Märchenmusik mit Knusperhexe

Humperdincks "Hänsel und Gretel" am Aalto-Theater Essen Foto: Saad Hamza

Humperdincks „Hänsel und Gretel“ am Aalto-Theater Essen Foto: Saad Hamza

In der (vor-)weihnachtlichen Regie der Mezzosopranistin Marie-Helen Joël bringt das Essener Aalto-Theater Hänsel und Gretel kindgerecht auf die Bühne. Die musikalische Qualität des Abends führt einmal mehr vor Augen, dass Humperdincks Märchenspiel in drei Bildern durchaus keine Banalität ist, sondern ein ernst zu nehmendes Werk des post-wagnerianischen Musiktheaters.

von HELGE KREISKÖTHER

Hänsel und Gretel entstammen den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm. Die bis heute überaus populäre Geschichte von ihrer Vertreibung aus dem mittellosen Elternhaus, von ihrer ängstlichen Einsamkeit im Wald und dem Überlisten der bösartigen Knusperhexe inspirierte Adelheid Wette, Amateurdichterin und Schwester des Komponisten Engelbert Humperdinck, 1890 zu einem kindgerechten Liederspiel in Versen. Ihren Bruder bat sie daraufhin um die Komposition einiger Musiknummern, die zwischen 1891 und 1893 schließlich zu einer ansehnlichen durchkomponierten Oper heranwuchsen. Sand- und Taumännchen treten hier neu hinzu – und auch das Happy End wird im Vergleich zur Grimm-Version durch die Befreiung der „Lebkuchenkinder“ und den Schlusschoral Wenn die Not aufs Höchste steigt noch intensiviert.

Die Mischung aus authentischen Volksliedern (Ein Männlein steht im Walde) und kunstvoll im Volksliedton komponierten Gesängen (Brüderchen, komm, tanz mit mir), aus dichten orchestralen Naturschilderungen und Leitmotiven à la Wagner macht Humperdincks Hänsel und Gretel trotz aller genrebedingter Naivität der Handlung zu einem Meisterwerk des spätromantischen Bühnenrepertoires. Kaum verwunderlich also, dass Richard Strauss, der Dirigent der Weimarer Uraufführung am 23. Dezember 1893, begeistert war von der „Vollendung“ der Partitur.

Für kleine und große Ohren

Die musikalische Leitung der Essener Inszenierung liegt in den Händen von Friedrich Haider, der bis 2016 Leiter der Oper des Slowakischen Nationaltheaters war. Ihm respektive den probaten Essener Philharmonikern gelingt es, den stimmungsvollen Detailreichtum von Hänsel und Gretel herauszuarbeiten, ohne dabei den weiten melodischen Gestus zu vernachlässigen. Besonders die Passagen der Hörner, deren Klangfarbe sich Humperdinck in bewährter Freischütz-Tradition zunutze macht, geraten zu einem Genuss. Die Sänger wiederum nehmen ihre Rollen erfreulicherweise genauso ernst wie im Wagner-Fach, was sich in den durchweg sauberen Spitzentönen, aber auch in der darstellerischen Hingabe und der außergewöhnlichen Textverständlichkeit äußert (gerade in deutschsprachigen Opernproduktionen sind fehlende Übertitel ja selten kein Manko).
In den beiden Hauptrollen agieren die kosovarische Sopranistin Elbenita Kajtazi (alias Gretel) und die niederländische Mezzosopranistin Karin Strobos (alias Hänsel), wie man es sich dramaturgisch im Grunde nur wünschen kann: pointiert und neckisch, nicht überzogen infantil. Die mitunter andachtsvollen Melodien ihrer Partien kosten sie dabei natürlich vollends aus. Auch ihre Eltern überzeugen stimmlich – den kraftvollen Bariton Heiko Trinsingers (noch unvergessen als Eugen Onegin) möchte man eigentlich viel länger hören, als es die Rolle des Vaters hergibt. Christina Clark ist als graziles dunkelhäutiges Sand- und Taumännchen ein optisches i-Tüpfelchen. Ob die Knusperhexe (eine Spur zu schrullig: Albrecht Kludszuweit) hingegen mit einem Tenor besetzt werden sollte anstatt mit einem Mezzo, darüber ließe sich streiten.

Humperdincks "Hänsel und Gretel" am Aalto-Theater Essen Foto: Saad Hamza

Humperdincks „Hänsel und Gretel“ am Aalto-Theater Essen Foto: Saad Hamza

Kekse, Lebkuchen, aber kein Hexenhäuschen

Die Kulissen von Marie-Helen Joël – sie führte bereits beim Musical Die Märchenwelt zur Kur bestellt in der letzten Spielzeit Regie – und die Kostüme von Ulrich Lott scheinen perfekt zugeschnitten auf die Kinder im Publikum: Mit gemütlichen Betten, bunten Schlafanzügen, schauriger bis sternenprangender Beleuchtung (Licht: Manfred Kirst), großen Tannen im Lebkuchenstil, jeder Menge Kekse (der Mond erscheint als sanft wiegender Vanillekipferl) und einem feurig lodernden Dampfbackofen werden wohl nahezu alle standardmäßigen szenischen Erwartungen an das berühmte (Bühnen-)Märchen erfüllt. Etwas schade ist bloß, dass es kein wirkliches Hexenhäuschen und somit streng genommen gar kein „drittes Bild“ gibt. Stattdessen steigt die Knusperhexe aus einer qualmenden Holzkiste, die von Anfang an etwas beliebig auf der rechten Bühnenseite herumsteht. Die eindrucksvolle Arbeit der Hebebühne, welche den beinah dantesken Blick auf die unterhalb der Menschenwelt verortete Hexenküche freigibt, entschädigt hierfür jedoch.

Inszenatorische Neuerungen gehen von Opern wie Hänsel und Gretel – insbesondere zur Vorweihnachtszeit – selten aus. Darauf kommt es vielleicht aber auch gar nicht an. Die Aufführung im Aalto-Theater ist allemal einen Besuch wert, da sie Alt und vor allem Jung mit viel (musikalischer) Liebe einstimmt auf die kalte Jahreszeit und unterstreicht, dass Märchenadaptionen nicht ausschließlich ins sonntägliche Fernsehprogramm, sondern auch auf die Bühnen der städtischen Opernhäuser gehören.

Informationen zur Inszenierung

Nächste Vorstellungen:

Sonntag, der 12. November
Freitag, der 24. November
Sonntag, der 3. Dezember

 

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