„Und ein wunderliches Gefühl der Unvergänglichkeit“

Nescio - Werke   Cover: Suhrkamp

Nescio – Werke Cover: Suhrkamp

In seinen Erzählungen huldigte der holländische Schriftsteller Nescio auf berührende Weise den Bohemiens, Außenseitern und Möchtegern-Poeten, die am spießbürgerlichen und engstirnigen Holland des frühen 20. Jahrhunderts scheitern. Dieser schmerzliche Dualismus mag dem wenig bekannten Autor selbst nicht fremd gewesen sein. Jan Frederik Grönloh, der sich hinter dem Pseudonym Nescio (lat. Ich weiß nicht) verbarg, schrieb zeitlebens in seiner Freizeit, während er als Angestellter Teil des braven Bürgertums blieb. Seine lyrisch anmutende Prosa, die zwischen feiner Ironie und Melancholie changiert, ist ein Ereignis.

Der längst überfälligen Wiederentdeckung der wenigen Erzählungen Nescios hat sich nun der Suhrkamp-Verlag in einer Neuübersetzung angenommen.

von LEONARD MERKES

Die Figuren erinnern stark an die jungen Anti-Helden Robert Walsers: Ziellos treiben sie sich nächtelang in den Straßen Amsterdams herum, beobachten Sonnenuntergänge, „utopisieren“ und philosophieren, mühen sich tagsüber im verhassten und stupiden Büroalltag ab. Lichtblick sind die Ausflüge ans Meer und das Amsterdamer Umland am Wochenende. Titaantjes, Kleine Titanen hat Nescio die Erzählung über eine kleine Gruppe Amsterdamer Bohemiens getauft. Diese kleinen und noch ziemlich jungen Götter, an die im biederen Holland niemand glaubt und die in ihrer sonderbaren Lebensweise und in ihrem Unwillen zur Anpassung den Aufstand proben, sind Dilettanten, Versager, „arme Schlucker“. Ihr Außenseitertum ist ihr Stolz.

„Worauf wir eigentlich hinauswollten, war uns nie klar“, merkt der Ich-Erzähler Koekebakker ironisch an. Koekebakker, einst Teil dieser kleinen Gruppe, erzählt aus der Erinnerung über diesen kurzen Zeitraum, vielleicht ein, zwei Sommer lang, bevor sie sich in alle Lebensrichtungen verstreuen. Er teilt dem Leser schon zu Beginn mit, dass es nicht gut gehen wird mit den kleinen Göttern. So mischt sich unter die ironisch-lakonischen Erzählerkommentare und die lebendige Figurenrede ein melancholischer, wehmütiger Grundton. Es ist der eigentümliche Nescio-Tonfall. Auch in den anderen Texten wie in den Erzählungen Der Schnorrer und Der kleine Poet findet er sich. Ein Gefühl des „Schon-gewesen-Seins“ stellt sich bei der Lektüre ein. Das Anrennen der Figuren wird in dem Bewusstsein ihres Scheiterns ein tragisches.

Bartleby in Holland

In Der Schnorrer treffen die kleinen Titanen um den Erzähler Koekebakker und den jungen Maler Bavink auf Japi. Von einem der Jungs wird dieser „Schnorrer“ getauft, weil er ohne Schuldgefühle auf anderer Leute Rechnung lebt und sich nicht gerade viel um Manieren und Gepflogenheiten im biederen Holland kümmert. Auf einer Fähre gabelt ihn Bavink auf. Mit fast stoischer Gleichmütigkeit sitzt er da auf dem Deck und schaut auf das Meer, das Wasser klatscht ihm ins Gesicht: „Ich bin Gott sei Dank gar nichts“, gibt er freimütig preis. „Ich übe mich im Verlöschen. Am besten ist es, wenn ich ganz still sitze, bewegen und denken ist was für dumme Menschen“.

Kein Wunder, dass ihn die Jungs so interessant finden, ist er doch der konsequenteste und dabei tragischste Vertreter dieses spezifischen Nescio-Außenseitertums. Fast nihilistisch mutet dieser holländische Bartleby zunächst in seiner Totalverweigerung an. Doch dann fließt auf sehr eigentümliche Weise Leben in ihn, wenn er sich über die „wohlmeinenden zivilisierten Holländer“ lustig macht, „die keinen akzeptieren, die nicht genauso dumm und geschmacklos sind wie sie“, oder wenn ihn die schlichte Existenz der Dinge, die holländische Landschaft, der Wechsel der Jahreszeiten rühren. „So einer, der zufrieden war, nur weil er lebte und gesund war […] und der sich still am Wasser und dem Himmel und den Wolken ergötzte und sich klitschnass regnen ließ, ohne es zu merken“.

Und so entrückt diese Figuren in ihrer sympathischen Selbstüberhöhung manchmal der alltäglichen Welt scheinen, gegen den „Gott der Niederlande“, „den Gott von Herrn Volmer für Buchhaltung und Betriebswirtschaft, der der Meinung ist, du bist ein Hans Guckindieluft“, haben sie keine Chance. „Vernunft“ oder Armut – je nachdem, ob man erbt und „Parteibonze“ wird oder eine Familie zu ernähren hat – reißt die kleinen Titanen schließlich aus ihrem Bohème-Dasein. Japis Schnorrerexistenz zerbricht angesichts einer unglücklichen Liebe und dem Elend in den Fabriken. Nach einer Afrika-Reise hat er sich halb tot gearbeitet. Aus dem verwunderten und beglückenden Schauen wird ein desillusioniertes Starren. Sein Selbstmord – er stürzt sich von einer Brücke – ist weniger ein Sprung als ein undramatisches, fast beiläufiges Gehen.

„Wir nicht, wir hatten keine Daseinsberechtigung“

Auch Der kleine Poet, man ahnt es, beherrscht die Klaviatur der Widersprüche und des Scheiterns an diesen. Der Protagonist Eduard ist diesmal nicht mehr ganz so jung wie noch die kleinen Titanen, ist glücklich verheiratet, hat Kinder und einen anständig bezahlten Brotberuf. In seiner Freizeit schreibt er „Gedichte im Stile Heines“ und möchte einmal „ein großer Dichter sein und dann fallen“. Nescios ironischer Ton wird schärfer, gleichzeitig nehmen aber auch die lyrischen und zuweilen etwas rätselhaften Passagen zu.

Aufstieg und Fall findet der kleine Poet in Dora, der jüngeren Schwester seiner Ehefrau. Die „kleine Poetin“ entpuppt sich als Seelenverwandte, die Nacht, die sie am Ende gemeinsam verbringen, besiegelt ihren gemeinsamen Fall, aber er ist dumpf, sprachlich abgefedert: Der kleine Poet ist jetzt tot […] Dora ist eine ‚ledige Mutter‘“.

Still und leise verschwinden sie alle, die Titanen, Schnorrer und Poeten. Sie biedern sich an, man sperrt sie in die Irrenanstalt wie den Maler Bavink oder sie begehen wie Japi Selbstmord. Der Autor versteht es, in diesem lakonisch fast nüchternem Ton deutlich zu machen, dass es eben keinen Platz für Außenseiter gibt.

Nie wieder und für immer

Machtlosigkeit also. Nicht nur gegenüber gesellschaftlichen Zwängen, sondern auch gegenüber Gott, „der geht seiner Wege und legt keine Rechenschaft ab“. Dem Lauf der Zeit, dem eigenen Vergehen, so scheint es, ist nichts entgegenzusetzen. Japi, der Schnorrer, weiß das: Wie viele Nächte hatte es wohl so stark gefroren wie heute und stärker? […] Die Zeit nahm kein Ende. Und all die Zeit würde er tot sein“. Nescios Erzählungen verfügen ebenso über eine metaphysische Tragweite, ihre Figuren stellen existenzielle Fragen.

Aber dann gibt es natürlich doch wieder ein Aufbäumen. Gegen die Zeit und das Vergehen. Das Auflehnen ist sprachlich bestimmt. Es sind lyrische Momentaufnahmen, einfache, klare Sätze: „Ein Stück offene Straße, ganz in der Sonne, hell und endlos“. Endlos, ewig und dann doch so merkwürdig in die Vergangenheit gerückt wirken diese anrührenden Sätze. Widerspruch scheint in ihnen zum ersten Mal nicht zum Scheitern verurteilt. Hoffentlich werden sich noch sehr lange Leser für sie finden.

 

Nescio: Werke
Suhrkamp Verlag, 196 Seiten
Preis: 22 Euro
ISBN: 978-3-518-22497-7
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Ein Gedanke zu „„Und ein wunderliches Gefühl der Unvergänglichkeit“

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