Identität und Aufstieg

cover_stefan-ferdinand-etgeton_das-glc3bcck-meines-bruders_c-h-beck.jpgIn seinem Roman Das Glück meines Bruders erzählt Stefan Ferdinand Etgeton die bewegende, aber auch paradoxe Geschichte zweier Brüder: die von Botho, der sich von seinen Eltern distanziert und kein Leben am Rande der Unterschicht führen möchte. Und die von Arno, der trockener Alkoholiker ist und sich niemandem unterordnen kann.

von SARAH ARNDT

Die Brüder Botho und Arno van Dijk und Arnos Verlobte Anja fahren zum letzten Mal nach Doel, einem kleinen belgischen Dorf, in dem ihre Großeltern gelebt und sie früher ihre Ferien verbracht haben. Das Dorf ist verlassen, die Fenster der Häuser sind zugenagelt und die Wände graffitibeschmiert: Fast alle Bewohner sind der nahenden Hafenerweiterung gewichen. Die Reise stellt die Beziehung der Brüder auf die Probe. Botho jagt seiner Jugendliebe Lenie hinterher und für Arno reißt der Besuch im großelterlichen Haus alte Wunden auf. Doch während die Reise Arno eine Art Aufarbeitung alter Verletzungen ermöglicht, bleibt Bothos Hoffnung, Lenie wiederzusehen, unerfüllt. Schlussendlich findet Arno, der problembehaftete und oft arbeitslose Bruder, sein Glück, während Botho nun der Verlorene ist.

Familienkonflikte und Identitätsprobleme

Das Verhältnis zu den Eltern ist für beide Protagonisten schwierig. Sie wollen, dass Botho das Zoogeschäft übernimmt, wohingegen dieser andere Pläne hat. Er ist nach Bochum gezogen, hat sein Abitur nachgeholt, ist Lehrer geworden und will auf keinen Fall zu seinen Eltern nach Zwingenberg zurückkehren. Er hat sich abgesondert von dem einfachen Leben seiner Eltern und sich von ihnen und seinem Bruder entfremdet. „Nach unten wird getreten und nach oben gebuckelt. Die Arroganten und die Abgehobenen, die studiert haben und überhaupt nicht mehr wissen, wie die Leute in diesem Land ticken, die hassen uns, die hassen die Normalos“, beschuldigt Arno seinen Bruder. Botho wiederum wünscht sich Akzeptanz, die ihm seine Eltern nicht geben. „Aus dem Arbeiterkind ist kein Arbeiter geworden, verstehst du?“, sagt Botho zu Anja. Durch den Milieuaufstieg ist er sich selbst fremdgeworden, er fühlt sich verloren und weiß nicht, wohin er gehört. Botho verzweifelt über der Unmöglichkeit, seine Vergangenheit mit seiner Gegenwart zu vereinen: Er ist nicht mehr das Dorfkind von früher, aber als Akademiker kann er sich auch nicht identifizieren.

Ein anderer Blickwinkel

Der Roman wird aus Bothos Perspektive geschildert, was einen tiefen Einblick in seine sensible Gefühlswelt ermöglicht. Er ist verletzt, weil seine Eltern sich nicht um Arno gekümmert haben, als es diesem schlecht ging und sich nicht bei ihm bedankten, als er Arno half. Ihm fehlt die Akzeptanz und Anerkennung seiner Eltern für den Lebensweg, den er eingeschlagen hat. Der Erzählstil ist gleichzeitig nüchtern und poetisch: Klare Beschreibungen der Handlung und Umgebung sind mit einzelnen ausdrucksvollen Beschreibungen verbunden: „Wir schenkten uns gegenseitig Kaffee aus der Thermoskanne ein und wurden angesaugt von der Sonne.“ Diese Mischung erzeugt eine Balance zwischen Metaphorik und Sachlichkeit, die einen beschwingten Erzählton erzeugt. Besonders gut gelingt dem Autor die Beschreibung von Emotionen, was eine Identifikation mit den Figuren ermöglicht. So wird Anja zu einem „Freudenreaktor“, der „leuchtet“ und „Funken sprüht“ und die anderen mit ihrer guten Stimmung ansteckt. Die Gespräche und Gedanken der Figuren haben stellenweise einen philosophischen Charakter, so zum Beispiel, als Botho anmerkt, dass Betrug ein Anagramm von Geburt sei. Auch politische Themen, wie Integration von Ausländern, werden am Rande angeschnitten, aber im Mittelpunkt steht die Problematik der Identifikation nach einem gesellschaftlichen Aufstieg. Dabei werden sowohl die Diskrepanzen zwischen Ober- und Unterschicht deutlich, als auch die Mühen, die jemand, der aus einer Arbeiterfamilie kommt, aufbringen muss, um gesellschaftlich aufzusteigen. Der Roman schafft es, Einblicke in diese Thematik und die damit verbundenen Schwierigkeiten und Probleme zu geben, ohne Stellung zu beziehen. Bothos Perspektive auf die Gesellschaft ist besonders, da er sowohl die Bedürfnisse und Sorgen der Unterschicht als auch der Oberschicht versteht. Und genau dies ist sein Problem: Er versteht zwar die Probleme der Unterschicht, aber es sind nicht mehr die seinen. Dennoch kann Botho sich nicht als Teil der der Oberschicht verstehen. Die Kulisse des verlassenen Doels schafft eine Atmosphäre, die Bothos innere Zerrissenheit widerspiegelt. Das Glück meines Bruders ist eine lohnende Lektüre, die dem Leser einen anderen Blickwinkel auf das immer noch aktuelle Problem der Klassenunterschiede in der Gesellschaft ermöglicht. Etgeton erschafft mit Botho als Vermittler zwischen den Schichten eine Blickrichtung, die die Klassenunterschiede, die uns im Alltag nicht immer bewusst sind, stark herausstellt. Der Roman zeigt, dass der Preis für einen gesellschaftlichen Aufstieg noch immer hoch ist und bringt einen dazu, die eigene Sichtweise über die Gesellschaft zu hinterfragen. Zwar bietet Das Glück meines Bruders nicht so viel Diskussionsstoff wie Didier Eribons Rückkehr nach Reims. Dennoch ist das Buch unterhaltsam und bietet die Gelegenheit, den Horizont des Lesers zu erweitern.

Stefan Ferdinand Etgeton: Das Glück meines Bruders
C.H. Beck, 240 Seiten
Preis: 19,95 Euro
ISBN: 978-3-406-71181-7

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