Vater sein, Kind sein – glücklich sein

Liebesgeschichte mal anders: Jochen Schmidts Zuckersand ist eine bittersüße Liebeserklärung eines Vaters an den Sohn. Mit skurrilen Marotten und einer wehmütigen Melancholie um die eigene Kindheit nimmt Schmidt seine Leser mit auf eine Expedition zur Erforschung des Alltags mit Kind.

von ELISA TINNAPPEL

Die Forschungsreise des Protagonisten führt durch das alltägliche Leben. Forschungsobjekt ist Karl – Sohn eines namenlosen Ich-Erzählers und dessen Lebenspartnerin Klara. Diese teilt die Leidenschaft für alles, was mit dem gemeinsamen Kind zusammenhängt, führt selbst Tagebuch zum Entwicklungsstand und gibt telefonische Anweisungen zum Umgang mit Karl in ihrer Abwesenheit. Karls Vater beschreibt sich losgelöst von seiner Erzählerfigur als Schreibenden und seine Motivation. Er versteht sich selbst als berichterstattenden Dokumentar, der gegen das Verblassen von Erinnerungen arbeitet, die neu hinzukommenden Eindrücken unaufhaltsam Platz machen müssen. So wie die im Text erhaltenen Markenartikel, Firmen- und Fernsehsendungsnamen (Bobby-Car, Lux-Seife, 1-2 oder 3), von denen nicht alle die Zeit überdauert haben. Daher notiert er alles, was ihm im Zusammenhang mit seinem Kind wichtig erscheint (und das ist im Grunde jedes Detail): die erste Begegnung mit Klara, die bekanntlich zu Karls Entstehung führte, Karls Kopfumfang bei der Geburt, dessen tagesaktuelle Interessen oder unvollständige Sätze, mit denen der Sohn ihn an seiner Welt teilhaben lässt. Karls Neugierde auf das Leben und alles, was er bemerkt und was ihn fasziniert, holen Erinnerungen an die eigene Kindheit hervor, mit ihren verschrobenen Fragen, skurrilen Beobachtungen und Glücksmomenten.

Große Glücksmomente mit kleinem Kind

Und genau um diese Glücksmomente geht es in Zuckersand. Manchmal sind sie von einschneidender Bedeutung, wie all das, was man zum ersten Mal gemeinsam erlebt. Doch die meiste Zeit liegen sie verborgen im Alltäglichen, sind anstrengend, kosten Kraft und man muss sich daran erinnern, dass sie auch von Bedeutung sind. Wenn also Karl die Welt entdecken will, hält der Vater inne, um zuzusehen und die Schönheit und das Glück mitzuerleben. Er nimmt jede Regung des Kinderkosmos genauestens unter die Lupe und analysiert erst Karls und dann die eigene Welt. Dabei gibt es viel zu entdecken und wenig zu beachten: Pfützen, Kindereinkaufswagen, das wiederholte Betätigen eines Lichtschalters oder Sperrmüll am Straßenrand. Einfach alles kann an Bedeutung gewinnen, sobald Karl es bemerkt. Nur in sorgfältig abgewogenen Situationen, die eine Gefahr für das Kind darstellen, kann sich der Vater dazu entschließen, aus seiner Zuschauerposition auszubrechen. Das Kind soll nichts verpassen, nicht beschnitten werden an eigenen Erfahrungen. Denn viel lieber nimmt er teil und reflektiert über sich selbst als Kind, seine Beziehung zu Klara, die auch an die Notwendigkeiten wie Einkaufslisten denken muss, und über philosophische Fragen, wie es möglich ist, Vater zu sein, wenn man doch vorher selbst Sohn war.

Alles Licht auf Karl, oder?

Jedem Kapitel ist jeweils eine Schwarzweiß-Illustration vorangestellt, eine Vignette der Zeichnerin Line Hoven. Durch die Illustrationen wird der Inhalt bildlich unterstützt. Handelt ein Kapitel beispielsweise von Klaras Wohnung, die allerhand weibliche Kuriositäten und Karls Habseligkeiten beherbergt, wird dem Kapitel ein großer Filzpantoffel mit vielen kleineren Hausschuhen vorangestellt und anschließend im Text thematisiert. Auch übernehmen die Vignetten eine ähnliche Funktion, wie sie aus der Fotografie bekannt sind. Sie stützen somit die Erkenntnis, dass nur ein Teil des Geschehens, ein kleiner Auszug beleuchtet werden kann und sollte. Eine perfekte Bild-Text-Symbiose. Auch wenn Karl im Zentrum aller Überlegungen steht, geht es dem Ich-Erzähler auch um weitere Fragen. Fragen nach der Beziehung zu anderen Menschen. Zu Klara, mit der es nicht immer einfach ist und die trotzdem zusammenziehen möchte, oder seinen Eltern und deren Qualität als Vater und Mutter. Aber auch um den namenlosen Erzähler selbst, der sich bei oberflächlicher Betrachtung selbstlos in den Hintergrund rücken lässt, aber mit seinen Bemerkungen und Bewertungen Schlüsselfigur der gesamten Handlung ist. Denn schließlich geht es um sein Stückchen Glück, das er in seinem Kind gefunden hat.

Jochen Schmidt: Zuckersand
C.H. Beck, 206 Seiten
Preis: 18 Euro
ISBN: 978-3-406-70509-0

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