Viel Aufregung mit toller Moral

Doron Rabinovici – Die Außerirdischen Cover: Suhrkamp

Verfolgungsjagden, politische Intrigen, Außerirdische, das Spiel ums nackte Überleben, eine unmoralische Spielshow und  korrupte Medien – mit diesen Schlagworten könnte man Die Außerirdischen von Doron Rabinovici beschreiben. Man kann es jedoch ebenso gut lassen und sagen, dass dieser Roman ein zu großer Haufen an aufmerksamkeitsheischenden Themen ist.

 

von CAROLINE KÖNIGS 

Außerirdische landen auf der Erde. Die USA möchten mit Atomraketen die Erde vernichten. Die Außerirdischen verhindern dies durch einen weltweiten Stromausfall. Die Menschen töten sich gegenseitig in Unwissenheit und Angst. Die Wirtschaft bricht zusammen. Hunger bricht aus. Das Leben normalisiert sich wieder. Der Protagonist Sol macht vom Restaurantkritiker zum Mitbegründer der weltweit berühmtesten Fernsehshow einen wahnwitzigen Aufstieg in seiner Karriereleiter. Wissenschaftler berichten ihm, dass die Außerirdischen gerne Menschen essen wollen, die sich freiwillig für eine Spielshow melden, durch die sie entweder berühmt werden oder zu Alienfutter, wenn sie verlieren. Plötzlich gibt es zwanzig Seiten später diese Spielshow. Sols Nachbar meldet sich als Freiwilliger und stellt fest, dass das Spiel doch blöd ist. Sol hilft ihm bei der Flucht und wird zu der Insel deportiert, auf der die Verlierer und nun auch Querulanten geschlachtet werden. Aufstände entstehen weltweit. Die Außerirdischen reisen wieder ab. Sol flieht und versucht, der Welt zu berichten, dass die Spiele und ihre Maschinerie grausam waren.

Handlung statt Gefühl   

Diese abgeänderte Version von der Hunger-Games-Trilogie wird innerhalb von 250 Seiten beschrieben. Es gibt zehn Kapitel, die für sich genommen jeweils das Potenzial für einen 250-seitigen Roman gehabt hätten. Doch leider scheint der Ich-Erzähler nicht gewillt zu sein, seine Gefühle ausführlich zu beschreiben, was zu der Frage führt, wieso diese erzählerische Perspektive gewählt wurde. Ansätze und gute Tendenzen sind in dem Roman zu finden, doch leider bleibt das Meiste unausgebaut. Sol ist ein wankelmütiger Charakter: Er scheint bis zur Hälfte das Sinnbild des gängigen Bürgers zu sein, der beim Vorschlag der Spielshow zuerst entsetzt ist, das Verbot der Show fordert, dies jedoch schnell wieder vergisst, sich die Show ansieht und es schafft sein schlechtes Gewissen zu verdrängen – vermutlich soll diese moralische Flatterhaftigkeit des Einzelnen das Verhalten der Gesellschaft nachvollziehbar machen (Sols beeindruckend bedeutungsschwerer Name ist Programm). Würde ich nicht auch so reagieren? Würde ich nicht auch die Übertragung der Spiele ansehen, obwohl ich halb unterbewusst weiß, dass ich sie dadurch unterstütze? Leider wird der Leser nicht in diese Zwickmühle gebracht. Sol erwähnt nur kurz, wenn sich seine Einstellung verändert, nichts wird begründet, es gibt keine ausführlichen inneren Monologe, nur schnelle Sprints zu neuen reißerischen Geschehnissen. Der Ansatz, die Gesellschaft durch eine ausgewählte Figur zu beleuchten, wurde fallen gelassen.

Der Roman zum Film 

Mit seiner zwanghaften Fixierung auf die Handlung scheint das Buch ein Roman zum Film werden zu wollen. Die halsbrecherischen Verfolgungsjagden passen gut in einen Hollywoodreißer und tatsächlich erinnern die Zwei-bis-sieben-Wörter-Sätze der ersten Seite an die literarischen Höhenflüge und Drehbuchvorlagenromane eines Dan Browns: „Sie kamen über Nacht. Wir schliefen tief. Eng umschlungen. Der Hund des Nachbarn schlug nicht an.“ Doch nicht alleine die Schlichtheit des Schreibstiles, die manchmal aufregend kurz sein möchte, regt auf. An einer Stelle wird beschrieben, dass alle im Wartesaal zum Abtransport zur Insel in eine Angststarre verfallen sind. Eine Seite später wird beschrieben, wie sich eine Frau vor dem Sicherheitspersonal prostituiert, wobei sie sich offensichtlich bewegt. Anscheinend hätte es nicht aufregend genug geklungen, zu schreiben, dass zunächst alle in eine Angststarre verfielen. Dies ist nur ein kleines Detail, doch der Roman ist durchzogen von solchen winzigen Logikfehlern, als ob der Lektor während des Korrekturlesens vor lauter Aufregung eingeschlafen wäre.

Moral, die begeistert 

Doch natürlich sollte man gegen Die Außerirdischen nichts sagen, denn die Moral des Romans ist wünschenswert: Auch der Einzelne hat Schuld an einer misslungenen Gesellschaft; wie bei den Verbrechen des Holocausts sollten die wahren, mächtigen Übeltäter bestraft werden, nicht die kleineren Mittelmänner; Medien sollten sich nicht alleine nach ihren Quoten richten; der Mensch selbst ist gefährlich in seiner Angst vor dem Fremden (ob vor Außerirdischen oder Ausländern). Damit reiht sich Die Außerirdischen in eine lange Kette an Büchern, die alleine wegen ihres Inhalts gelobt werden. Denn wer eine gerngesehene Meinung vertritt, für den muss Literatur nicht mehr sein als ein Mittel zum Zweck. Da darf der Roman auch ausschließlich aus überzogener und klischeehafter Action bestehen und kann trotzdem als tiefsinnig durchgehen. Auch die bisherigen positiven Kritiken zeigen, dass es heutzutage wichtiger ist, ein Buch mit guter Moral als ein Buch mit poetischer Sprache zu schreiben. Also immer mehr von der Moralkeule, irgendwer wird es schon begeistert lesen!

Doron Rabinovici: Die Außerirdischen
Suhrkamp, 255 Seiten
Preis: 22,00 Euro
ISBN: 978-3-51842-7613
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