Freiheit, wem Strafe gebührt

FILMPLAKAT_Fatih Akin_Aus dem Nichts_Warner Bros. Pictures

Fatih Akin wirft mit Aus dem Nichts wichtige Fragen auf: Muss ein Film über den NSU zwangsweise den NSU beinhalten? Kann man neonazistische Nagelbombenanschläge auf Deutsch-Türken ohne Diskussionen um V-Männer und Paulchen Panther thematisieren? Für einen guten Film nicht zwingendermaßen.

von CARO KAISER

Die taffe, blonde, blauäugige Katja (Diane Kruger) ist glücklich mit dem Deutsch-Kurden Nuri (Numan Acar) verheiratet. Der hat früher mit Drogen gehandelt (sie war als Studentin Kundin bei ihm), hat seine Zeit im Gefängnis aber nicht nur genutzt, um seine Katja zu heiraten, sondern auch, um BWL zu studieren, und ist nun Besitzer eines Übersetzer-und Reisebüros in einer stark türkisch geprägten Straße. Als Katja ihren Mann und ihren fünfjährigen Sohn Rocco abends in seinem Büro abholen will, ist die Straße überfüllt mit Polizeiautos und Schaulustigen. Eine Explosion hat einen Mann und ein Kind in Stücke gerissen: Rocco und Nuri Sekerci, wie sich nach einer DNA-Analyse herausstellt. Während die Polizei mehr an Nuris Religiosität und Drogenvergangenheit interessiert ist, steht für Katja schnell fest, dass die Bombenleger Neonazis gewesen sein müssen. Die Polizei sieht das anders. Und so wird die Frau, die Katja am Tag der Tat vor dem Büro ihres Mannes gesehen hat, in den Medien als Osteuropäerin beschrieben, obwohl es auf eine nicht-deutsche Herkunft keinerlei Hinweise gibt. Die junge, nicht aus Osteuropa stammende Frau und ihr Adolf Hitler liebender Ehemann werden schließlich von der Polizei festgesetzt und es kommt zum Prozess. Der ist dank eines fast schon klischeehaft unsympathischen Verteidigers besonders für Katja zermürbend und endet, nicht nur für Gerechtigkeitsfanatiker, eher unbefriedigend. Also begibt sich Katja selbst auf Spurensuche und der Rest liegt im Spoilerland (was zahlreiche Rezensenten leider nicht davon abgehalten hat, das Ende zu verraten).

Persönliches Leiden statt großangelegter Gesellschaftskritik

Auch wenn die Ausführung des Anschlags und das Verhalten der Polizei deutliche Bezüge zu den Anschlägen des NSU aufweisen, ist der Film weniger Beitrag zur öffentlichen Diskussion als vielmehr die Geschichte einer Frau, die ihre Familie auf sinnlose Weise verloren hat und vergeblich auf juristische Gerechtigkeit hofft. Die voreingenommene Art der Polizei bei den Untersuchungen, der verkorkste Prozess und die rechtsextreme Gesinnung der Täter sind zwar Teil des Films, werden aber nicht allzu eingehend behandelt. Die Problematik wird angedeutet und dann schwenkt die Kamera auch schon wieder auf Diane Krugers tränenverquollenes Gesicht. Und das ist tatsächlich gut so, denn Kruger spielt die verschiedenen Erscheinungsformen von Katjas Leid so eindrücklich und nachvollziehbar, dass man am liebsten direkt mitheulen möchte. Egal ob es die ohnmächtige Trauer nach der Identifikation der Leichen, die Wut beim Anblick der Hauptangeklagten, die Taubheit nach alle geweinten Tränen oder der durchschimmernde Neid beim Betrachten des Neugeborenen der besten Freundin sind, Kruger weint nicht einfach nur ein bisschen rum, sondern schafft es, die Verschiedenartigkeit und Komplexität von Trauer und Leidensbewältigung darzustellen. Würde die Hauptdarstellerin zu der Sorte von Schauspielern gehören bei denen man immer erst nach ein paar Sekunden weiß, ob das Gejapse jetzt Lachen oder Weinen sein soll, wäre der Film vermutlich absolut unerträglich. Dafür liegt zu viel Fokus auf den Emotionen der Protagonisten, dafür ist auch die Kamera zu nah dran an der Hauptdarstellerin.

Ist das jetzt ein politischer Film oder nicht?

Obwohl beim Großteil des Films das Gefühl entsteht, dass es sich hier um einen Film handelt, der ein politisches Thema unpolitisch und persönlich erzählen will, knallt uns Akin vor dem Abspann eine Texteinblende über den NSU rein. Bis dahin war der NSU kein Thema gewesen; der Film spielt sichtlich in einem Deutschland, wo der NSU nie Morde begangen hat; der Film setzt sich kaum mit den Tätern auseinander (die Dialogzeilen der beiden passen auf einen Bierdeckel). Der Film thematisiert die großen Kontroversen rund um den NSU überhaupt nicht (Stichwörter: Verfassungsschutz, geschredderte Akten, finanzielle Unterstützung rechtsradikaler Gruppen). Trotzdem ist für den Zuschauer der Bezug zum NSU offensichtlich. Wer diesen Bezug bis zu der Texteinblende nicht gerafft hat, braucht wohl mehr als nur drei Infosätze, wenn ihm der Nationalsozialistische Untergrund kein Begriff ist. Die Einblende wirkt wie ein Relikt früherer Skriptfassungen, als Akin sich noch nicht sicher war, wie politisch aufgeladen sein Film sein soll. Ruiniert diese Texteinblende das bis dahin Gesehene? Nein, ganz bestimmt nicht, der Film bleibt immer noch ein sehr guter Film. Aber es macht ihn unnötig angreifbar. Wir haben hier einen Film, der nicht den NSU kritisch beleuchten will, sondern das in den Medien wenig präsente Schicksal der Hinterbliebenen. Vor diesem Hintergrund hat es durchaus Sinn, dass der ganze Wust an Skandalen rund um den NSU nicht thematisiert wird. Ob staatliche Gelder in rechtsradikale Gruppierungen geflossen sind oder nicht, ist für die Geschichte einer Mutter, die Kind und Mann verloren hat, nicht relevant. Aber mit dieser Texteinblende reiht sich der Film bewusst ein, in die öffentliche Aufarbeitung der NSU-Morde und dafür ist der Film dann doch ein bisschen dünn bezüglich kritischer Beobachtung von Gesellschaft, Politik und Medien. Daran kann auch Diane Kruger nichts ändern.

Aus dem Nichts (2017). Regie: Fatih Akin. Darsteller: Diane Kruger, Denis Moschitto, Numan Acar. Laufzeit: 106 Minuten. Seit dem 23. November 2017 im Kino.

 

 

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