Vivat Venezia!

Johann Strauß' "Eine Nacht in Venedig" am Aalto-Theater Essen Foto: Jörg Landsberg

Johann Strauß‘ „Eine Nacht in Venedig“ am Aalto-Theater Essen Foto: Jörg Landsberg

Altmodisch, zu brav, anspruchslos – die Operette gilt manchem als überholte Gattung. Dass sie quicklebendig ist, zeigt Bruno Klimek mit seiner Inszenierung von Johann Strauß’ Eine Nacht in Venedig am Essener Aalto-Theater in einem Abend voller Witz, Lust(barkeit) und unterhaltsamer Gegenwartskritik.

von ANNIKA MEYER

Karneval in Venedig, die Stadt spielt verrückt: Die Senatorengattinnen fiebern der Ankunft des Herzogs von Urbino, einem notorischen Frauenhelden, entgegen, während ihre Ehemänner zwar auf einen Verwalterposten beim Herzog scharf sind, ihre Frauen aber lieber einsperren oder sie wie Senator Delaqua gleich in eine andere Stadt gondeln lassen würden. Der Herzog erhofft sich indes vor allem ein Stelldichein mit der schönen Barbara, die ihm beim letzten Karneval – jedoch maskiert – den Kopf verdreht hat. Diese hat allerdings nur Interesse an Enrico, dem jungen Neffen ihres Gatten Delaqua, und lässt an ihrer statt die Freundin Annina nach Murano gondeln. Der Plan geht jedoch nicht auf, da Caramello – der Leibbarbier des Herzogs und ausgerechnet Anninas Liebhaber – die Gondel auf Befehl des Herzogs entführt, um ihm ein Treffen mit Barbara zu ermöglichen. Dann ist da noch Delaquas Zofe Ciboletta – die Freundin des Makkaronikochs Pappacoda –, die sich beim Herzog ebenfalls für Barbara ausgibt, damit Delaqua in dessen Gunst steht. Auch die Senatorengattinnen schleichen sich aufs Fest, und zum Schluss ist das Chaos aus Maskerade, Liebelei, Eifersucht und Verwechslung perfekt.

Straußʼ Eine Nacht in Venedig durchlief seit seiner Uraufführung 1883 in Berlin einige Änderungen und wird bis heute vor allem in der Fassung von Erich Wolfgang Korngold aufgeführt. Bruno Klimek hat für die Essener Bühne nun eine eigene Fassung erstellt, die u. a. das Frivole der Handlung hervorhebt und manchen ironischen Seitenhieb auf das heutige Zeitgeschehen bietet. Zusätzlich unterstreicht seine Regie das Humor- und Lustvolle der Musik und beschert nicht nur Operettenbegeisterten vor allem im ersten Akt eine perfekte Mischung aus walzender Nostalgie und gelungener Modernisierung, sondern auch Genreneulingen einen innovativen Zugang.

Ein Kreuzfahrtschiff im eisigen Kanal

Klimek und sein Regieteam präsentieren ein Venedig, das auf den ersten Blick nicht mehr viel mit der prunkvollen Lagunenstadt des 18. Jahrhunderts gemein hat, in der Straußʼ Operette eigentlich spielt. Konsequenterweise ist es beim Karneval im Februar bitterkalt, der Kanal ist zugefroren und das Volk wartet nicht in venezianisch-stilvoller Garderobe, sondern in Wintermantel und mit Mütze (Kostüme: Tanja Liebermann) auf die Ankunft des Herzogs. Über die gigantische Eisfläche (Bühne: Jens Kilian) schlittern hysterische Venezianerinnen, nur im Hintergrund ist aus Pappe eine Miniaturnachbildung einiger Gebäude zu sehen. Doch nun bricht nicht nur der Winter in das sonst so heißblütige Venedig ein, sondern auch die Gegenwart: Ein bühnenhohes Kreuzfahrtschiff fährt – beim ersten Mal ausgerechnet zur Melodie von Komm in die Gondel – im Hintergrund durch die Kulisse und bringt Teile der Stadtnachbildung nicht nur ins Wanken, sondern zum Teil auch zu Fall. Dieser amüsante Störfaktor sowie die Sisyphos-Aufgabe eines Technikers, die Miniatur immer wieder aufzubauen, sind einer von mehreren wunderbaren Running Gags, die vor allem den ersten Akt durchziehen. Doch nicht nur das Schiff spielt auf das mit Urlaubsgästen überschwemmte Venedig des 21. Jahrhunderts an. Das Fischermädchen Annina präsentiert in ihrer Auftrittsarie keine Meeresfrüchte, sondern kommt mit Heliumballons in Form von Dorie und anderen Zeichentrickfischen durch den Zuschauersaal gelaufen. Und Pappacoda ist nicht mehlbestäubt in der Küche zu erleben, sondern knallt noch rohe Nudeln aus der Cecco-Packung in den Kochtopf, nur um sie wie von Zauberhand mit etwas Reibung am Topf und künstlichem Dampf al dente zu präsentieren. Auch der zweite und dritte Akt warten mit einigen schönen Einfällen auf, können das Tempo und die Spritzigkeit des ersten Akts jedoch nicht ganz aufrechterhalten. Doch generell schaffen es Klimek und sein Team durchgängig, Konventionen des klassischen Musiktheaters zu durchbrechen: Mehrfach wird im Zuschauersaal gesungen, was akustisch erstaunlich gut funktioniert, der Herzog schafft es mit einem Fingerschnipsen, den zuvor geplünderten Salon in Form einer Guckkastenbühne wiederherzurichten, und Pappacoda wünscht sich vom Orchester eine ähnlich schöne Ballade wie Caramellos Ach wie so herrlich zu schauʼn.

Johann Strauß' "Eine Nacht in Venedig" am Aalto-Theater Essen Foto: Jörg Landsberg

Johann Strauß‘ „Eine Nacht in Venedig“ am Aalto-Theater Essen Foto: Jörg Landsberg

Alle maskiert, fast alles brilliert

Auch musikalisch überzeugt der Abend fast auf ganzer Linie. Dirigent Johannes Witt weiß, wie er den Essener Philharmonikern Wiener Wunderklänge entlocken kann und kann die Hitqualität in jeder Nummer des Abends demonstrieren. Der Chor des Aalto-Theaters unter der Leitung von Patrick Jaskolka glänzt stimmlich bei jedem Einsatz, nur die Choreografien (ebenfalls Bruno Klimek) hätten gewagter und manchmal lebhafter sein dürfen. Unter den SolistInnen sind vor allem Elbenita Kajtazi als Annina, Christina Clark als Ciboletta und Martijn Cornet als Pappacoda besonders positiv hervorzuheben – ihr (Zusammen)spiel mundet genauso wie Pappacodas Pasta und ihre stimmlichen Darbietungen. Einzig Pappacodas ewige Trunkenheit und seine Ungeschicklichkeit werden mit der Zeit lästig und sind für die Handlung überflüssig, wenn nicht gar störend. Dmitry Ivanchey singt den Herzog wunderbar schmeichelhaft und kokettierend und kann im Spiel nur von Karel Martin Ludvik als Senator Delaqua in seiner Eitelkeit getoppt werden. Von Liliana de Sousa als Barbara und Marie-Helen Joël als Senatorengattin Agricola hätte man sich weitere Lieder gewünscht, die Klangfarbe der Mezzosopranistinnen verursacht an diesem Abend nicht nur beim Herzog und Enrico Gänsehaut. Einzig Albrecht Kludszuweit als Caramello wirkt in der ersten Hälfte etwas blass und kann sich nicht gegen das Orchester und seine DuettpartnerInnen durchsetzen. Seine große Stunde schlägt leider erst im dritten Akt, auch wenn er den eifersüchtigen Liebhaber zu Beginn wundervoll körperlich mimt.

Körperlich geht es bei den SolistInnen generell zu – es wird geschlittert und getanzt, gekuschelt und geschmust. Der Karneval entlockt den Figuren so manche (erotische) Ekstase, diese überträgt sich aber selten auch im Spiel auf die venezianische Masse. So lustvoll die maskierten Hauptfiguren auch miteinander agieren, so statisch wirkt – bei aller musikalischen Hingabe – der Chor als venezianisches Volk. Hier wäre für den Höhepunkt des Karnevals genauso viel Exzess wie im inszenatorischen Konzept wünschenswert gewesen.

Grundsätzlich hätte das Verwirrspiel, das Strauß mit seinen Librettisten Friedrich Zell und Richard Genée perfekt ausbaute, auch in Essen ein triumphales Durcheinander werden können. Leider wird die Täuschung um die falsche Barbara jedoch schon (zu) früh aufgelöst und die finale Lösung – die echte Barbara und der Herzog versprechen sich ein Wiedersehen beim Karneval im nächsten Jahr – wird zu hektisch vor die Abschiedstakte der Reprise von Alle maskiert geschoben. Von diesen letzten Takten hätte man sich hingegen mehr gewünscht – denn mitreißend sind die Musik und der Abend in Venedig letzten Endes trotzdem.

Informationen zur Inszenierung

 

Nächste Vorstellungen:
Donnerstag, den 7. Juni
Sonntag, den 10. Juni
Samstag, den 16. Juni

 

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