Alle Jahre wieder

"Der Nussknacker" am Aalto-Theater Essen Foto: Bettina Stöß

„Der Nussknacker“ am Aalto-Theater Essen Foto: Bettina Stöß

Das Essener Aalto-Theater setzt auch in diesem Winter auf eine sichere Bank für ein ausverkauftes Haus. Insgesamt nur drei Mal steht Ben Van Cauwenberghs Nussknacker-Interpretation von 2015 auf dem Spielplan. Weniger Essens Hauschoreograf als vielmehr die exzellenten Tänzer und die fabelhaften Essener Philharmoniker entlocken auch dem größten Weihnachtsmuffel besinnliche Gefühle.

von STEFAN KLEIN

Tschaikowski vertonte 1892 Alexandre Dumasʼ Histoire d‘un Casse-Noisette (was wiederum auf E. T. A. Hoffmanns Märchen Nussknacker und Mausekönig basiert) und schuf damit einen, wenn nicht DEN Ballett-Klassiker der Weihnachtszeit. Die Melodien des nicht an Gassenhauern mangelnden Werkes fanden und finden zahlreich Verwendung in jedem dritten Weihnachtsfilm und haben sich somit unlöschbar in unser aller Advents-Hirn gebrannt – und all das ganz ohne allzu kitschigen Beigeschmack wie Roy Blacks Weihnachtsalbum oder den Nervfaktor von Whams Last Christmas.

Der Besuch des Aalto-Theaters steht also unter guten Vorzeichen, sehnt man sich doch beim Hören des Russischen Tanzes direkt nach Glühwein und hat spätestens beim Tanz der Zuckerfeen nur noch Spekulatius im Kopf. Die Essener Philharmoniker enttäuschen unter der Leitung von Johannes Witt dann auch in keiner Weise. Mit großer Spielfreude zaubern sie dem vollbesetzten Opernhaus ein Lächeln ins Gesicht und viel Besinnlichkeit ins Herz.

Der Nussknacker – Eine Familienangelegenheit

Ein Besuch des Nussknackers scheint im Aalto-Theater eine Familiensache zu sein. Im Foyer wundert man sich noch über die zahlreich bereitgestellten Kindersitzkissen und wird dann im Saal selbst überrascht, wie viele Kinder tatsächlich an diesem Donnerstagabend (außerhalb der Ferien…) mit Mama, Papa, Oma und Opa den Weg ins Aalto finden. Und auch auf der Bühne sind mehr Kinder zu sehen, als man es aus anderen Vorstellungen gewohnt ist. Eine ganze Armee von Ballettmäusen des Essener Ballett-Studios Roehm bevölkert zwischenzeitlich die Bühne, und spätestens als sie beim Chinesischen Tanz in Gelb gekleidet mit großen schwarzen Hüten vor einem Drachen davonläuft, kann man die Verzückung der Omis und Opis selbst durch die Hinterköpfe hindurch sehen und mehr als nur einen amüsierten Juchzer hören. Die größte Aufgabe der kleinen Darsteller hat Laura Kubicko. Als kleine Schwester Clara hat sie eine Schlüsselrolle in Ben Van Cauwenberghs Version inne und erfüllt ihre Aufgabe ganz großartig. Ihr zur Seite steht meist ihre große Schwester Louise, die, zumindest am Abend der Wiederaufnahmepremiere und vor allem im Vergleich zu den anderen Solisten, anscheinend mit wenig Motivation von Yanelis Rodriguez getanzt wird. Dies wird vor allem im großen Pas de deux am Ende des zweiten Aktes deutlich. Ihr eigentlich emotionaler Tanz mit Karl, dem verwandelten Nussknacker (Aidos Zakan), wirkt ein wenig blutleer. Ob das jedoch ihr oder vielmehr Van Cauwenbergh anzukreiden ist, weiß man nicht. In einer zwar präsenten, doch tänzerisch leider kaum herausstechenden Rolle ist Moisés León Noriega als Patenonkel Drosselmeier zu erleben. Trotz seiner undankbaren Choreografie weiß der Kubaner oft mit seiner bloßen Anwesenheit zu begeistern. Er gibt dem mystischen Drosselmeier eine Würde und Anmut, die erahnen lässt, wozu Noriega fähig wäre, dürfte er größere Partien tanzen. Auch Adeline Pastor sollte herausgehoben werden. Ihre Interpretation der Schneekönigin ist das tänzerische Highlight des ersten Aktes.

"Der Nussknacker" am Aalto-Theater Essen Foto: Bettina Stöß

„Der Nussknacker“ am Aalto-Theater Essen Foto: Bettina Stöß

Slapstick für die Massen

Bill Krog und Dorin Gal haben beim Bühnenbild, respektive den Kostümen, alles richtiggemacht. Befinden wir uns am Anfang noch im festlich geschmückten Herrenhaus der Familie Stahlbaum (Die gewölbte Deckenkonstruktion ihres Anwesens erinnert sicher nicht zufällig an das Zuhause einer wichtigen Essener Stahl-Familie… Villa Hügel lässt grüßen.), tauchen wir im zweiten Akt voll in die Traumwelt der Kinder ein. Die Kostüme sind ebenso bunt wie die Umgebung und genau so, wie man sie sich von einer festlichen, weihnachtlichen Nussknacker-Inszenierung wünscht.

Und dennoch trübt einiges den in vielerlei Hinsicht gelungenen Abend. Direkt am Anfang wundert man sich doch ein wenig, wie dankbar und lachend eine Entscheidung Van Cauwenberghs vom Essener Publikum aufgenommen wird: Er steckt Marek Tuma in das Kostüm des Butlers aus Dinner for One und lässt ihn in regelmäßigen Abständen betrunken durch die Szene wanken oder unvermeidlich über einen Tigerkopf stolpern. Während ich für diese Art des Holzhammer-Slapstick wenig übrig habe, war doch jeder Auftritt des Butlers von großem Gelächter im Publikum begleitet. Für mich wirkte er jedoch wie ein Fremdkörper, auf den ich gern verzichtet hätte. Und so gab es weitere Momente wenig subtiler Komik, die Van Cauwenbergh wahrscheinlich mit Blick auf sein zu erwartendes Familienpublikum einsetzte. Eine überdimensionierte Mausefalle, auf Eis ausrutschende Gäste oder der bereits erwähnte Alkoholiker-Butler sollen hier nur als Beispiele dienen.

Doch selbst wenn man Herrn Van Cauwenbergh seinen Sinn für Humor verzeiht, so muss man ihm doch ankreiden, dass er sich bei der Choreografie, dem Herzstück eines jeden Balletts, wenig inspiriert zeigt. Vor allem in den Soli wird deutlich, dass er viel zu sehr auf Wiederholungen setzt und die Szenen so für geübte Ballett-Zuschauer schnell ermüdend wirken. Es scheinen immer dieselben Bewegungsabläufe zu sein, die aneinandergereiht werden, um die Zeit zu füllen. Gerade in einem Stück wie dem Nussknacker, das zu den meistaufgeführten Balletten unserer Zeit gehört, wünscht man sich ein wenig mehr Innovation und ein spannenderes Bewegungsvokabular. Man hat das Gefühl, Herr Van Cauwenbergh ruhe sich bei der Choreografie ein wenig auf der Beliebtheit des Ausgangsstoffes aus.

Diese Beliebtheit ist es dann letztlich auch, die dem Publikum frenetischen Applaus bei dieser Wiederaufnahmepremiere entlockt und auch bei den inzwischen ausverkauften weiteren Vorstellungen in dieser Spielzeit entlocken wird. Das Aalto-Theater wird mit Sicherheit auch in den kommenden Spielzeiten wieder im Winter Ben Van Cauwenberghs Nussknacker spielen, und das Essener Publikum wird wieder in ausverkauftem Haus begeistert sein. Und auch ich werde nochmal darüber nachdenken, ob ich mich mit Tschaikowskis Musik wieder in festliche Stimmung bringen werde. Jetzt weiß ich ja, wann ich mich mit allen Sinnen in der magischen Welt des Nussknackers verlieren kann und wann ich lieber genussvoll die Augen schließen sollte.

 

Informationen zur Inszenierung
 
Nächste Vorstellungen:
 
Freitag, der 29. Dezember 2017
Donnerstag, der 04. Januar 2018

 

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Ein Gedanke zu „Alle Jahre wieder

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