Traumwelten der Gegenwartskunst: Wie Jean-Max Colard die Grenze zwischen Traum und Kunstkritik auflöst

Jean-Max Colard – Die Ausstellung meiner Träume Cover: Wolff Verlag

2016 erschienen Jean-Max Colards poetische Traumnotate unter dem Titel Die Ausstellung meiner Träume im Berliner Wolff Verlag. Die von Christian Steinau herausgegebene Übersetzung zeigt auf, wie ein Kunstkritiker, Literaturwissenschaftler und Kurator in Personalunion seine Eindrücke aus dem Kunstbetrieb als Schriftsteller in Kunstliteratur verwandelt.  

von KATHARINA KRÄHENBÜHL

Jean-Max Colards Träume aus dem Kunstbetrieb enthalten dreiundsiebzig Traumnotate, die im Zeitraum 2005-2015 geschrieben wurden. Formal und thematisch sind die Träume so unterschiedlich wie die besprochenen Gegenstände: Stadtspaziergänge, Ateliergespräche, Galerie- und Ausstellungsbesuche.

Colards Träume werden durch die Traumformel «Je rêve» / „Ich träume“ eingeleitet. In meditativer Kontinuität folgt auf diese Formulierung die Schilderung von Traumerlebnissen aus dem Leben einer offensichtlich bestens im Kunstbetrieb vernetzten Person. Der Autor ist Teil dieser Welt. Er überzeugte in den 1990er Jahren das französische Pop-Magazin Les Inrockuptibles davon, eine eigene Sparte zur Gegenwartskunst zu betreiben. Neben seiner Tätigkeit als Kunstkritiker und Kurator war Colard lange Zeit als Literaturwissenschaftler an der Universität in Lille tätig. Dort untersuchte er die Beziehungen zwischen Literatur und Gegenwartskunst. Heute arbeitet Colard in der Programmdirektion des Centre Pompidou.

Kunstwerke kritisieren, Kunstwerke kuratieren, Kunstwerke schreiben 

Bei Jean-Max Colard handelt es sich also um einen Vertreter der Doppelmonarchie von Kunstkritik und Kuratorium. Nicht nur für den Kunstkritiker der Wochenzeitung DIE ZEIT, Hanno Rauterberg, stellt diese Kombination eine unheilvolle Kombination dar. Auch andere Kommentatoren identifizieren die „Hybridisierung“ von ehemals getrennten Berufsfeldern als Symptom einer „Krise der Kunstkritik“. Und es ist durchaus legitim, zu fragen, was es für die Kunstkritik bedeutet, wenn Kunstwerke von ein und derselben Person kuratiert und besprochen werden. Rauterberg bezeichnet dies als „Gestrüpp der Abhängigkeiten“, das zum Verlust der kritischen Haltung führe und zuletzt der Kunstproduktion schade. Dieser Einschätzung könnte man nun das Buch Die Ausstellung meiner Träume entgegenstellen. Denn es handelt sich um Kunstliteratur im weitesten Sinne, in der die (Un-)Vereinbarkeit der Personalunion von Kunstkritiker und Kurator schreibend im Traum überwunden wird. Stattdessen beginnt man anhand des Texts, darüber nachzudenken, wie sich das Für und Wider der Kunstkritik entfalten und begreifen lässt. Im Nachwort entwickelt Colard die Idee einer Traumsoziologie, die als poetologisches Prinzip der vorliegenden Ausstellungsträume gedeutet werden kann, sodass die Träume Sedimente seines „Status als Multirollenspieler“ (Rauterberg) sind. Die Gemeinsamkeit von Traumnotat und kunstkritischem Text ist der revidierte und revidierende Charakter des Schreibens. Denn ein aufgeschriebener Traum ist nicht mehr der eigentliche Traum; Träume aufzuschreiben, ist Arbeit am Traum. Dieser Eindruck vermittelt sich durch Colards Text. Im Postscriptum eines Traumes befragt sich Colard auf „Eifersucht des Kunstkritikers gegenüber seinem ‚Freund‘, dem Schriftsteller?“. Seine Träume handeln, so berichtet Colard im Nachwort, in der Phase der Buchpublikation von Die Ausstellung meiner Träume weniger von Ausstellungen, als von „Büchern, Texten und Schriften“. Das fließende Ineinander von Lebensrealität und Traum wendet sich in jeder Lebensphase zurück an den Träumer und gerade diese Grenzauflösung schreibt sich dem Text ein.

Traummodus als Strategie der Grenzüberschreitung von Literatur und Kunstkritik 

Colard träumt einmal von einem unvoreingenommenen, staunenden Blick auf die Kunst, der ihm als professionellen Akteur des Kunstbetriebs nur mehr im Traum möglich ist. Kein fiktionaler Text offenbart jedoch, welchen Wahrheitsgehalt ihm vom Autor beigegeben wurde. Nun wissen wir schlichtweg auch nicht, ob es sich im Fall Colards um schreibende Subversion oder träumerische Selbstinszenierung handelt. Colard notiert seine Träume auf einem gedanklichen und sprachlichen Niveau, das den Traummodus als bewusste Strategie der Grenzüberschreitung von Literatur und Kunstkritik erscheinen lässt. In dieser relativen Undurchsichtigkeit führt Colard seine Leser in einer Ausstellung seiner Träume durch die Räume der Gegenwartskunst: die Hinterzimmer von Galerien, abgehängte und verpackte Museumslandschaften, den prächtigen Garten einer privaten Stiftung, eine imaginäre documenta. Ob Maurizio Cattelan, Marc-Camille Chaimowicz oder Cyprien Gaillard, Jean-Max Colard gibt ihnen allen einen Platz in seinen Träumen. Dennoch hält er sich auch nicht nur mit  Gemeinplätzen der Gegenwartskunst auf, sondern flicht sein Wissen in persönliche, politische, (kunst-)historische Narrative ein. Im Traummodus lassen sich diverse Topoi problemlos produktiv parallelisieren und assoziativ zusammenführen. Selbst paradoxale Konstellationen sind denkbar und haben hier ihren Ort. Welchen Begriff von Kunstkritik Colard hier allerdings entwirft, scheint jedenfalls nicht klar durch.

Wenn auch die deutsche Übersetzung zwei Grafiken vermissen lässt und den Text insgesamt weniger großzügig präsentiert (in der 2013 im Genfer Museumsverlag mamco erschienen französischen Ausgabe wird jedem Traum mindestens eine Seite zugedacht), so erfährt man durch das Vorwort des Herausgebers ungleich mehr über die Entstehungsbedingungen. Darüber hinaus erleichtert das Namens-, Orts- und Sachregister die Arbeit mit der handlicheren deutschen Ausgabe.

Die Ausstellung meiner Träume bietet reichlich Stoff zur Bearbeitung, Diskussion, Entdeckung und Fortsetzung dessen, was der Traum in Gang zu setzen vermag. Es bieten sich eine Fülle von Lesarten an zu Themen wie Kunstkritik, Gegenwartskunst, Verhältnis von Kunst und Literatur, Motiv des Traums in der Literatur, Literarizität und Fiktionalität der Kunstkritik. Die vielbeschworene Unvereinbarkeit von Kunstkritik und kuratorischer Praxis – hier vereint zwischen zwei Buchdeckeln – scheint dem Autor jedenfalls keine schlaflosen Nächte zu bereiten. Tant mieux!

 

Jean-Max Colard: Die Ausstellung meiner Träume. Übersetzt aus dem Französischen von Christian Hartwig Steinau
Wolff Verlag, 118 Seiten
Preis: 14,90 Euro
ISBN: 978-3-941461-34-5
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