„Über den Schatten einer Wolke, über das Lied eines Gedankens“

Vladimir Nabokov – Briefe an Véra Cover: Rowohlt

Liest man die Briefe eines Menschen, so erfährt man Grundlegendes über seine Persönlichkeit. Nabokovs Briefe an seine Frau sind Liebesbekundung, Reisebericht, und Zeitporträt in einem. Was sich als Konstante durch sein Leben zieht, ist die Liebe zu seiner Frau Véra. Ihr Verhältnis wird in den nun erstmals in deutscher Sprache veröffentlichten Briefen an Véra dokumentiert. Im unverkennbar brillanten Nabokov-Duktus eröffnen sie die Tür zu der vertrauten Atmosphäre einer über 50 Jahre währenden Beziehung.

von ALINA WOLSKI

Wirklich berühmt geworden ist Vladimir Nabokov als Autor der Lolita und wird auch heute noch häufig mit dem Werk in Verbindung gebracht. Dieser Erfolg macht jedoch nur einen Bruchteil seines Lebens und Schaffens aus, weshalb Nabokov nicht nur auf diesen einen Roman reduziert werden sollte. Vielmehr schlüpfte er in viele unterschiedliche Rollen: Er war Inkognito-Dichter und aufstrebender Dramatiker, Privatlehrer und bezahlter Reisebegleiter, Schmetterlingsjäger und Insektensammler, erschöpfter Arbeitssuchender und entnervter Visumsbewerber, untreuer Ehemann und am Rande des Selbstmords stehender Psoriatiker, Dozent und verarmter Vortragsreisender, entspannter Urlauber und schließlich ein weltberühmter Autor. Diese komplexe Entwicklung spiegelt sich in seinen Briefen an Véra wider. Doch wie kompliziert seine persönliche Lage auch war – jederzeit war Nabokov fähig, sich durch die Brille der Selbstironie zu betrachten. Hinzu kommt seine ausgeklügelte, bildliche und äußerst präzise Sprache. So beschreibt er in seinen Briefen: „Das Wetter heute früh war so lala: trübe, aber warm, der Himmel wie gekochte Milch, mit Haut – aber wenn man sie mit einem Teelöffel beiseiteschob, war es sehr schön sonnig“, und sein deutsches Visum bezeichnet er als „jene Flechte auf der maroden Mauer meines Passes“.

Heimatlosigkeit und Sprachenvielfalt

In Russland geboren, floh der 18-jährige Nabokov mit seiner Familie in Folge der Oktoberrevolution nach Berlin. Er studierte in London, verbrachte einige Monate in Prag, floh mit seiner Frau vor dem Naziregime nach Frankreich. Im letzten Moment erhielten beide ein Visum für die USA, wo sie mehrere Jahre lebten, und schließlich entschied sich das Ehepaar, ihren Lebensabend in Montreux zu verbringen. Diese häufigen Wechsel des Wohnortes wirken sich nicht nur auf den Inhalt, sondern auch auf die Sprachenvielfalt von Nabokovs Werken und eben auch von seinen Briefen an Véra aus. Die Grammatik der einen Sprache wird in die andere übernommen –  ein russisches Wörtermeer umschließt einen französischen Begriff. Nabokov macht durch die Vermengung der unterschiedlichen Sprachen aus jedem Satz ein kleines Rätsel und Kunstwerk, das man erst dann wirklich versteht, wenn man einen Schritt Abstand von ihm nimmt – wie von einem Gemälde, um dieses voll und ganz betrachten zu können. Dadurch, dass Nabokov stets die Sprache wechseln und die passendste Vokabel wählen kann, sind seine Schilderungen erstaunlich präzise. Zugleich verlangt dieser Sprachenreichtum dem Leser auch eine erhebliche Leistung ab. Im Idealfall sollte er mindestens die deutsche, englische, französische und russische Sprache beherrschen, um alle Wortspiele nachvollziehen zu können. Doch auch nicht ganz so sprachgewandten Nabokov-Interessierten ermöglicht die deutsche Erstausgabe die nachvollziehbare Lektüre der Briefe. Im Anhang können Übersetzungen und Erläuterungen nachgeschlagen werden.

Getrenntsein und Vertrautheit

Fernando Pessoa  hatte einst behauptet, Lesen hieße, durch fremde Hände zu träumen. Besonders treffend lässt sich dieser Satz an Nabokovs Briefen an Véra festmachen. In jedem Wort spiegelt sich die Innigkeit ihrer Beziehung wider. Dass der berühmte Schriftsteller seine spätere Frau von der ersten Sekunde ihrer Bekanntschaft vergöttert, ist offensichtlich. Véra war in sein „Leben gekommen – nicht wie man auf Besuch kommt (Du weißt schon, ohne den Hut abzunehmen), sondern wie man in ein Königreich kommt, wo alle Flüsse auf Dein Spiegelbild gewartet haben, alle Wege auf Deine Schritte“. Ihr kann er alles schreiben – selbst „über den Schatten einer Wolke, über das Lied eines Gedankens“. Diese Vertrautheit eröffnet einen weiten Einblick in Vladimir Nabokovs Privatleben. Während seiner oder ihrer Abwesenheit, die besonders zu Beginn der Beziehung aufgrund von Kuraufenthalten oder längeren Familienbesuchen sogar bis zu einigen Monaten dauert, schreibt Nabokov ihr Anekdoten aus seinem Leben, er erzählt Gespräche nach, schildert seine Gedanken zum Kulturbetrieb und äußert sich zur Rezeption seiner Werke. Das ist nicht nur für Leser aufschlussreich, die sich im nabokovschen Kanon auskennen, denn seine Beobachtungsgabe ist zu großen Teilen so sensibel, dass die Schilderungen psychologischen Abhandlungen gleichkommen. Seine Briefe beschreiben das Leben von Exilkünstlern zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Europa – sie scheinen schon fast ein Bild dieser Zeit zu zeichnen. Gerade das Faktuale ist dabei die große Stärke des Werks, denn Nabokovs Leben ist so spannend und zerrüttet, dass gar keine Fiktion erforderlich ist, um einen Spannungsbogen aufzubauen.

Moldau und Popcorn

Das Schönste: Die Briefe lassen sich immer und immer wieder lesen. Jedes Mal bleibt ein anderer Aspekt hängen. Sie sind so vielfältig, sowohl thematisch als auch sprachlich, dass jeder Leser auf seine Kosten kommt. Mal überquert Nabokov das Eis der Moldau im Winter und erkältet sich, dann zieht er eine Bekannte, die andauernd Diminutive verwendet, ins Lächerliche, indem er auch seinen Brief, in dem er über sie schreibt, mit ihnen befüllt, und ein anderes Mal schickt er Véra ein Gedicht über sein Heimweh nach Russland. Aufgrund dieser abwechslungsreichen Inhalte und des poetisch-innovativen Schreibstils gleichen Nabokovs Briefe an Véra einer Mischung aus anspruchsvoller Lektüre und „süßem Popcorn“, von dem man nicht genug bekommen kann.

Vladimir Nabokov: Briefe an Véra
Rowohlt Verlag: 1152 Seiten
Preis: 40 Euro
ISBN: 978-3498046613
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2 Gedanken zu „„Über den Schatten einer Wolke, über das Lied eines Gedankens“

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