Ernten, was man sät

Robert Seethaler - Das Feld Cover: Hanser Berlin

Robert Seethaler – Das Feld Cover: Hanser Berlin

Die Stimmen der Toten zum Sprechen zu bringen, hat Tradition. Doch die diversen Rückkehrer und Besucherinnen aus dem Jenseits haben selten Gutes zu verkünden. Das lässt sich auch Seethalers Erzählerinnen und Erzählern nicht unbedingt unterstellen, doch was sie von den Geistern alter Könige, Schlossgespenstern und anderen Wisperern aus der Totenwelt unterscheidet, ist, dass sie auch nach ihrem Tod nicht viel mehr wissen und erzählen können als vorher. Seethalers Das Feld gelingt es dadurch nicht nur, ‚gewöhnliche‘ Geschichten zur Sprache kommen zu lassen, er lotet einmal mehr die Grenzen des Erzählens selbst aus.

von SOLVEJG NITZKE

Robert Seethaler gehört mittlerweile zu denjenigen Autoren, deren neue Romane ‚mit Spannung‘ erwartet werden. Das liegt wohl vor allem daran, dass sie ‚den Nerv der Zeit‘ treffen. Dieser Nerv sehnt sich vor allem nach einem: Ruhe. Und das am allerliebsten umgeben von Wäldern und Wiesen und so ganz ursprünglichen Menschen und ganz einfachem Erzählen. Einfachheit ist tatsächlich ein bestimmendes Strukturmerkmal der Seethaler’schen Texte und doch vertut man sich dabei, ihn deshalb der Welle neuer ‚junger‘ Dorf- und Heimatliteratur zuzuordnen.

Kein ganzes Leben

Das Feld zeigt sich – wie auch schon Ein ganzes Leben (Hanser, 2014) – von dieser Erwartung reichlich unbeeindruckt. Weder wird man hier verkitschte Idyllen des Lebens ‚außerhalb‘ finden noch die ach so ambitionierten ‚kritischen Brüche‘ mit diesem Ideal. Dafür ist der Text (und wohl auch Seethaler) sich seiner Vorläufer zu bewusst. Dementsprechend positioniert sich der Text, gleich dem Ort Paulstadt, von dem er handelt, irgendwo dazwischen. Paulstadt ist programmatisch unauffällig – irgendeine Kleinstadt, die nicht schlechter und nicht besser ist als andere. Das Feld wiederum ist der älteste Teil des Paulstädter Friedhofs. 29 der hier beerdigten Bewohner der Kleinstadt kommen zu Wort und erzählen – aber was eigentlich? Der Verweis (jetzt schon der zweite) auf Seethalers vorherigen Roman, Ein ganzes Leben, drängt sich auf. Allerdings einmal nicht deswegen, weil er so wahnsinnig erfolgreich war, sondern weil die Erzählanlage komplementär zu Das Feld liegt. Zwar erzählen beide Romane aus dem Nachhinein und beide führen vor, dass das Leben der Menschen und die Geschichte eines Ortes (aber auch eines ganzen Landes) nicht zu trennen sind, aber die Paulstädter Toten erzählen so offensichtlich fragmenthaft, dass die Frage, was denn ein ganzes Leben ist, sich noch einmal neu aufdrängt.

Ganz einfach erzählen!

Während Seethalers Fähigkeit, aus Bruchstücken und Alltäglichem nicht nur den Eindruck eines ‚ganzen Lebens‘ zu erzeugen, sondern auch noch einen Kontext aufzurufen, bewundert wird, hat der aktuelle Roman in dieser Hinsicht bei einigen Kritikerinnen und Kritikern Fragen aufgeworfen. Denn warum ähneln sich die Stimmen so? Müssten sie nicht viel, viel individueller ‚klingen‘? Hatte der Autor dazu keine Lust? Dass die Anekdoten der Begrabenen einerseits die Geschichte einer Kleinstadt und andererseits eines Verschwindens ‚historischer‘ Ereignisse im Fluss der Geschichte erzählen, macht den Roman in der Tat so lesenswert. Es ist eben nicht so, dass es an spektakulären Vorkommnissen – u. a. ein Kirchbrand und der Einsturz des Einkaufszentrums – mangelt. Trotzdem verzichtet der Roman darauf, diese symbolträchtigen Ereignisse – der Priester zündet die Kirche an und unter dem Freizeitzentrum tut sich die Erde auf – nicht schon von ihren Erzählern mit Bedeutung überfrachten zu lassen. Am Ende zählen sie, selbst bei den ‚Betroffenen‘, angesichts eines ganzen Lebens eben doch nicht so sehr. Kritik hat hingegen ein anderer Verzicht hervorgerufen: der, den 29 Erzählern eine je eigene Stimme zu geben. Das ist, ohne zu viel vorwegnehmen zu wollen, erstens ein Anspruch an diesen Roman, der Queneaus Stilübungen zum Maßstab aller Literatur erheben will, und zweitens eine Kritik, die mit einiger Energie an dem vorbeiliest, was der Roman anbietet. Denn der Roman selbst bezweifelt die Annahme, den Stimmen der Anderen könne man einfach so lauschen. Weder im Leben noch im Tode ist das hier möglich. Was bleibt, ist also, sie sich vorzustellen, sie selbst zu erzählen. Damit erübrigen sich allzu avancierte literarische Stimmspiele zugunsten der Aufmerksamkeit des und auf den Erzähler: „Er war nämlich der Meinung, nur auf diese Weise, mit dem Rücken zur Welt, in aller Ruhe und ganz ohne Ablenkung, ließe sich ein Gedanke zu Ende denken.“ Die Ruhe und Konzentriertheit der Erzählung (und hier spreche ich bewusst im Singular) straft den Eindruck von Einfachheit am Ende Lügen. Denn sie spricht vor allem von der Bereitschaft, sich die Stimmen der Anderen zu vergegenwärtigen, obwohl die Grenzen zwischen ‚ich‘ und ‚ihnen‘ unüberwindlich sind – und welche Grenze könnte das besser demonstrieren als die zwischen Leben und Tod. Dass also die Toten zu Wort gebracht werden, schließt hier durchaus an die Tradition des Totentanzes an – im Tod sind wir alle gleich. Ihr erzähltes Erzählen zeigt aber vor allem, dass Einfachheit eben nicht heißen kann, das Leben zu zeigen, wie ‚es‘ ist, sondern dass auch die realistischste Erzählweise sich ihres Erfindungsreichtums gerade dort bewusst werden kann, wo sie auf Taschenspielertricks verzichtet und zumindest die eigenen Figuren sein lässt, wie sie sie erzählt.

 

Robert Seethaler: Das Feld
Hanser, 240 Seiten
ISBN: 978-3-446-26038-2
Preis: 22,00 Euro

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s