Narrheiten eines alten Königs

Shakespeares "König Lear" vom Schauspiel Stuttgart bei den Ruhrfestspielen Foto: Thomas Aurin

Shakespeares „König Lear“ vom Schauspiel Stuttgart bei den Ruhrfestspielen Foto: Thomas Aurin

Was tun, wenn die jüngere Generation nach der Krone greift und man selbst nur noch Relikt vergangener Glorie ist? Dass dies nur in der Shakespearehandlung zutrifft, beweist eine Theater-Legende: Nach der Premiere am Schauspiel Stuttgart zeigt Claus Peymann seinen König Lear nun auch bei den Ruhrfestspielen.

von ANNIKA MEYER

Von wegen Ruhestand – König Lear teilt sein Reich zwar unter seinen Töchtern Goneril und Regan auf, um die letzten Lebensjahre ungestört zu genießen, hält den machtgierigen Nachwuchs mit seinem pöbelnden Gefolge, seiner Launenhaftigkeit und einigen Tanzeinlagen aber ganz schön auf Trab. Zuvor verbannt und verflucht er noch seine Lieblingstochter Cordelia, die sich – anders als ihre gerissenen Schwestern – nicht mit geheuchelten Liebesschwüren beweisen, sondern schlichte Worte und Taten sprechen lassen wollte, und verjagt auch direkt seinen treuen Diener Kent, der ein gutes Wort für Cordelia einlegte. Gleichzeitig wittert an einem anderen Hof der Bastard Edmund seine Chance, seinen Halbbruder Edgar, den legitimen Sohn seines Vaters Gloster, durch eine Intrige in Ungnade fallen zu lassen, und nicht nur sein Erbe, sondern vielleicht auch die Macht im britischen Königreich an sich zu reißen. Auch ohne tiefere Shakespeare-Kenntnisse lässt sich ahnen, wie beide Handlungsstränge zwangsläufig enden: Fast alle sterben, doch am Ende glüht ein winziger Hoffnungsfunke, dass eine gerechte Ordnung wiederhergestellt werden kann.

Widmungen und Witterungen

Vor der Recklinghäuser Premiere tritt Claus Peymann vor das Publikum und spricht sichtlich bewegt über Bühnenbildner Karl-Ernst Herrmann, einen „Poeten des Theaters“, mit dem er in 48 Inszenierungen zusammengearbeitet hat und der am Sonntag verstorben ist. König Lear ist sein letztes Kunst- und Bühnenwerk, die Aufführungen im Festspielhaus sind ihm gewidmet. Herrmanns Bühne ist bis auf zwei auf den Boden gezeichnete weiße Kreise schlicht schwarz und nach vorn abfallend. Neonröhren zeigen die Kanten des Raumes und bilden eine Art Rahmen, durch den das Geschehen verfolgt wird. Es wird viel mit subtilen Lichtstimmungen gearbeitet; Peymann und sein Regieteam verzichten auf mediale Einsätze, aber eben auch auf deutliche Bezüge zum aktuellen Zeitgeschehen oder drastische Interpretationen des Stoffs. So abstrakt das Bühnenbild ist und den Fokus auf das reine Spiel des Ensembles legt, so wunderbar stimmungsvoll und naturalistisch ist das Gewitter, durch das sich die Figuren in mehreren Szenen kämpfen müssen. Windmaschinen wehen den dünnen Bühnenvorhang ästhetisch und bedrohlich zugleich über die ersten Zuschauerreihen, feiner Regen formt durch den Luftzug Figuren im Bühnenraum, und untermalt von kräftigem Theaterdonner blitzen die Neonröhren immer wieder gefahrvoll auf.

Langeweile kommt während der 210 Minuten reiner Spielzeit wahrlich nicht auf – Peymann verlässt sich zu Recht auf ein starkes Stuttgarter Ensemble, das mit Martin Schwab vom Wiener Burgtheater in der Titelrolle eine zusätzliche Bereicherung erfährt. Dabei zeigt Peymann vor allem die menschlichen Seiten in Shakespeares Figuren und verzichtet darauf, die „Schurken“ als erzböse und grundlos durchtrieben darzustellen. Vielmehr werden Missetaten durch Unsicherheit und Frustration, aber eben auch durch das Boshafte als Teil der Conditio Humana begründet.

Shakespeares "König Lear" vom Schauspiel Stuttgart bei den Ruhrfestspielen Foto: Thomas Aurin

Shakespeares „König Lear“ vom Schauspiel Stuttgart bei den Ruhrfestspielen Foto: Thomas Aurin

Menschliche Schurken und närrische Greise

So stellen Manja Kuhl als Goneril und Caroline Junghanns als Regan zwar schon optisch in blutrotem bzw. giftgrünem Abendkleid (Kostüme: Margit Koppendorfer) ihre Divergenz zum Königsvater in lässigem weißem Leinenanzug und zu ihrer Schwester Cordelia dar, die von Lea Ruckpaul in schlichtem blauen Kleid und mit angenehm wenig Pathos gespielt wird. Doch auch wenn ihre Liebesschwüre gekünstelt und einstudiert wirken und ihre Körpersprachen Steifheit und Gefühlskälte demonstrieren, so schwingt doch stets die Unsicherheit mit, wie mit dem störrischen Vater umzugehen ist. Die Motive für die Machtübernahme wirken anfangs plausibel, der Schmerz über die Bevorzugung Cordelias und die Flüche, die Lear ihnen schon früh entgegenschmettert, scheint echt.

Lear ist weniger tyrannisch als in vielen Inszenierungen. Seine Verfassung schwankt zwischen sturem Greis und launischem Kleinkind, man erkennt eher seinen Wunsch nach Liebe und Würde als den Drang, weiterhin als Despot am Leben teilzuhaben. Schwab spielt seinen Lear mit beeindruckender Körperlichkeit, er tänzelt mal vergnügt über die Bühne, läuft dann wirr redend durch den imaginären Gerichtssaal in einer kleinen Scheune und verfällt eingesunken im Rollstuhl auch mit leisen Tönen dem Wahnsinn, als er erkennt, was er durch Cordelias Verbannung ausgelöst hat. In Schwabs Lear zeigt sich der eigentliche Konflikt, den Peymann sensibel aus der dramatischen Vorlage, in der Neufassung von Dramaturgin Jutta Ferbers nach Wolfgang Baudissins Übersetzung, herausgearbeitet hat: Wie geht die jüngere Generation nicht nur mit dem Vermächtnis, sondern auch direkt mit der älteren Generation um? Direkte Bezüge zur tatsächlichen Altersarmut, Pflegenotstand oder Vereinsamung durch mangelnde Familienbindung vieler Senioren werden nicht gegeben. Die Assoziation mit solchen Aspekten kommt aber durch die werktreue Inszenierung wie von selbst.

Ein Abend zum Lachen und Weinen, doch nicht zum Mitfiebern

Viel Tragikomik ist an diesem Abend im Festspielhaus zu erleben. Man schmunzelt über den verlogenen Diener Oswald, der herrlich kleinlich und kriecherisch von Horst Kotterba dargestellt wird. Peter René Lüdicke überzeugt nicht nur als königstreuer und verletzter Kent, sondern auch als Lears verkleideter Dienstbote mit fast clownesker und plumper Gestik. Anrührend sind auch die Szenen zwischen dem inzwischen geblendeten Gloster (wunderbar verletzlich gemimt von Elmar Roloff) und seinem Sohn Edgar, der sich durch die Intrige seines Halbbruders Edmund (Jannik Mühlenweg spielt diesen herrlich falsch mit Lederjacke in passender Schlangenhautoptik) als harmloser Irrer Tom verkleidet. Auch Lukas T. Sperber als Edgar beweist in seiner indirekten Doppelrolle seine Körperlichkeit, wenn er nicht nur elegant gegen Edmund ficht, sondern sich als Tom wie ein harmloser Gollum mit Dreck beschmiert scheinbar wirres Zeug von sich gibt. Auch Lea Ruckpaul kann ihr Talent voll und ganz demonstrieren, indem sie nicht nur die nüchterne Cordelia, sondern auch den akrobatischen und aneckenden Narren spielt, der Lear zwar treu zur Seite steht, aber schonungslos eloquente und schmerzhafte Weis- und Wahrheiten sowie Lieder (übersetzt von Peter Handke) von sich gibt.

Auch mit Peymanns recht konservativer Regie kann der Abend also als fast gelungen bezeichnet werden. Es hapert jedoch manchmal im Detail. Die Tode vieler Protagonisten verkommen zu – nicht immer passenden – albernen und langatmigen Sterbeszenen und setzen sich so unnötig von der doch eigentlich ernstgenommenen Auslegung des Textes ab. Was diesem König Lear zudem mitunter fehlt, ist gerade im letzten Akt Tempo, um der Zuspitzung der Handlungsverläufe die nötige Dynamik und Drastik zu verleihen. Die einfachen Blacks, durch die die sehr kurzen Szenen simpel aneinandergesetzt werden, tragen nicht dazu bei, die Spannung aufrechtzuhalten – hier wäre eine mutigere Schnitttechnik oder Parallelisierung vielleicht ratsamer gewesen. Aber sei’s drum, auch ein Theaterkönig kann nicht immer perfekt sein. Wir dürfen auf weitere Inszenierungen gespannt sein – denn dass auch im hohen Alter noch ordentlich Humor und Energie in den Knochen steckt, beweisen der 80-jährige Regisseur und der gleichaltrige Hauptdarsteller durch freundschaftliches Gerangel spätestens beim euphorischen Schlussapplaus.

 

Informationen zur Inszenierung

 

Nächste Aufführungen (am Schauspiel Stuttgart)
Dienstag, der 29. Mai 2018
Montag, der 18. Juni 2018
Mittwoch, der 20. Juni 2018

 

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