Blutleere Orestie

Aischylos' "Orestie" am Schauspielhaus Bochum Foto: Birgit Hupfeld

Aischylos‘ „Orestie“ am Schauspielhaus Bochum Foto: Birgit Hupfeld

Aischylosʼ wohl berühmtestes Drama um den Atridenfluch, Blutrache und Muttermord gehört seit Langem zu den Theaterklassikern. Es dauerte jedoch knapp 100 Jahre, bis die Orestie auch auf der Bochumer Bühne Einzug hielt. Lisa Nielebock inszeniert die Trilogie nun in den Kammerspielen – statt karg-analytischen 110 Minuten hätte man sich aber mehr Dramatik und mehr Zeit für Spiel und kontextuelles Regiekonzept gewünscht.

von ANNIKA MEYER

Der Trojanische Krieg ist vorüber – Agamemnon kommt als Held und mit der versklavten Königstochter Kassandra in seine Heimat zurück, nur um dort von seiner Frau Klytaimestra und deren Geliebten Aigisthos ermordet zu werden. Beide nehmen Rache – Klytaimestra für die Opferung ihrer Tochter Iphigenie, Aigisthos wegen Gräueltaten, die von Agamemnons Vater Atreus an Aigisthosʼ Familie verübt wurden. Agamemnons Sohn Orestes kehrt daraufhin nach Mykene zurück, um – geleitet von Apollon und motiviert durch seine Schwester Elektra – seinen Vater zu rächen und seine Mutter sowie Aigisthos zu töten. Doch hier soll der mörderische Familienfluch enden – statt das Rachespiel fortzusetzen, entscheidet erstmals ein ordentliches Gericht über Orestesʼ Zukunft, der nach Gleichstand durch die letzte Stimmabgabe von Pallas Athene freigesprochen wird. Die Erinnyen verwandeln sich damit in die von Aischylos eingeführten Eumeniden – aus Rachedämonen werden wohlwollende Göttinnen.

Was hier sowohl blutig als auch revolutionär klingt – zum ersten Mal entscheidet ein Gericht mehr oder weniger demokratisch über das Vergehen und die Bestrafung eines Menschen, statt das Racheprinzip fortzuführen oder die Macht der Götter weiter walten zu lassen –, verkommt in Bochum leider zu einer präzisen, aber recht langweiligen Abhandlung über den Tathergang und die vielen Motive der Handelnden bzw. Mordenden. Wie so oft in Lisa Nielebocks Inszenierungen ergehen sich die Figuren – in recht starren Tableaus angeordnet – in langen Schilderungen über den Trojanischen Krieg und die blutigen Pfade, die zur Tragödie des Dramas führen.

Aischylos' "Orestie" am Schauspielhaus Bochum Foto: Birgit Hupfeld

Aischylos‘ „Orestie“ am Schauspielhaus Bochum Foto: Birgit Hupfeld

Starke Stimmen, wenig Spiel

Dabei ist das souveräne Bochumer Ensemble glänzend aufgelegt. Anke Zillich versteht es, Klytaimestra zwischen gespielter Naivität, schreiender Verzweiflung und zorniger Rachsucht changieren zu lassen. Dauergast Werner Wölbern zeigt einen gefassten Agamemnon, der sich seinem Schicksal anscheinend ergeben hat, und einen Apollon, der am Bühnenrand mehr Anwalt der Verteidigung denn Gott zu sein scheint. Dennis Herrmann spielt Orestes mit viel Tiefe, innerer Zerrissenheit und starker Mimik. Marco Massafras Aigisthos schildert fesselnd und zerbrechlich den mörderischen Komplott seines Onkels Atreus an seinem Vater Thyestes und Therese Dörr als Kassandra führt schon früh eindrucksvoll lamentierend vor Augen, welch blutigen Ausgang die ungewöhnliche Familienzusammenführung haben wird. Auch Heiner Stadelmann als Wächter und – wie der Rest des Ensembles – als Teil des Chors bleibt mit seinem präzisen und unverwechselbaren Sprachduktus in guter Erinnerung. Einzig Anna Hofmann weiß als arg nüchterne, fast unbeteiligte Pallas Athene nicht zu überzeugen, ist aber eine souveräne fordernde Elektra.

Dass der Abend trotzdem nicht fesselt, liegt also nicht am Ensemble. Und auch die Bühne mit ihren verschiedenen anzuordnenden Wänden aus Holzlamellen (Bühne: Oliver Helf) und vielseitigen Lichtstimmungen (Licht: Andreas Bartsch) sowie die mal dezente, mal gelungen-quälende Musik (Thomas Osterhoff) kreieren immer neue Stimmungen und eine dichte Atmosphäre. Warum also die stellenweise eintretende Langweile? Die Orestie verkommt zu einer langatmigen Schilderung der Ereignisse (Dramaturgie: Sascha Kölzow) – die Szenen, in denen die Figuren wirklich miteinander interagieren, sind oft stark, aber zu selten. Stattdessen wird geredet, natürlich nach vorne, ins Publikum, das nicht teilnahmsloser, aber doch außenstehender Prozessteilnehmer ist. Die eigentlichen Bluttaten werden durch grelles Licht, schrille Geigenklänge und abrupte Szenenwechsel nur angedeutet, die Figuren ringen mit ihren Gefühlen und (bevorstehenden) Taten, bleiben aber eben meist Erzählende statt Erlebende des Moments.

Altbewährtes Konzept ohne Drastik

Sicher kann schon Aischylosʼ Drama – in der Bochumer Inszenierung in der Übersetzung von Peter Stein – durch pure Wiedergabe der Handlung mitreißen und erfordert nicht literweise Kunstblut, um die Brutalität des Racheprinzips zu verdeutlichen. Doch so präzise Nielebock die Figuren sprechen lässt, so blutleer ist das Regiekonzept, das sich gar nicht erst bemüht, große Verweise zur heutigen Zeit darzustellen, in der Demokratien in vielen Ländern durch erschreckenden Rechtsruck infrage gestellt werden und ein funktionierendes Rechtssystem komplexer und wichtiger denn je ist. Die Gerichtsverhandlung im dritten Teil der Trilogie ist so unspektakulär wie aussagelos – Anke Zillich als Rachegöttin tobt zwar anfangs noch hinter den hölzernen Gitterstäben, Anna Hofmanns Pallas Athene lässt die tatsächliche Verhandlung und die darauffolgende Abstimmung jedoch nüchtern und abgehackt in wenigen Sätzen vonstattengehen. Von sich aufbauender Dramatik ob Orestesʼ Schicksal und der Revolutionierung des Justizsystems keine Spur.

Gerne hätte man bei der Leistung des Ensembles auch eine weitere Stunde im Theater verbracht, denn die Streichungen – Orestesʼ Freund Pylades ist beispielsweise gänzlich verschwunden – haben dem Abend nicht nur Spielzeit, sondern auch weitere Motivationen der Figuren und Handlungsdramatik geraubt. Stattdessen vertrauen Nielebock und ihr Regieteam auf Altbewährtes – eine simple, atmosphärische Bühnenästhetik, wenig aktualisierende Konzeption und solides Sprechtheater auf Kosten von Dynamik und Spannung. Manchmal ist weniger doch nicht mehr.

 

Informationen zur Inszenierung
 
Nächste Vorstellungen:
Freitag, der 24. November
Mittwoch, der 29. November
Dienstag, der 12. Dezember

 

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2 Gedanken zu „Blutleere Orestie

  1. Annika Meyer schreibt mittlerweile die kenntnisreichsten Kritiken über das Bochumer Schauspielhaus. Ich hoffe, sie werden dort auch zur Kenntnis genommen!

  2. Die Orestie mag blutleer sein, diese Theaterkritik ist es nicht. Als Laie auf dem Feld des Theaters habe ich jetzt Wissen vermittelt bekommen und zugleich eine Kritik gelesen, deren Urteile verständlich begründet sind.

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