Verschobene Dichtkunst, die herausragt

Adam Zagajewski: Asymmetrie. Gedichte. Cover: Carl Hanser

Adam Zagajewski unternimmt in seinem Gedichtband Asymmetrie den Versuch einer inkongruenten Ästhetik. Thematisch variieren seine Gedichte zwischen zumeist biografisch angelegten Charakterisierungen von Größen aus Kunst und Wissenschaft, hochpersönlichen Erzählungen sowie nicht zuletzt metaphorisch aufgeladenen Lobeshymnen auf seine literarischen Vorbilder. Zagajewskis pointenreiche Sprache geleitet durch ein exzellentes Zeugnis engagierter Literatur.

von THOMAS STÖCK

Unter verschobener Dichtkunst kann man sich nur schwerlich etwas vorstellen. Asymmetrie hingegen ist visuell vor- und darstellbar. Auf Lyrik bezogen, bleibt die Frage, wie sich eine solche Asymmetrie sprachlich äußern kann. Die Antwort zeigt sich in Adam Zagajewskis gleichnamigem Gedichtband. Im freien Vers gehalten, besteht rein optisch eine große Varianz zwischen den einzelnen Gedichten. Strophenanzahl und -länge folgen keinem klaren Schema, auch die Verslänge ist allenfalls im einzelnen Poem stringent. Die Formalia lenken die Aufmerksamkeit auf den Schwerpunkt der Asymmetrie: den Inhalt. Zagajewski nutzt inhaltliche Brüche, um das erwartete Ende ins Gegenteil zu verkehren. In Trauer nach dem Verlust eines Freundes ist beispielsweise im Titel angelegt, dass der Leser den Tod besagten Freundes annehmen soll – dies fügt sich in das Gesamtbild des Buchs, in dem in weiten Teilen das Gedächtnis an verstorbene Persönlichkeiten in den Mittelpunkt gerückt ist. Das Gedicht konterkariert jedoch bereits im ersten Vers das Erwartete: „Mein Freund ist nicht tot, mein Freund lebt“. Mit jedem weiteren Wort wird deutlicher, worin der eigentliche Verlust gründet. Im Gegensatz zum lyrischen Ich, welches deckungsgleich mit Zagajewski selbst erscheint, findet der Freund Gefallen an der Politik bzw. ihrer kommunistischen Ausprägung. Die sich hieraus ergebende Konfliktbeladenheit ihres Verhältnisses kann leicht erklärt werden durch einen Blick in die Vita des polnischen Schriftstellers: Als Unterzeichner des „Briefs der 59“ und Mitglied des „Komitees zur Verteidigung der Arbeiter“ wandte sich Zagajewski öffentlichkeitswirksam gegen das kommunistische Regime, von 1976 bis 1989 war er mit einem Veröffentlichungsverbot belegt.

Ein Mahnmal mit erhobenem Zeigefinger

Auch im Jahre 2014, das Jahr der Veröffentlichung des polnischen Originals Asymetria, lässt sich Zagajewski nicht den Mund verbieten. Die wohl eindrucksvollste Anklage bringt er gegen den Nobelpreisträger für Physik Werner Heisenberg im Gedicht 1943: Werner Heisenberg zu Besuch bei Hans Frank in Krakau vor. Der deskriptive Titel bezieht sich auf ein von Heisenberg in seiner Autobiografie verschwiegenes Kapitel seines Lebens. Der Vorwurf an den Wissenschaftler zielt auf seine Kollaboration mit dem nationalsozialistischen Regime ab. Hans Frank, Generalgouverneur im besetzten Polen und bekannt als „Judenschlächter von Krakau“ bzw. „Schlächter von Polen“, ist unauslöschlich mit dem Vermächtnis Heisenbergs verbunden – gegen den Willen des Letzteren: „Was stumm ist, / soll stumm bleiben. So dachte er.“

Den erhobenen Zeigefinger des Lyrikers überragt jedoch das Mahnmal, das er seinem Dichterkollegen Ossip Mandelstam in Mandelstam in Feodossija setzt. Der wiederholende Charakter der ersten Verse repliziert geschickt ein Bild sich wiederholender Gefängnisaufenthalte; als Leser spürt man förmlich die Zermürbung, der er ausgesetzt war. Die vorgebliche Geduld der Gefängnisse spiegelt sich im Erzählstil Zagajewskis insbesondere im Einsatz von Versumbrüchen: „Mandelstam […] war nicht geschaffen / fürs Gefängnis, aber Gefängnisse waren geschaffen / für ihn, unzählige Gefängnisse und Lager / warteten geduldig auf ihn“. Mandelstam verkörpert am prominentesten jenes Schicksal, das Zagajewski in Erinnerung halten will. So beschreibt er im Gedicht Erde die erbarmungslose Härte, der die Opfer eines nicht benannten Unrechtsregimes ausgesetzt waren: „Niemand wollte sterben, aber zu leben war schwerer.“ Unter besagten Opfern verbleibt das Weinen als einzig allen verständliche Form der Kommunikation.

Buch gewordene Ambivalenz

Neben den eindrücklichen Beiträgen zu weltbekannten Größen wendet sich Zagajewski auch dem eigenen Familienschicksal zu. Seine Eltern stehen im Mittelpunkt dieser autobiografischen Verarbeitung des Todes und des Gedenkens an die Toten. Von meiner Mutter greift hierbei die asymmetrische Erzählweise auf. Beginnend mit einem anklagenden Tonfall gegenüber der fehlerbehafteten Mutter, markiert das Sich-Luft-Machen des eigenen Ärgers den Wendepunkt. Der bitterböse Kommentar gegenüber der Mutter, „als sie / sich mit Beethoven verglich, dem taub werdenden, / und ich so grausam war zu sagen, aber weißt du, er / hatte Talent“, wird von ihr vorbehaltlos verziehen, sodass schlussendlich der familiäre Frieden wiederhergestellt ist und im Moment des Todes der Mutter das lyrische Ich Trauer und freudige Erinnerung gleichermaßen überkommen. Die Schilderungen dieser Familienszenen erregen Mitgefühl, denn sie sind aufgrund ihres hohen Realismus herrlich authentisch. Das Zusammenleben mit seiner Ambivalenz in Form von Höhen und Tiefen ist hierbei zentral – das Buch selbst ist bereits durch seinen Titel als eine solche Ambivalenz charakterisiert.

Einen Einblick gewährt Zagajewski mit demselben Tiefgang in die Ursprünge seiner Dichtung, indem er seine literarischen – oder allgemeiner: künstlerischen – Vorbilder zum Gegenstand seiner Kunst erwählt. Frédéric Chopin, Eugène Delacroix und Gottfried Benn ziehen als Dreigestirn bereits ins erste Gedicht Nirgendwo ein. Ihr Einfluss durchwirkt Zagajewskis Metaphorik, in Ulica Radiowa beispielsweise wird der Tod der Mutter begleitet durch die Blüte der Schneeglöckchen – man fühlt sich stark an die Kleine Aster Benns erinnert. Meine Lieblingsdichter ist sogar der Titel eines separaten Poems. „Umgeben vom Gewöhnlichen“ seien sie gewesen – also genauso umgeben vom vermeintlich Gewöhnlichen wie in Zagajewskis Gedichtband.

Große Wortkunst auf kleinem Raum

Gewöhnlich ist an der Lyrik Zagajewskis nichts, ganz im Gegenteil. Die wenigen aufgegriffenen Beispiele zeugen von einer Wortgewalt, bei der jeder Vers mit Bedacht vom Rezipienten zur Kenntnis genommen werden muss, um ihn in seiner Gesamtheit zu erfassen. Gerade mit der polnischen Literatur Unvertrauten sei angeraten, sich mit den in den Gedichten genannten Nachbarsliteraten auseinanderzusetzen und mit ihnen in Dialog zu treten. Zagajewski ist das beste Beispiel für die Fruchtbarkeit eines solchen Verfahrens, erschlossen durch eine großartige übersetzerische Leistung Renate Schmidgalls. Leider kann in der Kürze einer Rezension nicht jedem einzelnen Poem Rechnung getragen werden, denn verdient hätte jedes unter ihnen eine gesonderte Betrachtung. Dem geneigten Leser muss an dieser Stelle eine Leseempfehlung genügen, die ausdrücklich das Werk in seiner Gesamtheit umfasst. Wie aus dem Werk die Ecken und Kanten einer experimentellen Ästhetik herausragen, so ragt auch das Werk selbst aus dem grauen Strom der Neuerscheinungen heraus.

Adam Zagajewski: Asymmetrie. Gedichte. Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall
Carl Hanser Verlag, 80 Seiten
Preis: 16,00 Euro
ISBN: 978-3-446-25656-9

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