Jetzt hätte es eigentlich losgehen sollen

Richard Wagners "Die Walküre" an der Oper am Rhein Foto: Hans Jörg Michel

Richard Wagners „Die Walküre“ an der Oper am Rhein Foto: Hans Jörg Michel

Die Deutsche Oper am Rhein hat sich in dieser und in der kommenden Spielzeit vorgenommen, Wagners Mammut-Epos Der Ring des Nibelungen neuinszeniert vom Starregisseur Dietrich W. Hilsdorf auf die Bühne zu bringen. Mit Das Rheingold begann der insgesamt etwa 16 Stunden lange Wagner-Ritt im vergangenen Jahr mit dem sogenannten „Vorabend“, nun steht der „Erste Tag des Bühnenfestspiels“, Die Walküre, auf dem Programm des Düsseldorfer Opernhauses. Während die Sänger glänzen, holt sich Regisseur Hilsdorf bei der Premiere vor allem Buh-Rufe ab.

von STEFAN KLEIN

Typisch für eine Wagner-Oper, erzählt der Komponist keine einfache seichte Dreiecksbeziehung, sondern geht inhaltlich schwerere Wege und versucht, komplexe Verstrickungen und die großen Themen Heldentum, Liebe und Familie zu vereinen: Sieglinde ist unglücklich in ihrer Ehe mit Hunding. Als eines Nachts Siegmund in ihr Haus kommt, um Schutz zu suchen, verliebt sie sich in den eigentlich Fremden, der sich prekärerweise bald als ihr Zwillingsbruder zu erkennen gibt. Dem Herrn des Hauses passt dies selbstverständlich nur wenig und er möchte das Problem in einem Kampf aus dem Weg schaffen. Gott Wotan schlägt sich auf die Seite der Frischverliebten und schickt seine Lieblingstochter, die Walküre Brünnhilde, um Siegmund zu unterstützen. Wotans Frau Fricka ist von der inzestuösen Beziehung und dem einhergehenden Ehebruch entsetzt und möchte Hunding helfen. Sie verbietet ihrem Mann die Unterstützung Siegmunds, worauf der Gott die Walküre von ihrer Pflicht zurückruft. Brünnhilde, hin- und hergerissen von Pflichtbewusstsein und Mitleid zu den menschlichen Protagonisten, widersetzt sich den schwankenden Anweisungen ihres Göttervaters und steht Siegmund und Sieglinde bei. Ihr Ungehorsam zwingt Wotan dazu, sie schwer zu bestrafen.

Konzeptlosigkeit

Dietrich W. Hilsdorf erzählt die fast fünfstündige Geschichte als kammerspielartiges Familien-Psychogramm. Jedes Detail der komplizierten Beziehungen der Protagonisten untereinander wird beleuchtet, und so wird der erste Abend des Heldenepos zu einer Geschichte über Liebe, Familie, Versprechen und Macht. Wotan, eigentlich der mächtigste Gott, wird von seiner Frau Fricka an der kurzen Leine gehalten, versucht sich aber dennoch als liebende Vaterfigur für Siegmund, Sieglinde und Brünnhilde. Diese und weitere inneren Konflikte bringt Hilsdorf in seiner stark figurenzentrierten Regie ausgesprochen gut auf den Punkt.

Inszenatorisch schön anzusehen ist eine Art The-Walking-Dead-Hommage während des Walkürenritts: Die von den Walküren eingesammelten gefallenen Helden sind im Krieg gefallene Soldaten, die mit freiem Oberkörper und unübersehbaren Schusswunden wie Zombies über die Bühne trotten. Hierbei kann man erahnen, wie viel Spaß so manch andere Hilsdorf-Inszenierung machen kann. Vor allem sein Einsatz der Statisterie ist in der Vergangenheit immer wieder in Erinnerung geblieben.

Das Rheingold siedelte der Regisseur gemeinsam mit Bühnenbildner Dieter Richter in der Zeit um 1900 an. Es gab Absinth, offenen Antisemitismus und vor allem: ein (größtenteils) schlüssiges Regiekonzept. Die Walküre spielt nun in einer Art Luftschutzbunker, vermutlich während des zweiten Weltkrieges. Die Gottheiten tragen wieder an die Waffen-SS erinnernde Mäntel, nach der zweiten Pause liegt ein abgestürzter Hubschrauber auf der Bühne. Wir haben also Andeutungen von einer Fortführung des schlüssigen Konzepts aus dem Rheingold vor uns, doch dabei bleibt es leider auch. Es bleibt zu hoffen, dass Hilsdorf für Siegfried zurück zur eigentlich guten Idee des deutschen Generationen-Rings findet. Vielleicht angesiedelt in den Wirtschaftswunder-Jahren? Um dann in der Götterdämmerung die Berliner Mauer zum Einsturz zu bringen?

Richard Wagners "Die Walküre" an der Oper am Rhein Foto: Hans Jörg Michel

Richard Wagners „Die Walküre“ an der Oper am Rhein Foto: Hans Jörg Michel

Musikalisches Star-Aufgebot

Mit der schwedische Sopranistin Elisabet Strid hat die Rheinoper ein gutes Händchen in der Besetzung der Sieglinde bewiesen. Mühelos singt sie die anspruchsvolle Partie mit einer stimmlichen Brillanz, die dem langen Opernabend guttut. Sie bereichert jede Szene, und schließt man die Augen, um ihrem leuchtenden Gesang zu lauschen, läuft man gar Gefahr, ihr intensives Spiel zu verpassen. Vor allem gesanglich überzeugt Corby Welch als Siegmund. Während er hier und da eher lüstern als verliebt wirkt, ist an seiner klaren Tenorstimme nichts auszusetzen. Sami Luttinen hat als Hunding die undankbare Aufgabe, der einzig wirkliche Antagonist zu sein. Leider ist man bei ihm sehr stark auf die Übertitelung angewiesen, da man Bässe oft nur schwer versteht und sein finnischer Akzent erschwerend hinzukommt. Den gebürtigen Engländer Simon Neal als Wotan kann man hingegen ausgezeichnet verstehen. Ihm kommt die inhaltlich sicher schwerste Rolle zu. Neal überzeugt durch sein differenziertes Spiel und bringt die Konflikte des Gottes gut auf den Punkt. Auch die riesige Gesangspartie meistert er bravourös. Als Brünnhilde konnte die Oper am Rhein Linda Watson für die Premiere gewinnen. Die Grammy-nominierte Sopranistin blickt auf viele Auftritte in Bayreuth und an den größten Opernhäusern der Welt zurück. Sie überzeugte beispielsweise schon im Levine-Ring-Zyklus an der New Yorker Metropolitan Opera. Ihr charismatisches Auftreten und ausdrucksstarkes Spiel unterstreichen auch in Düsseldorf ihre exzellente Stimme mit hohem Wiedererkennungswert.

Generalmusikdirektor Axel Kober steht den Düsseldorfer Symphonikern vor und entlockt ihnen einen emotionalen Klang, wie man ihn sich von einer Wagner-Oper wünscht. Die ausgezeichnete Akustik im Saal tut ihr Übriges und lässt den Premierenabend zu einem musikalischen Höhepunkt des Opernjahres werden. Wagner-Freunde sollten die Gelegenheit nutzen, Die Walküre in musikalisch so hoher Qualität erleben zu dürfen.

Die Deutsche Oper am Rhein zeigt mit Hilsdorfs Die Walküre ein musikalisches Highlight, das leider die guten Regie-Ideen des Vorgängers nicht fortführen kann. Die vielen Buh-Rufe beim Schlussapplaus der Premiere hat der Regisseur dennoch nicht verdient. Sie lenken von der intensiven Personen-Regie ab, ohne die die Sänger sicher nicht zu der Höchstform hätten aufsteigen können, die sie zeigen.

 

Informationen zur Inszenierung
 
 
Nächste Vorstellungen:
 
Samstag, der 17. Februar 2018
Sonntag, der 4. März 2018
Sonntag, der 11. März 2018

 

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2 Gedanken zu „Jetzt hätte es eigentlich losgehen sollen

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