Kerzenlicht im Nebelmeer

COVER_Ada Dorian_Betrunkene Bäume_UllsteinBetrunkene Bäume führt seine Leser auf eine Reise ins Dunkle. Die Figuren geben wenig von sich preis, Ort und Zeit scheinen zu verschwimmen. Gerade wenn man meint, man durchblicke das Geflecht an Beziehungen, wartet am Ende der Seite eine neuerliche Überraschung. Doch mit dem Lüften des Schleiers verliert Ada Dorians Erzählung auch ihren Charme – gerade das Ende enttäuscht und wirft die Frage auf, ob die gesamte Geschichte nicht mehr als eine Nebelkerze ist.

von THOMAS STÖCK

Am Beginn der Erzählung steht Wolodja, ein mittelloser, wortkarger Russe. Er sucht Arbeit, die im kalten Sibirien jedoch rar gesät ist. Ein Bekannter vermittelt ihn an einen Deutschen, der in die Wälder der Taiga reist, um die Auswirkungen des Klimawandels zu untersuchen. Die Offerte lässt sich Wolodja nicht entgehen, gleichzeitig sieht er sich jedoch nicht dazu bemüßigt, dem Fremden seine Kenntnis der deutschen Sprache zu offenbaren. Die Reise beginnt – doch statt einem Abenteuer in der Wildnis blickt ein Mann Anfang 80 aus seiner Wohnung zum Fenster hinaus auf einen deutschen Straßenzug. Dieser Bruch ist typisch für Betrunkene Bäume: Kaum ergibt sich aus dem Mosaik der Sätze ein zusammenhängendes Bild und der Leser beginnt zu verstehen, in was für einer Situation die Figuren sich befinden, wechselt die Perspektive und – zumindest scheinbar – auch das Personenkontingent. An Wolodjas statt gedenkt nun Erich der alten, besseren Zeiten. Sein Dasein ist heute nur mehr mit dem Gestern verwachsen, besonders mit seiner Arbeit. Einige der Pflanzen, mit denen er sich beschäftigt, prägen das Bild seiner verwahrlosten Wohnung. Erichs Körper gestattet es ihm nicht mehr, sich um sein Zuhause und die Bäume angemessen zu kümmern, auf einer Einkaufstour verunfallt er sogar. Doch auch im Krankenhaus lässt ihn die Arbeit nicht los: Er bittet die Schwester um ein Telefon, um den täglichen Anruf aus Sibirien zu erhalten. Um Daten über die Bäume zu erhalten. Um auf dem Laufenden zu bleiben. Wieder ein Perspektivwechsel, auf Erich folgt Katharina, eine junge Frau kurz vor dem Abitur, die vom Vater verlassen und von der Mutter enttäuscht sich dazu entschließt, von Zuhause auszureißen. Der Vater hat laut Katharina die Flucht vor ihrer fremdgehenden Mutter ergriffen und eine Anstellung im entfernten Sibirien übernommen. Die von Katharina in Anspruch genommene Hilfe eines befreundeten Drogendealers verschlägt sie in eine Unterbringung gegenübergelegen von Erichs Wohnung. Und langsam schließt sich der Kreis.

Zwischen Christoph Ransmayr, Jojo Moyes und jeder Menge Kitsch

Während sich die verschiedenen Handlungsstränge entwirren, verlieren die Figuren das, was sie bisher ausgemacht hat: Statt Unnahbarkeit bieten sie nun Einblicke in ihre Gefühlswelt. So hadert Erich damit, dass er seinem Freund Wolodja die Frau ausgespannt hat, obwohl Wolodja ihn doch durch die Wildnis geleitet hat und die beiden so etwas wie Freunde geworden sind. Seine Gewissensbisse scheinen jedoch aus der Luft gegriffen, denn Wolodja selbst verlässt seine Partnerin – und das gleich zweimal. Den Begriff Freundschaft scheint es in seiner Vorstellungswelt ohnehin längst nicht mehr zu geben. Einziges Zeichen von Anteilnahme an dem gemeinsamen Kind ist das bisschen Geld, das er sich durch die Arbeit für Erich dazuverdient hat und seiner Frau nun zur Verfügung stellt. Immerhin überzeugen die Passagen in der öden Wildnis Sibiriens, die beinahe an Ransmayrsche Welten erinnern. Nicht zuletzt stellt die Reise nach Sibirien auch für Katharinas Vater eine Reise „ans Ende der Welt“ dar. Katharina selbst nähert sich dem alten Nachbarn an, beide eint eine ähnliche Beziehung wie die Protagonisten in Le second souffle (von Philippe Pozzo di Borgo, dt.: Ziemlich beste Freunde) oder Me Before You (von Jojo Moyes, dt.: Ein ganzes halbes Jahr): Der pflegebedürftige, geistig jedoch auf der Höhe der Zeit befindliche Erich gibt der arbeits-, mittel- und beinahe auch obdachlosen Katharina Geld, damit sie ihm unter die Arme greift, sie behandelt ihn vorurteilsfrei und interessiert sich für seine Arbeit mit den Bäumen. Weitere Anspielungen wie ein nur knapp überlebter Bärenkampf Wolodjas (Alejandro Iñárritus Film The Revenant) treiben die intermedialen Anspielungen leider ins Groteske. Die vielen zufälligen Gemeinsamkeiten der Figuren entringen dem Leser überdies nicht mehr als ein müdes Augenrollen.

Weniger ist mehr ist weniger

Das Potenzial der Erzählung, die zu Beginn wundersame Landschaften zeichnet, zeitlose Charaktere zu kreieren scheint und die Neugierde des Lesenden auf mehr weckt, kann nicht über die Schwächen hinwegtäuschen. Die drei Perspektiven, Handlungsstränge und Schicksale inklusive der Anspielungen bieten genug Raum für mehrere Bücher. Leider nimmt sich die Autorin jedoch nicht die Zeit, sie mit einer kontinuierlichen Strahlkraft auszustatten, die sie zwischenzeitlich entwickeln. Hätte Dorian es nicht bei einer der Personen belassen können? Hätte Wolodja als einzelne Persönlichkeit mit seinem Überlebenskampf nicht genug Anknüpfungspotenzial? Erst im Straflager, dann in der Wildnis, in der Folge findet er sich nicht richtig in der Zivilisation zurecht, bleibt stattdessen auf sich allein gestellt, begleitet nur von seinem treuen tierischen Weggefährten. Und hätten Erich sowie die Widrigkeiten im fortschreitenden Alter nicht auch zu einer separaten Geschichte gereichen können? Gerade das angespannte Verhältnis zur Tochter, die gar nicht seine leibliche ist und ihn nun mehr und mehr zu entmündigen sucht, kommt leider zu kurz in der vorliegenden Erzählung; hierbei bleiben seine nach Russland abgewanderte Frau und sein Verhältnis zu ihr noch unerwähnt. Ebenso wäre Katharina in einer separaten Geschichte besser aufgehoben gewesen. Man hätte sich mehr mit ihr und ihren häuslichen Verhältnissen auseinandersetzen können, ihr hätte das harte Leben auf der Straße widerfahren und sie hätte es bewältigen können – wenn sie nur die Einzige gewesen wäre. Doch die große Erleuchtung der drei Leben bleibt aus und mit dem Erlöschen der letzten Wörter sehnt man sich wieder das Nebelmeer der ersten Seiten herbei.

Ada Dorian: Betrunkene Bäume
Ullstein Verlag, 268 Seiten
Preis: 18,00 Euro
ISBN: 978-3-961-01001-1

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