Zielloser Lenz

"Lenz" vom Théâtre National du Luxembourg und Les Théâtres de la Ville de Luxembourg bei den Ruhrfestspielen Foto: Bohumil Kostohryz

„Lenz“ vom Théâtre National du Luxembourg und Les Théâtres de la Ville de Luxembourg bei den Ruhrfestspielen Foto: Bohumil Kostohryz

Bei den Ruhrfestspielen zeigt die Koproduktion des Théâtre National du Luxembourg und Les Théâtres de la Ville de Luxembourg, dass Büchners Lenz zeitlos (und) packend ist – aber leider auch, dass es für einen überzeugenden Theaterabend nicht ausreicht, sich nur auf die guten Leistungen eines Schauspielers zu verlassen.

von ANNIKA MEYER

„Den 20. ging Lenz durchs Gebirg.“ – noch aus Schulzeiten kennt wohl fast jeder diesen berühmten Anfangssatz und Georg Büchners Erzählung über den Stürmer und Dränger Jakob Michael Reinhold Lenz, der schon in jungen Jahren psychisch erkrankt und auch bei seinem Aufenthalt in Waldbach beim Pfarrer Oberlin keine Ruhe oder gar Besserung finden kann. Stattdessen folgt man den intensiven Empfindungen, die der Erzähler aus Lenz’ Sicht schildert, und nimmt daran teil, wie Lenz nicht nur durch Berg und Tal, sondern auch durch psychische Höhe- und Tiefpunkte hastet und sich zuletzt in Straßburg der inneren Leere hingibt.

So kurz wie Büchners Text ist auch die Aufführung im Kleinen Theater des Festspielhauses. Knapp 70 Minuten folgt man dem luxemburgischen Schauspieler Luc Feit, wie er – mit Ausnahme einiger Versprecher – souverän den von Regisseur Frank Feitler bearbeiteten Text wiedergibt. Leider lässt sich zu diesem Abend fast nicht viel mehr sagen. Feit erzählt dem Publikum mal zürnend, mal verletzlich oder sanftmütig von Lenz’ Eindrücken und Erlebnissen, läuft aufgebracht über die fast leere Bühne, kippt sich dann einen Blecheimer voller Eiswürfel über den Kopf, als Lenz sich in einen Brunnen schmeißt oder sich anderweitig verletzt, und sitzt hin und wieder philosophierend auf einem jener Eimer. Verschiedene Lichtstimmungen (Licht: Daniel Sestak) sorgen für Übergänge zwischen den Erzählpassagen und angedeutete Bühnenräume. Diese sind aber nicht immer gut getimt und lassen ein kreatives Konzept vermissen. Das trifft auch auf die restliche Inszenierung zu: Nicht innovativ, aber neu ist zwar, dass Feit in seiner Erzählhaltung mal als Erzähler in der dritten Person spricht und hin und wieder ganz zu Lenz in der Ich-Form wechselt, dieser „Clou“ ist jedoch unnötig. Auch Büchners Erzähler ist übervoll von Lenz und seinen Wahrnehmungen und in großen narrativen Passagen kaum von dem Dichter zu trennen. Hier eine Trennung herbeizuführen, könnte als Zeichen der einsetzenden Schizophrenie des Protagonisten gedeutet werden, vollzieht sich aber zu gesittet, als wolle man nur gelegentlich Abwechslung in den kaum von Handlung durchbrochenen Text bringen.

"Lenz" vom Théâtre National du Luxembourg und Les Théâtres de la Ville de Luxembourg bei den Ruhrfestspielen Foto: Bohumil Kostohryz

„Lenz“ vom Théâtre National du Luxembourg und Les Théâtres de la Ville de Luxembourg bei den Ruhrfestspielen Foto: Bohumil Kostohryz

Wozu die Bühne?

So sprachgewaltig Büchners Lenz auch in Recklinghausen noch ist, so unnötig ist es dennoch, ihn in dieser Inszenierung auf der Bühne zu erleben. Es scheint, als wolle man mit der Inszenierung eher lesefaule Abiturienten ohne großen Interpretationsakt an den Text heranführen, statt tatsächlich ein Regiekonzept, eine Botschaft oder eine Deutung zu präsentieren. Dies verdeutlicht auch das Programmheft, das sich damit begnügt, einen ZEIT-Artikel von 1979 zu zitieren, der zwar anschaulich Büchners und Lenz’ Parallelen präsentiert, aber eben auch keine Annäherung oder gar eine Erklärung zur Luxemburger Inszenierung bietet. Luc Feit macht seine Sache gut – er hätte den Lenz aber ebenso gut in einer Lesung dem Publikum ans Herz legen können. Auch wenn es schön anzusehen ist, wie die Eiswürfel, die Feit sich mal abrupt, mal zögernd über den Kopf kippt, im Scheinwerferlicht schmelzen, und dieses Symbol für Lenz’ Schmerz und seinen inneren wie äußeren Kampf auch eine schöne Klangkulisse bildet, so wird doch viel zu wenig unternommen, um das Publikum zu überraschen oder zum Nachdenken anzuregen. Büchners Vorlage gefällt einem nach diesem Abend nicht weniger, neue Erkenntnisse oder bleibende Eindrücke gewinnt man jedoch nicht.

 

Informationen zur Inszenierung

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