Politische Prognosen und betrübliche Ereignisse

Hannes Stein – Nach uns die Pinguine. Ein Weltuntergangskrimi Cover: Galiani-Berlin

Staub der explodierenden Atombomben verdunkeln den Himmel der Erde, dabei spielt der Präsident der USA mit der komischen Frisur eine überraschend kleine Rolle – Kashmir ist der Auslöser, Nordkorea der Endgegner. So bleiben nur wenige Menschen übrig nach dem Dritten Weltkrieg. Auf den Falklandinseln versuchen sie, das Beste aus der Situation zu machen. In dieser apokalyptischen Zukunftsversion spielt Hannes Steins neuer Roman Nach uns die Pinguine. Ein Weltuntergangskrimi

von CAROLINE KÖNIGS 

Joshua Feldenkrais ist einer der letzten Menschen. Er ist ein jüdischer, homosexueller Mormone und Radiomoderator und entschließt sich, Enthüllungsjournalist zu werden. Denn mit der fast kompletten Auslöschung der Menschheit und der Unfruchtbarkeit der letzten Überlebenden können sich die Bewohner der Falklandinseln abfinden, doch nicht damit, dass ihr geliebter Gouverneur mit einer Churchill-Büste ermordet wurde – eine scheinbar sinnlose Tat, wenn man bedenkt, dass der an Krebs erkrankte Gouverneur sowieso einem nahen Ende geweiht war. Das alles klingt nach einer wilden Mischung an nicht zusammenpassenden Themen, einer fantastischen Verkettung von Genre-Schablonen und einem diffusen Zirkus an politischen Sujets und genau diese Mischung ist das Besondere an Steins Roman. Ein Buch über den Weltuntergang, ein Politthriller oder ein Kriminalroman erreichen aufgrund ihres Festhaltens an bestimmte Genre-Klischees nur ihre typischen Leser. Stein vermischt die erprobten Formen und schafft damit seinen eigenen, handlungsreichen Stil, der zu unterhalten weiß. Die politische Abhandlung gewinnt an Spannung durch das Hinzukommen des Kriminalfalls; der Kriminalfall hingegen gewinnt an Tiefe durch das Einbetten in den politischen Kontext.

Eine erzählte Prognose 

Nach Der Komet (Steins letzter Roman, in dem er ausmalt wie die Welt aussehen würde, hätte der Erste Weltkrieg nie stattgefunden) beweist Stein erneut sein Wissen um das politische Weltgeschehen sowie seine Fähigkeit, dieses weiterzudenken und in Romanhandlungen zu integrieren. Der Ich-Erzähler Joshua driftet in seiner krimiartigen Erzählung über seine Ermittlungen immer wieder ab zu den „betrüblichen Ereignissen, über die wir ungern reden“ – wie die Inselbewohner den Dritten Weltkrieg nennen. Dabei werden weltweite aktuelle Ereignisse (wie der Falklandkrieg, die Spannungen in Kashmir oder die Wahl von Donald Trump) mit fiktiven zukünftigen vermischt, wodurch der Roman zu einer düsteren Prognose wird. Stein verarbeitet die Angst vor dem derzeitigen politischen Geschehen und führt sie weiter. Dadurch wirkt der Roman wie eine Warnung. Doch die Warnung wirkt zu keiner Zeit überspitzt oder anstrengend durch die humoristischen Inhalte: Die einzelnen Figuren wirken absurd, aber auch sympathisch darin, wie sie scheinbar fröhlich weiterleben in ihrer Idylle mit aufgehängten Fahnen von dem Königreich, das es nicht mehr gibt, und ihren Bildern der verstorbenen Queen. Auch Joshuas Erzählweise kommt heiter daher und er ist seinen Mitmenschen gegenüber angenehm positiv gestimmt – solange er nicht über Politik schreibt.

Frieden, Liebe und Eierkuchen nach dem Dritten Weltkrieg 

Joshua leistet gute Arbeit. Er schafft es, den Mordfall aufzuklären und herauszufinden, dass der Hauptgeschäftsführer der Legal Assembly mit vergifteter Cola die letzten Inselbewohner umbringen wollte als verzweifelter, sektenartiger Akt. Joshua verhindert dies wie ein wahrer, großer Politthrillerheld. Ein U-Boot legt an der Insel an; es stellt sich heraus, dass es doch noch weitere Überlebende gibt, die sogar die Unfruchtbarkeit überwunden haben. Und dann küsst plötzlich Joshuas heimlicher Schwarm ihn vor allen Leuten. Was gut in einen reißerischen Politthriller hineinpasst, wirkt bei Steins reflektierter Erzählweise irritierend. Ob es nun für den Einzelnen realistisch oder optimistisch wirkt, dass die Menschheit einen weiteren Weltkrieg überlebt, so wirkt spätestens diese plötzliche Annäherung, die aus dem nichts wie bei einem Bond-Girl daherkommt, überspitzt. Durch diese rosarote Brille, die sich der Roman zum Schluss aufsetzt, verliert die Warnung an Bedeutung. Doch dieses Ende bleibt ein kleiner Vorwurf. Vor allem in Vergleich mit anderen Kriminalromanen oder Politthrillern ist Nach uns die Pinguine ein auffallend kreativer und weitsichtiger Beitrag zur aktuellen politischen Weltlage.

 

Hannes Stein: Nach uns die Pinguine. Ein Weltuntergangskrimi
Galiani Berlin, 208 Seiten
Preis: 19,00 Euro
ISBN: 978-3-86971-1560
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