Ein junger Mann seziert seine Seele

Ein autofiktionaler Roman, der im realen Leben rechtliche Folgen hat – das gibt es selten. Der 24-jährige Schriftsteller Édouard Louis berichtet in seinem Werk Im Herzen der Gewalt von einer dramatischen Nacht an Heiligabend, die sein Leben und seinen Blick auf die Welt drastisch verändert hat. Gegen den Mann, der ihn vergewaltigt und beinahe ermordet hatte, hat er Anzeige erstattet – doch der wehrt sich gegen die Vorwürfe. 

Von HANNAH SCHMIDT

Der Roman könnte vor diesem Hintergrund der erste Teil einer detailliert berichteten Kriminalgeschichte sein, der die Auflösung fehlt: Ein junger Mann – Édouard – wird auf seinem Nachhauseweg nach einer Weihnachtsfeier mit seinen Freunden in Paris von einem gutaussehenden Fremden angesprochen, beide fühlen sich zueinander hingezogen. Édouard nimmt Reda mit zu sich in die Wohnung und sie erleben eine intensive erotische Nacht miteinander. Am Morgen jedoch beginnt Reda, sich komisch zu verhalten, Édouard entdeckt in dessen Manteltasche sein iPad, sein Smartphone findet er dagegen gar nicht. Als er Reda darauf anspricht, rastet dieser aus, würgt ihn, hält ihm eine Pistole an die Schläfe, vergewaltigt ihn.

Wie sie zuvor die Nacht verbrachten, mehrere Male miteinander schliefen und dazwischen redeten oder schlummerten, wie sich da Erotik und zarte Müdigkeit miteinander abwechselten, so wechseln sich in dieser dramatischen Morgen-Szene die Aggressionsausbrüche Redas mit seltsamen matten und ruhigeren Momenten ab, in denen Édouard aber unfähig ist zu fliehen. Nachdem es ihm endlich gelingt, Reda doch vor die Tür zu setzen, der sich daraufhin bitter entschuldigt, geht Édouard zu Freunden und anschließend mit ihnen zur Polizei, ins Krankenhaus und in die Gerichtsmedizin. Der Auftritt der Spurensicherung in seiner Wohnung, ihre Untersuchungen, Funde und der schwarze Staub, den die Suchenden hinterlassen, bilden die letzten Szenen des Romans.

Sprechen, Schweigen und Schreiben 

Eigentlich – und gerade deshalb ist es kein Kriminalroman – geht es aber um etwas ganz anderes: Es geht um das Sprechen, Schweigen und Schreiben über Erlebtes, es geht um den Blick auf andere Menschen, um Wahrheit und Wahrheiten, um Vorurteile und um Rassismus, um Homophobie, die Flucht vor der eigenen Vergangenheit, alten Strukturen und Denkmustern und um Freundschaft. So war Édouard aus seinem Heimatdorf weggegangen, um dem latenten Rassismus, der latenten Homophobie der Menschen, auch innerhalb seiner Familie, zu entkommen, um in der Großstadt ein neues, ein anderes, ein weltoffenes, politisch linksorientiertes Studentenleben zu führen. Als er aber auf der Polizeiwache sitzt und den ihn befragenden Beamten von Redas kabylischer Herkunft erzählt, trifft er auf die gleichen verbissenen, böse rassistischen Strukturen wie zu Hause: „Ah, Sie meinen, maghrebinischer Typus“, zitiert Édouard den Beamten und kommentiert: „Er triumphierte, er war – vielleicht wäre es zu viel zu sagen überglücklich, aber er lächelte, strahlte, als hätte ich endlich etwas zugegeben, das er mir schon die ganze Zeit lang entlocken wollte, als hätte ich endlich den Beweis erbracht, dass er schon immer im Besitz der Wahrheit war“.

Der Rassismus, mit dem Édouard auf dem Präsidium konfrontiert wird, äußert sich im Laufe des Romans als ein allgegenwärtiger, der viele Menschen betrifft, die in der Geschichte eine Rolle spielen – selbst Reda, den er trotz seiner Brutalität einfühlsam und verständnisvoll porträtiert, sei davon nicht frei: „Als wir an jenem Abend die Straße entlanggingen, sagte er, er könne Araber nicht leiden, ich weiß nicht mehr, welches Schmähwort er benutzte […] ich tat so, als hätte ich es nicht gehört, natürlich konnte ich noch nicht denken, was ich einige Tage später dachte, nämlich dass Reda über die Araber ebenso sprach wie die Polizeibeamten.“

Noch schonungsloser wird die Auseinandersetzung, als Édouard einige Zeit nach dem Vorfall vor sich selbst zugibt, selbst „zum Rassisten geworden“ zu sein: „Der Rassismus, also das, was ich immer als das meinem Wesen radikal Entgegengesetzte empfunden hatte, das absolute andere meiner selbst, erfüllte mich unvermittelt, ich war die anderen geworden.“ Im Bus, in der Metro oder an anderen Orten, schreibt Édouard, „senkte ich den Blick, wenn ein Schwarzer oder Araber oder möglicher Kabyle mir näher kam – ausschließlich Männer, das war eine weitere Absurdität, in der rassistischen Besessenheit, die in mir siedelte“. Er senkte jedes Mal den Blick, schreibt er weiter, „und flehte stumm Tu mir nichts, tu mir nichts.

Die Psyche unter dem Mikroskop 

So weit Édouard sich also auch von seinem Elternhaus, von seiner ursprünglichen nordfranzösischen Provinz-Heimat und seiner Familie entfernt hatte, so tief wurzeln doch in ihm die fremdenfeindlichen Strukturen, die ausgelöst durch ein traumatisches Erlebnis wieder an die Oberfläche kommen. Louis schreibt so direkt, analytisch und klar über sich selbst, über das, was in ihm vorgeht, während und nach dem Vorfall mit Reda in seiner Wohnung, beinahe exhibitionistisch, als würde er seine Psyche unter dem Mikroskop sezieren wollen, in Zeitlupe und mit größter Sorgfalt, als ginge es um das Bestehen vor dem strengsten Prüfer – was es letztendlich auch ist: Édouard wühlt so tief in sich selbst wie die Beamten von der Spurensicherung in seiner Wohnung suchen, wie der Gerichtsmediziner mit Metallstäbchen und Kamera in seinem Anus nach Verletzungen forscht, wie die Beamten auf der Suche nach zu bestätigenden rassistischen Klischees fragen und fragen und fragen.

Édouard ist auf der Suche nach dem, was ihn ausmacht, nach sich selbst, nach seinem Wesenskern, nach dem, was ihm noch von sich geblieben ist, nachdem sein Vertrauen in einen fremden Menschen so schwer erschüttert wurde, sich Zuneigung und Liebe als Lüge, sich Erotik als Gewalt entpuppte, nachdem seine Seele und sein Körper ins Ungleichgewicht gebracht wurden, nachdem er dem Tod so nahe war. Er muss vor sich selbst neu bestehen.

Nacherzählung der Schwester 

Wie Louis das Ganze sprachlich verpackt, ist eine Meisterleistung, die auch in der Übersetzung von Hinrich Schmidt-Henkel noch deutlich wird: Den Großteil des Geschehens erfährt der Leser an Édouards Seite, der zu Besuch bei seiner Schwester auf dem Land ihrer Nacherzählung seiner Geschichte zuhört. Clara berichtet alles ihrem Mann, was ihr Bruder ihr in den Tagen zuvor erzählt hatte. Dabei schweift sie immer wieder ab und bringt Édouards Verhalten an diesem Abend in Verbindung mit Erinnerungen an ihn, wie er als Kind war, was er als Jugendlicher getan und gelassen hatte, was in der Familie üblich und Sitte war.

Durch kursive Ergänzungen in Klammern setzt Édouard ihr in Gedanken Ergänzungen oder Richtigstellungen entgegen, wo Clara seinen Bericht nicht ganz korrekt wiedergibt, wo sie Dinge über ihn, sich selbst oder die Familie sagt, an die Édouard sich in dieser Form nicht erinnert, beispielsweise über den Tag, an dem er sich outete: „an dem Tag, wo er das gesagt hat, ich weiß es noch wie gestern, ich garantier dir’s, da haben wir gesagt, das ändert gar nichts zwischen uns und wir lieben ihn trotzdem (sie lügt) und werden ihn immer lieben […] das Einzige, was zählt, ist sein Glück, ist, dass er glücklich wird (sie lügt), vor allem unsere Familie hat das gesagt.“

Neue Wahrheiten, neue Blickwinkel

Die Nacht und das Erlebte mit Reda bestehen so vor allem durch seine Erzählung und Nacherzählung – „Ich konnte ja auch nicht aufhören, davon zu erzählen“ – und bekommen durch jede dieser neuen und wiederholten Erzählungen verschiedene Facetten und Deutungen, es entstehen durch jede Nacherzählung neue Wahrheiten, neue Blickwinkel auf das Geschehene. Dazwischen ist aber immer Édouard, der über alles spricht und das Nacherzählte einordnet und deutet. Doch auch in dieser Rolle kann der Geschundene nicht verweilen – er verliert durch sein vieles Erzählen und Rekapitulieren des Erlebten den Kontakt zu sich selbst, beginnt irgendwann sporadisch, sich selbst mit Du anzusprechen, schreibt am Ende gar von sich selbst in der dritten Person: „Der Mensch, zu dem ich geworden war […] Er entwarf kleine Rückkehrversuche ins normale Leben, die er für sich Probebohrungen nannte.“

Édouard Louis hat den Mann, der ihn in der Nacht des Heiligen Abends vergewaltigte und fast ermordete, angezeigt. Die DNA-Spuren, die die Pariser Beamten in seiner Wohnung fanden, überführten den Mann, der schon zuvor als Drogenhändler festgenommen worden war. Gegen den Schriftsteller hat „Reda“ Klage eingereicht: Er fürchtet, wiedererkannt werden zu können und verlangt eine Gegendarstellung im Roman und 50.000 Euro Schadensersatz. „Die Beschreibung als Nordafrikaner mit schwarzen Augen, dichten Haaren, homosexuell, gelegentlicher Schwarzarbeiter, drogenabhängig, trifft auf viele zu“, sagte dazu Louis‘ Verteidiger. „Nicht das Buch, sondern die DNA-Analyse hat ihn überführt.“ Weiß man über den autobiografischen Hintergrund des Romans und diese seine realen rechtlichen Folgen, lesen sich Louis‘ Ausführungen noch einmal anders – erschütternder und mit ganz direkten Konsequenzen für jeden Leser und seinen Blick auf die Welt. Er ist ein Appell, sich nicht mit den Strukturen und Narrativen zufrieden zu geben, die einem von anderen serviert werden, und sich über das eigene Denken, die eigenen Assoziationen und die eigene Sprache immer bewusst zu bleiben – egal, was passiert.

Édouard Louis: „Im Herzen der Gewalt” 
S. Fischer, 217 Seiten 
Preis: 20 Euro 
ISBN: 978-3-10-397242-9

 

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