagierte Regisseur Wiegold aus Goethe, Schiller und nacherzählenden Passagen aus der Feder Franz Grillparzers. Beide Figuren rebellierten „gegen eine Autorität, die mit Angst operiert und Freiheit unterdrückt“, erklärt Wiegold die Schnittmenge.

Es gibt auch eine Videoprojektion (Atzgerei Visual Design). In Neunziger-Animations- und Musikvideo-Ästhetik zeigt sie Adler und einen hadernden Prometheus aus Lehm, ein Durcheinander von Chinesischen Mauern sowie baumelnde Galgenschlingen. Ob das neben Text und Musik eine echte dritte Ebene hinzufügt, darüber kann man streiten. Wenn man die Augen schließt, ist der Abend so eine Art Live-Hörbuch mit Musik. Genre: Theater-Essay.

Die These ist klar. „In diesem Moment in einer etablierten Demokratie fühlt man sich von allen Seiten umzingelt von Autokraten, die anfangen, alles wieder abzumontieren, was über 200 Jahre unter Einsatz vieler Menschenleben erreicht wurde“, sagt Regisseur Wiegold nach der Uraufführung. „Wie kämpft man gegen so was an? Sicher nicht allein mit friedlichen Sit-ins.“

"Prometheus/Egmont" bei den Ruhrfestspielen Foto: Krusebild

„Prometheus/Egmont“ bei den Ruhrfestspielen Foto: Krusebild

„Ich sterbe für die Freiheit, für die ich lebte“

Da hat es einen gar nicht so theoretischen Klang, wenn Goethes Literarisierung des historischen Egmont vor seiner Hinrichtung sagt: „Ich sterbe für die Freiheit, für die ich lebte.“ Die Geschichte lehrt, dass auf den Opfertod zunächst der 80-jährige und 30-jährige Krieg folgten, bevor es zum Westfälischen Frieden und ersten religiösen Freiheiten kam.

Kaum eine erträgliche Aussicht für Menschen von heute. Und doch bleibt die Frage zurück, die Wiegold nach der Aufführung formuliert: „Braucht es nicht für den Erhalt der Freiheit, wenn sie bedroht ist, Menschen, die wirklich bereit sind, dafür zu kämpfen?“ Und Egmonts Appell: „Erhebt euch! Tapfres Volk! Empört euch! Stellt euch den Feinden unsrer Freiheit starr entgegen.“

Informationen zur Lesung

 

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