Vom Aufgang der Sonne…

"Sonnenaufgangsautomat" der scheinzeitmenschen Foto: Jörg Gröger

„Sonnenaufgangsautomat“ der scheinzeitmenschen Foto: Jörg Gröger

Pünktlich zur Herbstsaison liefert das Künstler*innenkollektiv scheinzeitmenschen mit der Installation Sonnenaufgangsautomat eine gute Alternative zu den hiesigen Sonnenbänken – nicht nur, um Licht zu tanken, sondern auch, um den bevorstehenden Winterdepressionen helle Momente entgegenzusetzen. Kunst versus Solarium also? Nicht ganz. Trotz diverser Parallelen funktioniert die Arbeit weniger auf einer körperlichen als vielmehr auf einer geistigen Ebene.

von CHRISTOFER SCHMIDT

Eine schwarze, überdimensionale Box in Transportcase-Optik, deren Anblick nicht viel von dem verrät, was sich in ihrem Inneren abspielt, steht im Zentrum der Rottstr5-Kunsthallen. Ihre strenge Geometrie wird von einem weißen, wurmartigen Schlauch aufgebrochen, der in sie hineinführt. Um dieses mysteriöse Konstrukt herum befinden sich die Besucher*innen, die in gemütlicher Atmosphäre – mit Bio-Brot und Kaffee ausgestattet – auf ihren Termin zum Eintritt in die Welt des Sonnenaufgangsautomaten warten. Ist der entsprechende Zeitpunkt gekommen, instruiert Valeska Klug von den scheinzeitmenschen die Anwesenden persönlich über Verlauf und Handhabung der Installation, die entweder allein oder zu zweit betreten werden kann. Inwendig erinnert das dargebotene Arrangement an einen Fotoautomaten: Gegenüber den rundlichen Sitzhockern befindet sich ein Bildschirm, an dem sich aus verschiedenen Programmen das gewünschte auswählen lässt. Aufgrund der limitierten Bewegungsfreiheit und zwischenzeitlichen Dunkelheit im Raum ist klaustrophobisch veranlagten Menschen eher die natürliche Variante des Sonnenaufgangs im Freien zu empfehlen.

Doch was hat es nun mit besagter Maschine auf sich? Auf dem Display erscheinen sieben Vornamen, die an sieben Städtenamen gekoppelt sind. Wird beispielsweise „Elena: Moskau“ via Knopfdruck auserkoren, färbt sich der Monitor zunächst schwarz, die Wände, die mit satiniertem Plexiglas verkleidet sind, beginnen abwechselnd in kräftigen Rot- und Grüntönen zu leuchten, zudem erklingen lärmende Geräusche. Ein starker audiovisueller Eindruck entsteht, der den gesamten Körper affiziert und Assoziationen an die Werke berühmter Lichtkünstler wie James Turell oder Ólafur Elíasson weckt (an Letzteren nicht zuletzt wegen seiner thematisch ähnlichen Arbeit: The Weather Project, 2003). Allmählich erscheint eine junge Frau auf dem Bildschirm. Die intensiven Farben an den Wänden weichen einem kühlen Farbspektrum, das zwischen weiß, blau und grün changiert; eine Stimme wird hörbar. Es scheint sich um die Stimme Elenas zu handeln, so legt es die Mise en Scène nahe, obwohl Bild- und Tonebene nicht synchron sind.

…bis zu ihrem Niedergang…

Die Frau im Fernsehgerät blickt frontal in die Kamera, lächelt und schweigt, während das Voice-Over parallel dazu berichtet: „Moskau besteht aus so vielen Facetten, die sich beim Sonnenaufgang zu einer Collage verbinden und dabei alle Sinne herausfordern: Man hört den zunehmenden Straßenverkehr, Züge und Lärm vom Bahnhof, die Schiffe, das Fegen und Klappern der Straßenkehrer, Stimmen von Menschen und Vögeln.“ Ihre mit samtiger Stimme vorgetragene Beschreibung beflügelt die eigene Imagination und verwandelt den Sonnenaufgangsautomaten in einen Raum der Ruhe und Kontemplation, in dem die eigenen Gedanken schweifen und sich mit ihrer Erzählung verbinden können.

Nach vier Minuten endet allerdings schon das Farbenspiel im Raum – die Erzählung ist noch nicht vorbei, da hüllt sich das Innere des Automaten in Dunkelheit. Lediglich der Monitor spendet noch Licht und bringt dadurch die Sonnenaufgangspatin Elena in eine noch intimere Beziehung mit den Besucher*innen. Spätestens hier wird klar: Der Ereignischarakter des Lichtereignisses ist eher sekundär, die Emphase liegt auf den subjektiven, biografischen Aspekten, über die sich Beziehungen generieren lassen. Beziehungen zur eigenen Erfahrung, zum eigenen Erleben und Empfinden – Beziehungen zum Selbst also, und gleichzeitig finden sich in den Narrationen Anknüpfungspunkte für ein gemeinschaftliches, universelles Wahrnehmen, ein Mit-Sein in der Welt durch die Reflexion eines Naturphänomens.

"Sonnenaufgangsautomat" der scheinzeitmenschen Foto: Jörg Gröger

„Sonnenaufgangsautomat“ der scheinzeitmenschen Foto: Jörg Gröger

…sei gelobet…

Dadurch werden zwei Ebenen auf spannende Weise miteinander verknüpft: zum einen das physikalisch beobachtbare Phänomen Sonnenaufgang, das hier tatsächlich durch die Messung der morgendlichen Lichtverhältnisse an den jeweils sieben Orten mittels technischer Gerätschaften aufgezeichnet wurde und via Computerprogramm ins Innere des Automaten übersetzt wird. Zum anderen die subjektive Dimension der eigenen Perzeption, zu der die vermeintliche Objektivität der wissenschaftlichen Empirie im Kontrast steht. So beschreibt beispielsweise Sonnenaufgangspate Carlos die orangen und roten Farben der Sonne, die wohl die meisten Besucher*innen mit Sonnenauf- und -untergängen verbinden und auch erwarten, doch zur gleichen Zeit erstrahlt die Box in einem ähnlichen Farbenmeer wie bereits bei Elena – in weiß-bläulichen, kalten Farben.

Diese irritierenden Momente zeugen vom Konstruktionscharakter unserer Wirklichkeit: Birk-André Hildebrandt von den scheinzeitmenschen erklärt, dass die Helligkeit, die Zusammensetzung des Lichts durch die verschiedenen Lichtwellen sowie die Feuchtigkeit und Temperatur an den sieben Orten quantifiziert wurden und es sich bei den kalten Farben tatsächlich um die Werte des Farbspektrums handelt, die ermittelt wurden. Doch wie erklärt sich das knallige Rot und Grün, das zu Anfang bei Elena konstatiert wurde? Das liege ganz einfach daran, so Birk-André, dass Elenas Aufnahmegerät über Nacht in einem Fenster vor einer Straßenkreuzung mit Ampeln platziert wurde. Ebensolch kleine Momente machen den Charme dieser Arbeit aus. Sie transformiert Alltägliches in einen künstlerischen Kontext, schärft dadurch den Blick auf das oft Übersehene und regt zum Nachdenken über die eigene Wahrnehmung an. Für die Tourversion wird der Automat noch ein wenig umgebaut, bevor er dann im November und Dezember wieder zu sehen sein wird. Wer also bisher kein Freund von künstlicher UV-Lichtbestrahlung war, könnte es nach dieser Installation werden.

 

Weitere Termine in Bochum:
15. November, 19-21 Uhr
16. und 17. November, 16-22 Uhr
18. November, 13:30-20:30 Uhr
19. November, 10-14 Uhr
blicke filmfestival des ruhrgebiets, Bahnhof Langendreer
01.-03. Dezember 2017
jeweils ab 16 Uhr
Zeche 1 – Zentrum für urbane Kunst

 

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