Guten Morgen Baltimore, willkommen in den Sixties!

"Hairspray" an der Oper Dortmund Foto: Bjoern Hickmann - Stage Picture

„Hairspray“ an der Oper Dortmund Foto: Bjoern Hickmann – Stage Picture

Das Musical hat in Deutschland einen schweren Stand: Es wird belächelt als seicht, bunt und dauerfröhlich. Die Oper Dortmund scheint es sich zur Aufgabe gemacht zu haben, diesen Klischees entgegenzutreten. Ob nun mit dem tiefenpsychologischen Next to Normal, dem düsteren Sunset Boulevard oder dem dramatischen Jesus Christ Superstar – immer wieder beweist das Haus, dass Musical mehr ist als nur eine fröhlich glitzernde Kaugummiwelt. Mit Hairspray gehen die Dortmunder nun sogar noch einen Schritt weiter: Sie spielen ein Musical, das fröhlich, glitzernd UND voller Botschaften ist.

von STEFAN KLEIN

Nicht einmal ein Jahr nach den Terroranschlägen des 11. Septembers 2001 feierte am 15. August 2002 Marc Shaimans und Scott Wittmans Musical Hairspray Premiere in New York. In einem Land, das noch immer unter Schock stand und in dem viele Menschen Angst vor Anders- und Fremdartigem hatten, setzte das kunterbunte Musical ein Zeichen für Diversität und Toleranz. Und das mit Erfolg: Hairspray war für 13 Tony Awards nominiert und gewann davon acht, darunter für Best Musical, Best Original Score, Best Direction of a Musical und Best Book of a Musical.

Seitdem gibt es eine große Hollywood-Verfilmung, zahlreiche internationale Produktionen (darunter London, Melbourne und Köln) und eine Live-US-TV-Übertragung. Die Oper Dortmund zeigt nun 15 Jahre nach der Uraufführung ihre Version des Musicals und ist damit keinen Moment zu spät. In Zeiten, in denen PEGIDA noch immer wöchentlich protestiert und die AfD zum „großen Gewinner“ der Bundestagswahl wurde, kommt dieses kleine bunte Musical genau richtig, um daran zu erinnern, dass man keine Angst vor dem oder den Anderen haben, sondern sich an der Bandbreite der Gesellschaft bereichern und erfreuen sollte.

Schwarz und Weiß tanzen nicht gemeinsam

Im Baltimore des Jahres 1962 schaut jeder Teenager am frühen Nachmittag die Corny Collins Show, in der der charismatische Namensgeber der Show (herrlich aalglatt: Morgan Moody) mit Hilfe der Nicest Kids in Town, einer Gruppe weißer Bilderbuchamerikaner, den Zuschauern die neusten Hits und Tänze präsentiert. Tracy Turnblad (Marja Hennicke) sitzt mit ihrer besten Freundin Penny Pingleton (Annakathrin Naderer) vor jeder Folge und ist ganz aus dem Häuschen, als sie erfährt, dass ein Platz bei den Nicest Kids in Town frei wird. Sie beschließt, gegen den Rat ihrer Mutter (Kammersänger Hannes Brock), doch ermutigt von ihrem Vater (Fritz Steinbacher), zum Vortanzen zu gehen. Als sie es tatsächlich schafft, Teil der Show zu werden, ist sie vor allem der zickigen Produzentin Velma Von Tussle (Sarah Schütz) sowie deren Tochter Amber (gesanglich stark: Marie-Anjes Lumpp) ein Dorn im Auge. Das übergewichtige Mädchen, das sich offen gegen Rassendiskriminierung ausspricht, will einfach nicht in die engstirnige Welt des herrischen Mutter-Tochter-Gespanns passen.

Die Corny Collins Show ist ein rein weißes Programm und Farbige haben hier nichts zu suchen. Für diese gibt es schließlich einmal im Monat, am sogenannten Negro Day, eine ähnliche Show, moderiert von Motormouth Maybelle (Deborah Woodson). Tracy versucht nun, mit ihrer neugewonnenen Prominenz die strikte Rassentrennung im Fernsehen zu beenden und hofft, endlich gemeinsam mit ihren Freunden Seaweed (Michael B. Sattler), Inez (Dapheny Oosterwolde) und den anderen Tänzern des Negro Days tanzen zu dürfen.

Niemand stoppt den Beat

Nachdem uns die Oper Dortmund in der vergangenen Spielzeit ins kunterbunte Operetten- Hawaii entführte, entwarf Bühnenbildner Knut Hetzer für Hairspray ein knallig-glitzerndes Baltimore der beginnenden 60er-Jahre. Überdimensionierte Haarspray-Dosen, riesige Schallplatten mit integrierten Glitzer-Türen und bunte TV-Show-Kulissen dominieren die große Bühne. Passend dazu sind die Kostüme von Judith Peter: Die Haare türmen sich in nie dagewesene Höhen, die Kleider sind voller Pailletten und die Hosen der Herren knackig eng. Die Ausstattung der Stadttheater-Inszenierung muss sich so in keinem Fall hinter kommerziellen Großproduktionen verstecken.

Dies trifft auch auf das Tanzensemble zu: Die jungen Tänzerinnen und Tänzer präsentieren Melissa Kings teilweise anspruchsvollen Choreografien voller Energie und Tanzfreude. Vor allem ihnen ist es zu verdanken, dass das Publikum „abgeholt“ wird und mitten in den 60ern landet, egal ob sie nun den etwas steifen Madison tanzen oder beim Nachsitzen unanständig die Hüften kreisen lassen.

Tänzerisch oft im Mittelpunkt steht Michael B. Sattler in seiner Rolle als Seaweed. Während gesanglich und im Spiel sicher noch etwas Raum nach oben ist, hätten die Dortmunder tänzerisch kaum jemand Besseren für die Rolle finden können. Ein gesangliches Highlight wiederum ist Annakathrin Naderer, die als Penny Pingleton jedoch leider kaum Gelegenheit hat, zu zeigen, was in ihr steckt. Erst in der großen Finalnummer Niemand stoppt den Beat springt es einem ins Auge, dass sie als eine der wenigen Solisten genug Luft und Energie hat, bei dem hohen Tempo der Nummer mitzuhalten.

"Hairspray" an der Oper Dortmund Foto: Bjoern Hickmann - Stage Picture

„Hairspray“ an der Oper Dortmund Foto: Bjoern Hickmann – Stage Picture

Wer braucht Travolta, wenn er Brock haben kann?

Dreh- und Angelpunkt einer jeden Hairspray-Inszenierung ist natürlich die Besetzung der Tracy. Regisseurin Melissa King besetzte mit Marja Hennicke eine Sängerin, die als gebürtige Marlerin fast ein Heimspiel hat. Ihre Tracy ist zu jeder Zeit liebenswürdig und ihre Mimik in dem Lied Glocken klingen hell gehört zu den komischsten Momenten der gesamten Inszenierung.

Kammersänger Hannes Brock ist derjenige, dem die gesamte Inszenierung überhaupt zu verdanken ist. Er wünschte sich vor einigen Jahren bei seinem Intendanten, die Rolle der Edna verkörpern zu dürfen – sein Wunsch wurde ihm für seine letzte Spielzeit an der Oper Dortmund erfüllt. Die Freude darüber ist dem Sänger bei der Premiere anzusehen. Er spielt und singt Tracys Mutter mit einer herrlichen Nüchternheit, als hätte er schon immer mit Glitzerkleid und Lockenwicklern auf der Bühne gestanden. Edna wird durch Hannes Brock zu keiner Zeit zur Karikatur, er beleuchtet auch die tragischen Seiten der Frau, die sich wegen ihres Übergewichts nicht mehr vor die Tür traut und Sorge hat, dass ihre Tochter gehänselt wird.

Brock reiht sich als Edna in die illustre Gesellschaft von Harvey Fierstein, John Travolta oder Michael Ball, schafft es jedoch positiv, durch die herzliche Ernsthaftigkeit hervorzustechen. Auch gesanglich gibt es sicher nicht oft eine Edna, die es mit Hannes Brock aufnehmen könnte. Während normalerweise Du bist zeitlos für mich eher ein Lied ist, das etwas gegen die anderen Stücke des Musicals abfällt, schafft es Hannes Brock mit Fritz Steinbacher als Ehemann Wilbur Turnblad, die Szene zum musikalischen Höhepunkt werden zu lassen. Die Zwei singen und spielen diese ungewohnt operettige Nummer so hinreißend gut, dass man sich noch sehr viel mehr Szenen mit beiden gewünscht hätte.

Unter Musicalfans ist die Oper Dortmund schon lange nicht mehr nur ein Geheimtipp, und Melissa King schafft es, dem guten Ruf, den sich das Opernhaus in den vergangenen Jahren aufgebaut hat, gerecht zu werden. Hairspray ist ein Musical, das viel Spaß macht, viel Herz hat und eine wichtige Botschaft vermittelt. King verzichtet darauf, in ihrer Inszenierung allzu offensichtliche Verweise auf die Gegenwart zu ziehen, schafft es aber dennoch, Parallelen zwischen dem Amerika der 60er Jahre und der Welt von heute zu ziehen. Ob diejenigen, die diese Botschaft erreichen sollte, auch die Dortmunder Oper besuchen, muss natürlich bezweifelt werden.

Informationen zur Inszenierung
 
Nächste Vorstellungen:
 
Freitag, der 27. Oktober 2017
Sonntag, der 29. Oktober 2017
Sonntag, der 05. November 2017

 

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