Eine Reise durch Russland

Die Essener Philharmoniker präsentieren bei ihrem 7. Sinfoniekonzert neben der Uraufführung eines Konzerts für Violoncello und Orchester zwei hin- und mitreißende Beispiele für russische Kompositionskunst des 19. Jahrhunderts. Boris Gurevichs Neukomposition hat trotz seiner fast cineastischen Dramatik Schwierigkeiten, neben Glinka und vor allem Tschaikowski zu bestehen.

von STEFAN KLEIN

Dirigent Jamie Phillips eröffnet den Abend mit Michail I. Glinkas Ouvertüre zu Ruslan und Ludmilla. Während die zwischen 1837 und 1842 entstandene Oper heute kaum noch auf einem Spielplan zu entdecken ist, erfreut sich die temperamentvolle Ouvertüre größter Beliebtheit in Konzertplänen vieler Orchester. Die Melodien der Ouvertüre sind eine Art Querschnitt durch die Oper und erzählen die Geschichte, die sich der Tradition des russischen Zaubermärchens bedient, mitreißend nach. Die Essener Philharmoniker werden von Phillips‘ energiereichem Dirigat abgeholt und lassen Glinkas Ouvertüre so klingen, wie es wohl auch dem Komponisten gefallen hätte: wie den Auftakt zu einer rasanten Rossini-Oper.

Nach der fast fröhlich tänzelnden Ouvertüre wird es im Anschluss deutlich dramatischer. Mit Prayer for Rain steht eine Uraufführung auf dem Programm. Boris Gurevich, seit 18 Jahren Korrepetitor am Essener Aalto-Theater, schrieb das melancholische Konzert Essens Solo-Violoncellisten István-Alexander Gaal auf dem Leib. Gaal übernimmt mit seinem Instrument die oft traurige innere Stimme, während um ihn herum das Orchester als Naturgewalt daherkommt, um das Ende einer Dürreperiode einzuleiten. Die dramatische Melancholie, die dem Violoncello allein im Klang schon immer mitschwingt, fügt sich hier gut in die Natur-Narration. István-Alexander Gaal legt sich mit vollem Körpereinsatz in die emotionale Komposition und überzeugt durch exaktes und dennoch emotionales Spiel. Auch das gesamte Orchester wird von Phillips erfolgreich durch die oft sperrige Komposition geleitet. Der Experte für neue Musik ist am Ende auch sichtlich geschafft und glücklich, heil durch das gut halbstündige Konzert gekommen zu sein.

Seine besten Momente hat das Werk immer dann, wenn sich der wabernde Klangteppich verdichtet und an Filmmusik erinnert. Mehr als einmal sieht man vor dem inneren Auge Szenen aus Hitchcock-Filmen. Regnerisch, verzweifelt, rasante Autofahrten, Verfolgungsszenen, Trauer: Gurevichs Klangsprache ist oft von filmisch-plastischer Narration bestimmt. Beim großen Finale meint man dann einen weiteren Russen an diesem Abend hören zu können: Als die große Dürre überstanden ist, scheint Stravinskys Ballettmusik Le Sacre du Printemps zumindest rhythmisch um die Ecke zu kommen.

Eine emotionale Achterbahnfahrt

Der Höhepunkt und gleichzeitige Namensgeber des Abends (Tschaikowski 4) folgt nach der Pause. Die Essener Philharmoniker präsentieren mit Pjotr I. Tschaikowskis Sinfonie Nr. 4 in f-Moll das Werk, das den großen Ruhm des 1840 geborenen Komponisten begründete. Geheimnis dieses Erfolges war sicher die hohe Emotionalität des Stückes. Viele Musiktheoretiker interpretieren die 4. Sinfonie als persönliche „Bekenntnismusik“ des homosexuellen Komponisten. Seine Beziehung zum Geiger Josef Kotek musste er vor der Welt verbergen, er öffnete sich nur wenigen. Doch in seiner Sinfonie steht neben der düsteren Dramatik immer auch ein Hoffnungsschimmer, der dem gesamten Werk einen lebensbejahenden Ton gibt.

Die Essener Philharmoniker fliegen durch die vier sehr unterschiedlichen Sätze. Der erste Satz besticht durch viele Stimmungswechsel, die von Jamie Phillips alle bis ins Detail herausgearbeitet wurden. Im Gedächtnis bleibt vor allem aber der dritte Satz, ein von Streicherpizzicato getragenes Scherzo, das auch dem Orchester sichtlich Spaß bereitet. Während alle Instrumentengruppen wie gewohnt eine sehr gute Leistung zeigen, sollen an diesem Abend vor allem die Bläser herausgestellt werden. Gerhard Schnitzler (Oboe) und Johannes Schnittler (Klarinette) sind mit zentralen Soli und markanten Partien maßgeblich für den besonderen Klang der Essener Musiker verantwortlich.

Das 7. Sinfoniekonzert der Essener Philharmoniker baut einen musikalisch großartigen Rahmen für die nur bedingt erfolgreiche Uraufführung des Cellokonzertes von Boris Gurevich. Die Essener zeigen in den drei sehr unterschiedlichen Werken, mit welcher Spielfreude das Orchester seine Zuhörer zu begeistern weiß.

 

7. Sinfoniekonzert der Essener Philharmoniker. Tschaikowski 4. Michail Glinka: Ouvertüre zu Ruslan und Ludmilla. Boris Gurevich: Prayer for Rain für Violoncello und Orchester (Uraufführung). Pjotr I. Tschaikowski: Sinfonie Nr. 4 f-Moll, op. 36.
 
Informationen zum Abend

 

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