Ein Bergbau-Märchen als Opernrarität

Heinrich Marschners "Hans Heiling" am Aalto-Theater Essen Foto: Thilo Beu

Heinrich Marschners „Hans Heiling“ am Aalto-Theater Essen Foto: Thilo Beu

Das Aalto-Musiktheater traut sich was: Nach Meyerbeers Le Prophète in der letzten Spielzeit bringt es jetzt eine Neuinszenierung der ebenfalls selten zu erlebenden Oper Hans Heiling von Heinrich Marschner auf die Bühne. Die Essener Philharmoniker werden von Frank Beerman, einem profunden Kenner des romantischen Randrepertoires, ausdifferenziert und klangmächtig durch den Abend geführt, während die Inszenierung von Andreas Baesler den lokalpatriotischen Bezug zu Aufstieg und Fall der Zechenkultur – etwas zu konsequent – deutlich macht.

von HELGE KREISKÖTHER

Heinrich August Marschner (1795-1861) kann, obgleich heute aus den Opernspielplänen weitestgehend verdrängt, völlig zu Recht als wichtigster Komponist deutscher romantischer Opern zwischen Weber und Wagner bezeichnet werden. Seinerzeit angesehener Kapellmeister in Dresden, Leipzig und schließlich am königlichen Hof von Hannover, wurden vor allem Der Vampyr, Der Templer und die Jüdin sowie der musikalisch sehr facettenreiche Hans Heiling (Uraufführung 1833) für viele Jahrzehnte zu außerordentlich erfolgreichen Bühnenwerken. Schon ihre Titel lassen erahnen, dass Marschner ganz dem historisierenden, märchenhaft-schaurigen Geschmack der Romantik verpflichtet war: Und tatsächlich treten in seinen – bezeichnenderweise zwischen dem Freischütz und dem Fliegenden Holländer komponierten – Opern zahlreiche Könige, Erdgeister, Blutsauger, Gnome und Kobolde auf. Obgleich seit den 1840er Jahren zunehmend von den Namen Meyerbeer und Wagner überstrahlt, geriet Marschner glücklicherweise nie völlig in Vergessenheit. Einen bescheidenen Beitrag hierzu leistete womöglich auch der 1912 durch die Firma Bahlsen auf den Markt gebrachte „Marschner-Keks“.

Das Libretto zu Marschners Hans Heiling verfasste der sechs Jahre jüngere Berliner Tausendsassa (Schauspieler, Bassbariton, Regisseur, Theaterdirektor, Schriftsteller etc.) Eduard Devrient. Wenn man über die sprachliche Qualität und dramaturgische Stringenz seines Textes auch streiten mag, so verwebt er doch auf interessante Weise den Stoff einer böhmischen Sage (Hans Heilings Felsen) mit verschiedenen, ganz und gar romantischen Topoi, die intertextuelle Bezüge zu Novalis’ Heinrich von Ofterdingen oder dem Undine-Märchen von Friedrich de la Motte Fouqué aufweisen: das gierige und zugleich ermüdende Schürfen nach Bodenschätzen etwa, der Kontrast zwischen der Welt der Erdgeister „unter Tage“ und dem Menschendasein „über Tage“ oder der Wunsch des Titelhelden, seine „Bestimmung“ abzulegen und sich eine normalsterbliche Braut zu nehmen. Letzteres muss am Ende scheitern, denn die schöne Anna, Leidensgenossin des Goethe’schen Gretchens, erfährt von Heilings Herkunft, wendet sich aus Furcht von ihm ab und dem Geliebten Konrad zu.

In musikalischer Hinsicht hat Marschner mit der Oper durchaus neue Maßstäbe gesetzt, indem er z. B. dem Prolog ein kurzes durchkomponiertes Vorspiel voranstellt, um dann zwischen Prolog und erstem Akt die „richtige“ Ouvertüre zu positionieren, oder indem er frei zwischen Rezitativen und gesprochenen Dialogen hin- und herwechselt.

Zweifellos ein Essener Heiling

Regisseur Andreas Baesler, der an der Folkwang-Universität studiert hat und von 2004 bis 2008 künstlerischer Leiter des MiR in Gelsenkirchen war, wählt für seinen Essener Hans Heiling ein ausnahmslos „von der Kohle geprägtes“ Milieu, irgendwo im Ruhrgebiet – wahrscheinlich mitten in Essen – in den 1950er/60er Jahren. Der im Innern tief zerrissene, von der Königinmutter immer wieder zurückgeorderte Protagonist der romantischen Oper wird somit zum Großindustriellen à la Alfried Krupp, der seinen dynastischen Verpflichtungen entfliehen möchte, aber nicht kann. Diese Perspektive auf die Marschner-Oper ist gewissermaßen natürlich eine „Auftragsarbeit“ anlässlich der Schließung der letzten aktiven Zeche des Ruhrgebiets (Prosper-Haniel in Bottrop) 2018, doch deshalb nicht weniger legitim. Denn gewisse (Text-)Passagen, die vom „Malochen“ usf. handeln, lassen Hans Heiling mitunter tatsächlich wie eine waschechte „Kumpel-Oper“ wirken. Ob es neben der ungekürzten Darbietung des Steigerlieds noch der ruhrdeutschen Einrichtung sämtlicher Dialoge (virtuos bewerkstelligt durch Hans-Günter Papirnik) und einer Herbert-Knebel-artigen Nebenfigur (ebenfalls Hans-Günter Papirnik) bedurft hätte, bleibt allerdings eine Geschmacksfrage. Hans Heiling folgt nun mal doch anderen ästhetischen Kriterien als ein – zurecht vollkommen dem Lokalpatriotismus gewidmetes – Singspiel wie Bochum. Insofern hätten etwas dezentere Verweise wahrscheinlich ausgereicht.

Beeindruckend ist fernerhin das Bühnenbild (Harald B. Thor), das einerseits Settings nach dem Vorbild des Interieurs der Villa Hügel entwirft, andererseits die Bergleute respektive -geister eindrucksvoll in Szene setzt (und dabei das allen Essenern bekannte Denkmal Steile Lagerung zitiert). Licht (Stefan Bolliger) und Kostüme (Gabriele Heimann) fügen sich nahtlos in diese vielseitigen und stimmungsvollen, mal intim-häuslichen, mal weiträumig angelegten Bilder.

Heinrich Marschners "Hans Heiling" am Aalto-Theater Essen Foto: Thilo Beu

Heinrich Marschners „Hans Heiling“ am Aalto-Theater Essen Foto: Thilo Beu

Musikalische Königsklasse

Frank Beerman, der für zwei Spielzeiten Generalmusikdirektor der Robert-Schumann-Philharmonie Chemnitz gewesen ist, hat mit etlichen CD-Einspielungen bereits viele verkannte Komponisten des 19. Jahrhunderts (Fesca, Goldmark, Herzogenberg, Reznicek usw. usw.) der Vergessenheit entrissen. Diese Erfahrung und Begeisterung kommt seinem Dirigat des Hans Heiling ungemein entgegen, unterstreicht es doch die harmonischen Raffinessen (vom unbeschwerten F-Dur bis hin zum düsteren cis-Moll) und die souveräne Instrumentationsgabe Marschners. Die Essener Philharmoniker und der wundervoll präzise Opernchor des Aalto-Theaters (Einstudierung: Jens Bingert) lassen unter Beerman keine musikalischen Wünsche offen. Ein besonderer Genussmoment: der Chor „Aus der Klüfte Schlund […] An das Licht hervor“ im zweiten Akt mit seinem strahlenden Stimmungswechsel.

Unter den Solisten beeindruckt Bassbariton Heiko Trinsinger in der Titelrolle am meisten: Mit klarer Artikulation und emotionaler Dichte meistert er die Partie des Heiling, die sowohl Züge des Don Giovanni als auch des Hans Sachs trägt, ohne übertrieben in den hochromantischen Phrasen zu schwelgen. Jessica Muirhead überzeugt als seine Braut Anna ebenfalls durch stimmliche Präzision, durch ihre szenische Wandlungsfähigkeit und ihr gut verständliches Deutsch (mit sympathischem kanadischen Akzent). Rebecca Teem, die bereits als Elektra im Aalto-Theater zu hören war, und der Wagner-geprägte Jeffrey Dowd enttäuschen dagegen mit ihrer etwas „verwaschenen“ Aussprache und gewissen darstellerischen Mängeln.

Eine musikalische Pioniertat ist die Essener Wiederaufführung des Hans Heiling zweifelsohne und darüber hinaus ein vielleicht etwas zu demonstratives, aber insgesamt gelungenes Beispiel für die Verschmelzung eines romantischen Sujets mit dem – immer noch spürbaren – Strukturwandel einer Ruhrgebietsstadt.

 

Informationen zur Inszenierung

Nächste Vorstellungen:
Mittwoch, der 28. Februar
Samstag, der 3. März
Freitag, der 9. März

 

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