Jeder Champignon eine Prosaminiatur

Jean-Philippe Delhomme – Die Sache mit der Literatur Cover: liebeskind

Was denkt sich wohl ein Autor? Ein Problem, mit dem sich zahlreiche Leser auseinandersetzen – ebenso wie Jean-Philippe Delhomme. Seine Cartoons, stets mit einer in Ich-Form verfassten Bildunterschrift versehen, präsentieren humorvoll selbstverliebte Autoren, rücksichtslose Kritiker und genervte Journalisten. Ein Bildband mit kleinem Schönheitsfehler.

von THOMAS STÖCK


Cartoonist Jean-Philippe Delhomme setzt sich gern mit den wirklich dringenden Problemen unserer Zeit auseinander. Nach einer Vorführung des Dramas mit der Deko (Le drame de la déco, 2000) und seinem Ausflug in die Welt der Zeitgenössischen Kunst (Art Contemporain, 2003) ist nun im liebeskind-Verlag seine humorvolle Sicht auf die Literatur und ihr Umfeld erschienen. In insgesamt drei Unterkapiteln alteriert Delhomme die Sicht auf die Bücherwelt: Häufig ist der Protagonist ein sich selbst überschätzender Schriftsteller, dann wieder blickt mit einem Kopfschütteln der Kameramann auf die Autorfigur. Die Illustrationen im Buch sind dabei zwar bunt, jedoch rudimentär gehalten. Die Mimik der zentralen Figuren lässt sich erahnen. Die in die Länge gezogenen Figuren mit teils bohnenförmigen Gesichtern sind in wechselnde Milieus eingebettet, die sich trotz der geringen Details leicht identifizieren lassen.

Daraus resultieren skurrile Szenen. So weiß ein hagerer Mann mit Zigarette und einer ihm lauschenden Frau an seiner Seite seinen „Drang zu schreiben“ nicht mit seinem „Streben nach Ruhm in Einklang [zu] bringen“. Die mangelnde Selbstreflexion der Autoren führt denn auch zu manch tränenreichem Kummer. Schuld daran ist häufig ein Kritiker, der mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg halten kann. Doch eine Autorin weiß natürlich, dass nicht die Kritik selbst ihren Ärger auslöst: „Es waren weniger die verletzenden Worte eines Kritikers, die uns Kummer bereiteten, als der Umstand, dass wir niemanden kannten, der ihm eins in die Fresse hauen konnte.“ Das Leben als Literaturkritiker scheint gefährlich, wie eine Reihe weiterer Zeichnungen eindrucksvoll vor Augen führt.

Potpourri aus Komik, Ironie und Klamauk

Die wechselnden Perspektiven zeichnen das weite Feld der Literatur nach, auf dem sich das Personal dieses Bildbands versammelt. Hier ‚erlegt‘ ein Journalist ‚aus Versehen‘ die Konkurrenz („Von der Gegenwart des Autors, der uns im Rahmen einer Pressereise nach Montana das Schießen beibrachte, war ich so berauscht, dass ich versehentlich den Kollegen vom Konkurrenzblatt umlegte.“), da beschwert sich ein Fotograf über das Posieren von großen Autoren, welches ihn in seiner Kreativität einschränkt. Hernach verfolgen „große Fans von Houellebecq“ einen Mann, den sie für besagten Autoren halten. Bei einem anderen Publikum sorgt ein aus einem SUV aussteigender amerikanischer Autor für eine Enttäuschung: Sein Werk und die daraus resultierende Verehrung für ihn scheinen diese Fans nochmals überdenken zu wollen. Die ‚besondere Ästhetik‘ einiger Künstler führt auch zu zweifelhaftem Lob: „Ihre Seiten über den Monatsfluss gehören zum Schönsten, was die Literatur derzeit zu bieten hat.“ – „Das Urteil eines Kritikers, mein Roman sei ‚ein Erstling, der Freude bereitet‘, brachte mich auf die Palme. Ist das nicht eine infame Verniedlichung?“

Einziger Wermutstropfen dieses Potpourris bleibt die Weigerung Delhommes, eine kohärente Erzählung aus seinen Zeichnungen zu kreieren. Veranschaulicht wird dies in einer Zeichnung, unter der proklamiert wird: „Jeder Champignon inspiriert mich zu einer Prosaminiatur.“ Die Bildabfolge erscheint willkürlich. Vielleicht ist hierin aber auch ein Fingerzeig des Autors zu sehen, der sein Werk nicht als autobiografisch verstanden wissen will. Auch hierzu einige abschließende Worte aus der Feder Delhommes: „Was das Schreiben anging, waren meine Depressionen so fruchtbar, dass ich mich in einigen euphorischen Momenten dazu hinreißen ließ, den autobiografischen Pakt aufzukündigen.“

Jean-Philippe Delhomme: Die Sache mit der Literatur. Aus dem Französischen von Florian Grimm
liebeskind, 96 Seiten
Preis: 20,00 Euro
ISBN: 978-3-95438-080-0

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