Schwarze Diamanten und weißer Tod

Ralf Piorr (Hg.) – Die Männervon Luise Cover: Klartext

Das Erlebnis der Arbeit unter Tage ist im „Pott“ hinlänglich bekannt – doch die Schattenseiten des Bergmannslebens bleiben oft unerzählt. Ralf Piorrs Wiederentdeckung der anonymen Erzählung Die Männer von Luise überzeugt nicht durch sein ästhetisches Potenzial oder die Poetik des Autors, sondern durch die harte Realität der Kohlenförderung. Von einem, der sich „die Trauer und die Wut von der Seele geschrieben“ hat.

von THOMAS STÖCK

Am Anfang war der Tod. Das Begräbnis des ehemaligen Bergmanns Bernhard Holler ist eines, das viele seiner Kumpels vor ihm teilten: Tod aufgrund von Silikose. Die Staublungenerkrankung, auch weißer Tod genannt, macht einen Großteil der Bergarbeiter früher oder später zu Invaliden, viele rafft sie dahin. Holler ist der Vorletzte der Männer von „Luise“, so der Name des fiktiven Kohlenflözes „zwischen Lippe und Ruhr, wo die Diamanten schwarz, der Himmel grau, das Gras gelb versengt und die Männer Blassgesichter sind“. Zum ‚Glück‘ seiner Frau Gertrud wird Hollers Leiden auch der Silikose zugesprochen, denn nur in einem solchen Fall ist die Berentung der Familie durch die Unfallversicherung gesichert. Noch zu Zeiten von Hollers Vater wurden die Fälle vielfach fälschlicherweise als Asthma diagnostiziert. Der Tod ist in der weitestgehend retrospektiv angelegten Erzählung allgegenwärtig. Im „Pütt“ lauert er im Kohlenstaub, unter der Decke, im Schlagwetter. Bei den Bergmännern ist besonders die Silikose Gesprächsthema, doch wird genauso über Lotto, Taubensport und Fußball geredet. Im eigenen Familienkreis spielt Holler kurz vor seinem Tod noch eine scheinbar heile Welt vor – und das obwohl er bereits kaum mehr zu einer körperlichen Anstrengung in der Lage ist: „Selbst beim Rasieren blieb ihm die Puste weg, wenn er den Seifenpinsel zu schnell hin und her strich.“

„Schweigen ist Gold, Reden ist Dachau“

Das Image des hartgesottenen Bergmanns, der zu seinen Kumpels hält, soll denn auch beim Leser einige Fragen aufwerfen. Der größte Teil der Kohlenförderung findet in der Zeit des Nationalsozialismus statt – aus der Politik halten sich die Kumpels jedoch geflissentlich raus. Einerseits mag dies logisch erscheinen, entstammen viele unter ihnen doch Milieus, die durch die Nazis verfolgt oder zumindest von ihnen kritisch beäugt werden: Gewerkschaftler, Kommunisten, Christen, polnischstämmige Preußen. Für diese Leute mag die im Text fallende Parole „Schweigen ist Gold, Reden ist Dachau“ tatsächlich gegolten haben. Andererseits erinnert diese alle Kumpels über einen Kamm scherende Haltung stark an das in der Bundesrepublik lange vorherrschende Selbstbild vieler, die von den zahllosen Verbrechen vorgeblich nichts gewusst haben.

Ausgerechnet durch überzeugte Nationalsozialisten kommt es zum einzig komischen Ereignis der Männer von Luise – und das sogar im doppelten Wortsinn: Als unter Tage der deutsche Gruß eingeführt werden soll, geraten Kumpels mit ihrem ausgestreckten Arm an die elektrische Oberleitung der Grubenbahn, sodass sie einen Schlag erleiden und stürzen. Durch die Zunahme von derlei Unfällen sei man stillschweigend wieder zum klassischen „Glückauf“ übergegangen. Und statt über Politik zu reden, unterhalten sich die Bergmänner lieber über die Schalker Kumpels und ihre Erfolge im deutschen Fußball.

„Eine Zeche verlangt Kohlen und keine Toten.“

Sprachlich hat sich der anonyme Verfasser voll und ganz auf seine Grubenkumpels eingelassen. Im Schmelztiegel der Erzählung vereinigt sich die Umgangssprache des Ruhrpotts mit dem Bergmannssprech zu einem emotionslosen, gleichsam direkten Tonfall. Wohlmeinende Zungen könnten dem Autor einen hemingwayschen Duktus zusprechen, bei dem kein Wort zu viel gesagt wird. Tatsächlich wird auch hier kein Wort zu viel gesagt – der Herausgeber Ralf Piorr hat dies durch Kürzungen des Originals sichergestellt. Aber auf eine hinter dem Text stehende Bedeutung, einen Subtext, wartet der Leser vergeblich – also doch kein Hemingway. Die Erzählung lebt stattdessen von der in ihr aufgebauten Atmosphäre, die durch Anna-Lina Mattars Illustrationen auch visuell demonstriert wird. Die schwarzweißen Kaltnadelradierungen fangen den Flair des Ruhrpotts ein. Der Alltag ist denn auch selbst für Gertrud „wie ein Film ohne bunte Farben. Mehr schwarz als weiß.“

Die Schwärze durchdringt das Dasein des Bergmanns. Ist er gar schlechter dran als andere? „Dem Zuchthäusler scheint wenigstens die Sonne noch durch die Tralgen des Zellenfensters. […] Den Kumpel umgibt unter Tage nur das matte Licht der Grubenfunzel.“ Unter Tage in engen Gängen, häufig eine gebückte Körperhaltung. Dazu der ständig aufwirbelnde Kohlenstaub. Acht lange Stunden dauert eine solche Schicht. Wenn man dort unten einen Fehler macht, dann kann er tödlich enden. Und wenn man keinen macht, kann auch das tödlich enden. Die Darstellung von Holler und seinen Kumpels als tragische Helden ist überspitzt und trifft wohl nicht den Kern des ‚wahren‘ bergmännischen Lebens – die Gefahren, denen sich die Kumpels in der Erzählung ausgesetzt sehen, sind hingegen sehr real. „Bergmannslos, ein hartes Los.“

Ralf Piorr (Hg.): Die Männer von Luise. Erzählung eines unbekannten Bergmanns. Mit Illustrationen von Anna-Lina Mattar und einem Nachwort von Arnold Maxwill
Klartext, 128 Seiten
Preis: 13,95 Euro
ISBN: 978-3-8375-1828-3

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