Modernes Theater geht auch ohne schockierende Effekte

„Eugen Onegin“ im Opernhaus Dortmund Foto: Anke Sundermeier

Puschkins Eugen Onegin gilt als der typisch russische Versroman des 19. Jahrhunderts. Das literarische Werk über die Rolle von Literatur, den überflüssigen Menschen und die Frage nach dem richtigen Augenblick für das wahre Glück verwandelte Tschaikowski 1878 in die gleichnamige Oper. An diese russische Komposition wagt sich die Oper Dortmund nun erfolgreich und künstlerisch innovativ. Als vollkommen überzeugend kann sie jedoch nicht bezeichnet werden; dazu verliert sie den russischen Ursprung des Werks ein wenig zu stark aus dem Blick.

von ALINA WOLSKI

Das Licht dimmt ab. Wohltuende, klangvolle, aber zugleich auch sehnsuchtsvolle Akkorde erklingen. Der Vorhang fährt auseinander, um den Blick auf eine schiefe Bühne zu ebnen. Eine blonde junge Frau sitzt auf einem Hocker bestehend aus Büchern. Es ist der Bücherstapel einer Bücherliebhaberin; ja, es ist beinahe die ganze Welt der in der russischen Provinz aufwachsenden, verträumten Tatjana. Doch das Leben auf dem Land füllt sie nicht aus. Ihr Zufluchtsort: die Literatur. Eines Tages besucht der Nachbar Evgenij Onegin die Familie. Es kommt, wie es kommen muss: Tatjana verliebt sich in ihn. Doch dieser weist ihre Liebesgeständnisse zurück.

Genauso wie in der Anfangsszene, in der Tatjana auf einem einfachen Hocker in einem hölzernen Raum sitzt, zieht sich die minimalistische Bühnengestaltung (Jens Kilian) durch das Stück. Mal wird ein Bett in das Zimmer gestellt – dann ist es ein großer Tisch. Die Bühne lässt sich drehen, sodass die Szenen, die draußen stattfinden, auch außerhalb des Raumes vor einer mit Efeu bewachsenen Wand spielen können. Dieser Minimalismus tut gut in Zeiten, in denen viele Regisseure der Meinung sind, eine moderne Inszenierung bedürfe entweder eines rosa Hasenkostüms oder nackter Menschen auf der Bühne. Alles, was in Eugen Onegin auf der Bühne steht, hat seinen Zweck. Nichts ist überflüssig. Doch eine nicht zu vernachlässigende Kleinigkeit fehlt: die russische Seele.

Russland ohne Seele

Zwar tragen die Darsteller klassische russische Trachten und zu Beginn ist der große, schiefe Raum mit Stroh ausgelegt, in dem die nachbarlichen Bauern typischen Tätigkeiten nachgehen, doch von da an taucht das Russische nur noch selten auf. Gerade bei Eugen Onegin wäre dies essenziell, denn schließlich ist dies der große russische Versroman. Auch der bei einigen Sängerinnen teils auffallende deutsche Akzent beim Singen des russischen Textes ist dabei nicht sonderlich unterstützend.

Drei Rollen stechen als besonders überzeugend, auch was die Sprache angeht, heraus: Die des Simon Mechlinski als Evgenij Onegin, des Thomas Paul als Fürst Lenski und die der Judith Christ als Amme. Alle drei bestechen mit ihrem fehlerfreien, einfühlsamen Gesang, zu dem sich herausragende schauspielerische Fähigkeiten gesellen. So gelingt es ihnen besonders, die Ironie einiger Aussagen zu vermitteln, aber zugleich auch in Sekundenschnelle zu dramatischen oder melancholischen Haltungen zu wechseln und diese dem Publikum nahezubringen.

Schattenduell

Wegen Onegins Grundeinstellung, mit den Herzen seiner Verehrerinnen zu spielen, was schließlich darin mündet, dass er versucht, seinem Freund Lanski dessen Liebe Olga auszuspannen, kommt es zum Duell zwischen den beiden Männern. Regisseurin Tina Lanik verwandelt dies in eine dramaturgische Schattengeschichte. Die beiden Gestalten an der Hinterwand schießen aufeinander. Einer geht zu Boden. Im schneebedeckten Bühnenraum singt Onegin währenddessen wehleidig dem Tode entgegen. Denkt das Publikum nun, das Duell der Schatten stünde stellvertretend für das der beiden Männer und Onegin würde, wie so viele Opernfiguren vor ihm, noch mehrere Minuten nach seiner Verwundung seine Agonie gesanglich preisgeben, so hat es sich getäuscht. Bei dem Schattenduell handelt es sich vielmehr um eine Verbildlichung von Onegins Gedanken.

Die zweite Hälfte der Oper wird durchzogen von Trübsal, Verzweiflung, einem begehbaren Würfel als Bühne, der den Ortswechsel vom Lande in die luxuriöse Großstadt Moskau darstellt, und der Frage, ob die Ehre oder doch die wahre Liebe das Glück formt. Keine Frage bleibt jedoch die musikalische Leistung der Dortmunder Philharmoniker. Wie so häufig fungieren sie als Basis eines guten Abends, die keinerlei Schwäche, stattdessen aber Perfektion und gefühlvolle Interpretation vorzuweisen hat.

Glaskasten

Die Inszenierung sticht besonders durch die Verwendung der beiden würfelförmigen Bühnen heraus. Der Holzwürfel in der ersten Hälfte steht für die Einfachheit des Lebens der Bevölkerung, wohingegen die Glasbühne, in der sich gläserne Stühle befinden und ein altes Auto geparkt ist, symbolisch für das Luxusleben in der Stadt ist. Gleichzeitig zeigt es Evgenij Onegin die Schönheit Tatjanas, die nun reich verheiratet ist. Die Chance, sie zu lieben, hätte Onegin in einfachen Verhältnissen ergreifen müssen. In der Welt der noblen Aristokraten steht das Ansehen eines Menschen über der wahren Liebe. So entscheidet sich Tatjana, nicht ihrem Herzen und somit Onegin zu folgen, sondern ihrem Eheversprechen treu zu bleiben.

Diesen Wandel von einem verliebten, träumerischen jungen Mädchen vom Lande zu einer selbstbewussten, reichen Frau in dem Moskauer Universum der Aristokraten stellt die Dortmunder Inszenierung sowohl durch die gesanglichen und schauspielerischen Leistungen aller Solisten als auch durch die Bühnengestaltung hervorragend heraus. Speziell der Versuch, das Klassische an Eugen Onegin zu bewahren, ist eindeutig gelungen, ohne dabei anachronistisch zu wirken. Es versetzt das Publikum in eine vergangene Zeit, die jedoch durch das Einhauchen der russischen Seele glaubwürdiger gewesen wäre.

 

Informationen zur Inszenierung

Nächste Vorstellungen:


Freitag, der 5. Januar 2018
Sonntag, der 21. Januar 2018
Sonntag, der 28. Januar 2018

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