Menschen, die Pech hatten

COVER_Leonie Ossowski_Weckels Angst_PiperEin Jugendlicher bemerkt in der Strafanstalt, dass sein Leben keinen Sinn ergibt, weigert sich zum ersten Mal seine Zellenmitbewohner oral zu befriedigen, wird von ihnen so schikaniert, dass er ineinander gehackte Nadeln schluckt und stirbt. Dieser Jugendlicher ist Weckel und der Titelheld von Leonie Ossowski Weckels Angst. Mannheimer Erzählungen. Seine Geschichte sowie jene von sieben seiner Bekannten werden so individuell und detailreich beschrieben, dass es unmöglich wird, die Figuren in die Schublade „jugendliche Straftäter“ zu stecken.

von CAROLINE KÖNIGS

Da sie nichts Besseres zu tun haben, trifft sich in Mannheim eine Gruppe von jungen Erwachsenen regelmäßig in der Kneipe Hobel. Viele von ihnen wurden physisch misshandelt, manche im Elternhaus, andere im Heim. Da ihnen nie eine Perspektive geboten wurde und sie nie mit Moralvorstellungen in Kontakt gebracht wurden, haben für sie Diebstähle und Gewaltverbrechen nichts mit Skrupel zu tun – sie machen es, weil es sonst nichts zu tun gibt. So gibt es zum Beispiel Littel, der von seinem Ziehvater schlecht ernährt und geschlagen wurde. Littels einziges Ziel wird es, so viel zu essen und kräftig zu werden, dass er ihn eines Tages ebenfalls verprügeln kann. Durch sein aggressives Verhalten und seine Angst ebenso gefühlskalt wie Weckel von seinen Freunden beerdigt zu werden, schlägt er grundlos einen wehrlosen Passanten zusammen. Somit endet auch seine Geschichte in der Vollzugsanstalt.

Mehr als eine sozialwissenschaftliche Studie

Langeweile, fehlende Liebe und Vorbilder im Kindesalter – diese angeschnittenen Themen sind typisch und klischeehaft, um das Verhalten von jugendlichen Straftätern zu erklären. Doch der Erzählband ist mehr als eine Rechtfertigung der Sozialisationstheorie (Kriminalität hänge oft mit misslungener Erziehung im Kindesalter zusammen). Die ehemalige Sozialarbeiterin Ossowski bleibt bewusst nah bei den Gedanken der Figuren. Es wird sowohl beschrieben, wie sich der Sand anhört, wenn er auf Weckels Sarg geworfen wird, als auch die sexuellen Bedürfnisse der Jugendlichen in der Vollzugsanstalt. Durch diese Nähe und Ehrlichkeit fällt es dem Leser leicht mit den Figuren mitzufühlen. Sogar Gewaltverbrechen, die gefühlskalt begangen werden, erreichen zum Teil eine gewisse Nachvollziehbarkeit für den Leser, da der beschriebene soziale Hintergrund der Figuren nicht vergessen werden kann.

Formspiele

Erzählerisch schwankt das Werk zwischen gelungenen Strategien und pathetischen Feststellungen. Die einzelnen Geschichten sind inhaltlich miteinander verbunden, doch nicht alle Zusammenhänge sind sofort ersichtlich durch die Verwendung von Spitznamen oder chronologischen Spielereien – der Leser bekommt die Freiheit, sich die Zusammenhänge selbst zu erschließen, wodurch das Lesevergnügen trotz der etwas übersättigten Jugendkriminalitätsthematik aufrechterhalten wird. Der Schreibstil ist an die Sprache der Figuren angepasst, was Ossowski authentisch gelingt. Enttäuschend sind im Gegensatz dazu die Kapitelenden. Die einzelnen Erzählungen sind bis zum Ende ohne Wertung, dadurch dass nur Handlungen oder die Gefühle der Figuren beschrieben werden, doch oft schleichen sich Pointen-Sätze ein, die entweder die Tragik der Geschichte zusammenzufassen versuchen oder unterschwellig eine wertende Meinung der Sozialarbeiterin beinhalten, wodurch eine überzogene Melodramatik entsteht. Weckels Angst wird dadurch nicht zu einem überragenden, jedoch einem guten Werk über Jugendkriminalität. Denn die Thematik der Jugendkriminalität kann nicht geleugnet werden, jedoch wird in dem Erzählband fokussiert, dass sie als Resultat gesellschaftlicher Missstände zu sehen ist, sodass die Figuren lieber als „Menschen, die Pech hatten“ bezeichnet werden statt als deren zu häufiges Resultat: jugendliche Straftäter.

 

Leonie Ossowski: Weckels Angst. Mannheimer Erzählungen
Piper, 98 Seiten
Preis: 10,00 Euro
ISBN: 978-3-49250-0852

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