Wut, Rage und Frustration

"Wut/Rage" bei den Ruhrfestspielen Foto: Krafft Angerer

„Wut/Rage“ bei den Ruhrfestspielen Foto: Krafft Angerer

Als eine der zwei letzten Premieren der diese Spielzeit sehr politischen und überaus erfolgreichen Ruhrfestspiele wurde nun – zumindest in dieser Konstellation – eine Uraufführung aus dem Hamburger Thalia Theater auf die große Bühne in Recklinghausen gebracht: Sebastian Nüblings und Julia Lochtes Konglomerat Wut/Rage von Elfriede Jelinek bzw. Simon Stephens mag thematisch harmonieren, scheitert jedoch an der exzessiven Wiedergabe, die oft den brisanten Inhalt der Textfragmente ver- und überspielt.

von ANNIKA MEYER

Es wird gesoffen und getanzt, geflirtet und gepöbelt, gepisst und gekotzt – nein, hier werden sicher nicht E.T.A. Hoffmanns Die Abenteuer der Sylvester-Nacht dargestellt, sondern Silvestereskapaden in Manchester, die vom britischen Fotografen Joel Goodman als Bilderserie veröffentlicht wurden, welcher wiederum der britische Dramatiker Simon Stephens Sprache verleiht. Doch der Abend beginnt mit Jelinek. Karin Neuhäuser betritt in Wärteruniform die Bühne, rollt ein Absperrband auf und spricht. Über die Ursachen für Morde, die Quelle des Zorns, Prophetenbilder, die Loslösung von Gott und anderen Führungsfiguren („jeder Mensch besiegt jeden Gott, der nicht seiner ist“) und vieles mehr. Stilistisch und rhetorisch ist das in Jelinekʼscher Manier natürlich höchste Sprachkunst, die Neuhäuser mal süffisant, dann wieder trocken und zynisch gelungen von sich gibt. Doch bereits hier gehen Haltungen und Figuren derart fließend ineinander über, dass es schwerfällt, klare und nachvollziehbare Statements aus dem Potpourri an Äußerungen zu erkennen. Abwechselnd zu diesen Sprachtiraden erleben wir das restliche Ensemble (Kristof Van Boven, Marina Galic, Julian Greis, Franziska Hartmann, Marie Löcker, Sven Scheiker und Sebastian Zimmer) als aufgewühlte Generation Y, die sich unter dem anfangs noch unbeleuchteten Schriftzug „Happy New Year“ auf der sonst pragmatisch kargen Bühne (Bühne: Eva-Maria Bauer) vieles vom Neuen Jahr verspricht, aber auch wütend ist über die aktuellen Zustände.

"Wut/Rage" bei den Ruhrfestspielen Foto: Krafft Angerer

„Wut/Rage“ bei den Ruhrfestspielen Foto: Krafft Angerer

Bunte Effekte, blasse Figuren

Welche das sind, wird jedoch nicht immer klar. Man erlebt eine verlorene Generation, die so schnell von erotischer zu beleidigender und rassistischer Anmache wechselt, dass man sich verwirrt fragt, was da gerade vor sich geht. Oder versteht der deutsche Theatergänger einfach nur nicht das seelische Dilemma des britischen Millennials? Sich in Stephensʼ und Jelineks Wutbürger und Neopopulisten hineinzuversetzen, ist schon aus moralischer Sicht ein emotionaler Kraftakt, da hilft es nicht, dass das Ensemble zu Elektromusik zwanghaft zuckend und zappelnd (Musik: Lars Wittershagen) zwar Hasstiraden und Ausrufe der Verlorenheit von sich gibt, diese aber nur selten mit Begründungen oder Beispielen untermauert. Zumindest bleibt man durch optische Bonbons wie knallige Partykostüme, bunt blinkende Schuhe und ein pinkelndes Pikachu (Kostüme: Pascale Martin) doch irgendwie am Ball. Und dann ist da ja immer mal wieder die Königin der eloquenten Tiraden. Nicht nur Karin Neuhäuser darf Jelinek zum Besten geben, auch das restliche Ensemble lässt mal chorisch, mal in Monologen hören, was die Autorin den rechten, den rassistischen, den voreingenommenen, aber auch den ängstlichen Menschen im aufgewühlten Westeuropa in den Mund legt. Bedauerlich ist auch hier, dass die Vortragsweisen – es wird gebrüllt, gehetzt und dümmlich gestritten – vom eigentlichen Inhalt ablenken. Versöhnlich stimmt dagegen jede Gesangseinlage, die das Ensemble mehrstimmig und äußerst harmonisch ab der zweiten Hälfte des Abends als Statements zwischen den doch manchmal ermüdenden und langen Wortschwallen abgibt. Besonders das „Auld Lang Syne“, gesungen unter der nun als Feuerwerk bespielten „Happy New Year“-Leuchtreklame, bildet dabei eine schöne und zynische Rückführung zu den kurzen Szenen um Stephensʼ bzw. Goodmans Silvesterbilder. Zuletzt bleiben wesentliche Fragen offen, aber das sehen wohl auch viele der namenlosen und frustrierten Figuren. Karin Neuhäuser stellt am Ende gar fest: „Eine Wirrnis habe ich erreicht anstatt einer Wahrheit.“ Wohl wahr.

 

Informationen zur Inszenierung

 

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