„Heimatlosigkeit muss nicht falsch sein“

COVER_Ilija Trojanow_Nach der Flucht_FischerFlucht und Vertreibung hat es schon immer gegeben. Viele Medien reißen sich um
Geschichten von Flüchtenden, suchen die dramatischsten Bilder und wetteifern um die authentischsten Interviews. Ganz anders bearbeitet Ilija Trojanow das Thema in Nach der Flucht. Ihm geht es explizit nicht um das Flüchten im herkömmlichen Sinne, obwohl sein Werk dieses Wort im Titel trägt. Zentral ist für ihn das, was nach der Flucht übrig bleibt. Damit stellt er eine spannende, andere Perspektive auf die Thematik dar, die demgegenüber jedoch sprachlich häufig hinterherhinkt.

von ALINA WOLSKI

Schon beim Aufschlagen des Buches fällt die andere Sichtweise auf: Trojanow widmet Nach der Flucht seinen Eltern, die ihn „mit der Flucht beschenkten“. Denn die Familie verließ Bulgarien im Jahr 1971. Obwohl es so anmuten mag, ist Nach der Flucht kein moralisches Pamphlet, in welchem der Autor weltfremd über die Flucht philosophiert, von Walter Benjamin zu Paul Celan und seinen eigenen Erfahrungen wandernd Schlüsse zieht und schließlich fernab der Betroffenen vor seinem neuen Apple-PC sitzend ein Urteil druckfertig auf Papier bringt. Er stellt vielmehr dar, dass es lange dauert, bis der Einzelne Nutzen aus der Flucht ziehen kann. Und vor allem betont er, dass Heimatlosigkeit „nicht falsch sein“ muss. Diese Ideen eiß der Autor zu isolieren. Statt sie in ein Romangeschehen einzubauen, stehen sie als These, Dramolett, Beobachtung oder Zitat verkleidet und durchnummeriert alleine da: Mal ist es nur ein kurzer Satz, der sich schnell wieder verflüchtigen möchte, doch hin und wieder schlängelt sich eine Anekdote über zwei Seiten des Buches.

Zwischen Einzelfallbetrachtung und Stereotyp

Die kurzen Texte im ersten Teil „Von den Verstörungen“ werden durch römische Zahlen eingeleitet, was an die heutige häufige Notierung der Zehn Gebote erinnert. Die Kombination mit wiederkehrenden Paradiesvergleichen verleiht ihnen einen religiösen Charakter. Wie die Zehn Gebote erheben die Texte einen Allgemeingültigkeitsanspruch. Das stört ziemlich schnell: Als Leser fühlt man sich durch Formulierungen wie „Jeder Geflüchtete ist…“ und „Die Menschheit muss…“ in die eine oder andere Ecke gezwängt. Entweder wird man selbst zum Flüchtling deklariert oder man ist Außenstehender. Stereotypen werden aufgezogen – Einzelfallbetrachtung? Fehlanzeige. Alle Erfahrung, Information sowie Meinung werden vermengt und den selten auftauchenden, konturlosen, vermeintlich konkreten Schicksalen infundiert. Auf einer halben Seite lässt Trojanow beispielsweise einen Schriftsteller und einen Politiker die Bühne betreten. Der Leser weiß über die Beiden nicht mehr, als dass sie einen Migrationshintergrund haben und wahrscheinlich irgendwann einmal ihre ursprüngliche „Heimat“ verlassen haben. Sie sind nicht mehr als eine Projektion der sich zu Wort meldenden Geflohenen – reinste Metonymie.

„Die Vielfalt der Sprache ist an sich schon Poesie.“

Dass Trojanow den Umgang mit seinem Werkzeug, der Sprache, beherrscht, offenbart sich bereits auf den ersten Seiten. Ausgeklügelte Wortspiele faszinieren erst, dann beginnen sie zu langweilen und schließlich hat man als Leser den Eindruck, den Satz nach den ersten Worten selbst vervollständigen zu können. Durch die Häufigkeit der eingesetzten Stilmittel verlieren diese an Wirkungskraft. Wenn der Autor nun auf Seite 98 von einem Geflüchteten schreibt, der von seinen „Wunden erzählt“ und „Verwunderung erntet“, wähnt man sich in dem Trugschluss, eine solche Aussage schon unzählige Male zuvor in der gleichen sprachlichen Ausgestaltung gelesen zu haben. Und dabei ist es Trojanow selbst, der in Nach der Flucht behauptet, die Vielfalt der Sprache sei an sich schon Poesie. Mit diesem Satz scheint er falsch zu liegen. Denn – betrachtet man den vorliegenden Einzelfall – seinem Werk kann die poetische Sprache nicht aberkannt werden, obwohl sowohl die Vielfalt der Schicksale als auch die der Sprache nach spätestens einem Viertel verloren gegangen und ausgeschöpft zu sein scheint. Doch möglicherweise ist es gerade das, was der Autor versinnbildlichen möchte. Die Wiederholung der sprachlichen Umsetzung ähnelt der Wiederholung von Fluchtbewegungen im Rahmen der verstreichenden Zeit. Das Prinzip bleibt immer gleich, doch das Gesagte, die Bedeutung und die Wirkung verändern sich.

„Amnesie ist der Totengräber der Zukunft“

Nichtsdestotrotz wäre in Nach der Flucht weniger mehr. Die Fragmente, die die zentrale Idee der Flucht als Geschenk tragen, kämen durch eine Kürzung des Textes auf das Wesentliche zum Vorschein und würden ihm stärkere Prägnanz sowie Aussagekraft verleihen. Gerade an Aussagen mangelt es nicht. Mal führt Trojanow den Neologismus „Fremdkehrer“ ein, um damit zu verdeutlichen, dass Heimatlose auch in der Heimkehr fremd sind. Ein anderes Mal vergleicht er Veränderung mit Bewegung und präzisiert direkt: „Kulturelle Entfaltung ist Bewegung ohne Geländer.“ Besonders diese nüchternen und klaren Gedanken nähren Nach der Flucht. Das Werk eignet sich perfekt dazu, die Lektüre aufzuteilen und jeden Tag einen kurzen Text zu lesen; so wirkt die sprachliche Vielfaltslosigkeit nicht ermüdend. Außerdem bietet dies die Möglichkeit, länger über das Gelesene nachzudenken. Denn in Nach der Flucht ist jedes Wort präzise gewählt und hinter jedem Satz versteckt sich ein breites Spektrum an Interpretationsmöglichkeiten. Im Gesamtbild vereinen sich die verschiedenen Argumente, Beispiele, Zitate und Dramolette in einen Fluchtpunkt: der Vergesslichkeit und dem fehlenden Geschichtsbewusstsein des Menschen. Trojanow zeigt, dass die Position des Flüchtenden nicht an eine Nation und eine Zeitspanne gekoppelt ist. Der Hauptanklagepunkt lautet: „Sie können die Welt nicht allein aus der Sicht der gewährten Sicherheit, des erworbenen Wohlstands betrachten.“ Das Urteil: „Die Amnesie ist der Totengräber der Zukunft.“

Ilija Trojanow: Nach der Flucht
S.
Fischer, 126 Seiten
Preis: 15 Euro
ISBN: 9783103972962

 

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