Sechs Kosmopoliten suchen einen Mörder

Maxim Biller – Sechs Koffer Cover: Kiepenheuer & Witsch

Sechs Koffer ist wahrlich alles andere als Unterhaltungslektüre. Das Vermächtnis des Großvaters Schmihl und die Widerfahrnisse der Familie Biller auf dem Weg aus Prag in den Westen zeichnen das Porträt einer nicht gerade sympathischen Familie, die den teils lebensbedrohlichen Schikanen des Kommunismus zu entrinnen sucht. Mit seinem direkten – man ist dazu verleitet zu sagen: beinahe ordinären – Sprachstil bewegt sich Maxim Biller irgendwo zwischen Krimi, Agententhriller und Familientragödie.

von THOMAS STÖCK

„‚Wer, glauben Sie, ist denn nun wirklich schuld am Tod Ihres Großvaters?‘“ Dass Jelena Lappin ausgerechnet diese eine Frage gestellt bekommt, ist bei dem Inhalt ihres Buches wenig überraschend. Maxim Biller widmet sich genau wie seine große Schwester vor ihm dem Vermächtnis des 1960 hingerichteten Schmihl Biller. Im Kreise der Verdächtigen befinden sich: Wladimir, Lev, Sjoma, Natalia und allen voran Dima. Bei diesen Namen handelt es sich nicht etwa um entfernte Bekannte, Freunde, Arbeitskollegen – sondern um die vier Söhne des „Taten“, wie Schmihl genannt wird, und die ehemalige Geliebte des einen respektive die Ehefrau des anderen Sohnemanns. Der Ich-Erzähler, Maxim Biller selbst, hält seinen Onkel Dima für den Mörder – bereits im zarten Alter von fünf Jahren äußert er diesen Verdacht, nachdem der „Tate“ für illegale Geschäfte mit dem Westen exekutiert wird.

Der Familie bleibt nur die Flucht nach vorn, und so kommt es, dass auch Maxim Biller 1970 nach Deutschland umzieht. Auch seine weiteren Lebensstationen, die den Roman durchziehen – Onkel Dimas Tod im Jahr 1986, Jelenas Buchpublikation 2016 –, orientieren sich an dieser einen Leitfrage, die den Protagonisten nicht loslässt; durch diese eine Frage wandert er mitsamt dem Leser durch Raum und Zeit. Der Ich-Erzähler ist hierbei ein Spiegelbild des Autors selbst: Stets stellt er unbequeme Fragen, fordert noch unbequemere Wahrheiten ein. Die Wahrheit erhebt Biller gar zum Leitmotiv seiner Ästhetik: In einem Essay unter dem polemisierenden Titel Soviel Sinnlichkeit wie der Stadtplan von Kiel fordert er 1991 eine Hinwendung des deutschen Romans zu mehr Realismus, eine Sinneinheit von journalistischer und literarischer Tätigkeit. Ihm selbst sollten die Grenzen realistischen Schreibens mittlerweile bewusst sein: Die Publikation des 2003 erschienenen Romans Esra wurde dem Verlag Kiepenheuer & Witsch untersagt – Biller verletzte das Persönlichkeitsrecht seiner Ex-Lebenspartnerin Ayşe Romey. Letztinstanzlich stützte auch das Bundesverfassungsgericht Romeys Position. Die Grenzüberschreitung zwischen realistischem Erzählen und dem Tonfall eines aufmerksamkeitsheischenden Boulevard-Journalismus übertritt Biller auch an einigen Stellen seines neuesten Romans.

Zwischen Staatssicherheit und alltäglichen Streitereien

Das unangenehme Gefühl des Voyeurismus ähnlich einer nachmittäglichen RTL-Soap haftet der Alltagsszenerie im Hause Biller an: Neben der stets akuten Bedrohung durch den StB – den Státní bezpečnost, also den tschechoslowakischen Staatssicherheitsdienst der Kommunisten – wirken sich Geschwisterstreitigkeiten und Eifersüchteleien prägend auf die Wahrnehmung des Erzählers aus. Dessen Mutter Rada kann beispielsweise Sjomas lange zurückliegende Liebesbeziehung mit Natalia Gelernter, der Ehefrau seines Bruders Dima, nicht verzeihen. Immer wieder attackiert sie ihre – vermeintliche? tatsächliche? – Rivalin unter der Gürtellinie. Blanker Hass spricht aus ihren Worten. Radas Porträt fällt alles andere als beschönigend aus.

Auf demselben Niveau präsentieren sich die Ausführungen zum 15-jährigen Maxim Biller: Die allzu naturgetreue Darstellung eines pubertierenden Teenagers lässt die unangenehmen Details der eigenen Familie mit seinen sexuellen Fantasien eine Symbiose eingehen, sodass man während seiner ersten staksigen Kussversuche mit einer Cousine – genau wie der Erzähler selbst – über Onkel Dimas Verrat am anderen Onkel Lev nachdenkt. Letzterer sollte durch Dima nach Ost-Berlin gelockt werden, um dort vom Sicherheitsdienst festgenommen zu werden. Dima behauptet nichtsdestotrotz seine Unschuld am Tod des „Taten“.

Eine schreckliche Familie

Zurück auf Anfang: Im zarten Alter von fünf Jahren erfährt Maxim Biller vom Tod seines Großvaters und sucht bereits zu diesem Zeitpunkt nach dem Verantwortlichen. „‚Weil ich keine Geheimnisse mag‘“, wie er später selbst bekundet. Sein Vater Sjoma fragt sich: „Warum stellt sich der Junge die Welt immer so dunkel und hässlich vor?“ Derselbe Vater bekommt regelmäßig Wutanfälle gegen seinen Sohnemann und seine Frau und eröffnet dem Fünfjährigen, er müsse die Hand seiner Schwester nicht halten, wenn er eine Straße entlanggeht – es sei schließlich seine Sache, ob ihn ein Auto erfasst. Und Mutter Rada ist, wenn sie sich nicht gerade in Schimpftiraden gegen Natalia ergeht, „immer noch der traurigste Mensch der Welt“. Wie könnte man in so einer traurigen Realität glücklich werden?

Bei aller Polemik gegen das aufkommende Gefühl, Maxim Biller serviere literarische Kost im Stile des Boulevard-Journalismus, muss an dieser Stelle jedoch eine Lanze für den in Prag geborenen Schriftsteller gebrochen werden: Es mag stimmen, dass seine Figuren – und somit auch die porträtierten Personen dahinter – nicht sympathisch erscheinen. Ihr Verhalten resultiert jedoch aus einer Umwelt, in der die jüdische Bevölkerung offenem und verdecktem Antisemitismus nahezu permanent ausgesetzt ist; auch im Kommunismus sind Juden Sündenböcke. Das Verhalten von Billers Familie wird so nicht gerechtfertigt, aber zumindest plausibel. Maxim Biller schaut zu keinem Familienmitglied auf – und doch kann man sich als Leser in sie hineindenken, nachfühlen, wie ihre Emotionen überhandnehmen: der Gefühlsausbruch als Ultima Ratio gegen erlittenes Unrecht.

Grenzüberschreitende Poetik

Auf sprachlicher Ebene zeichnet Maxim Biller den Alltag seiner Familie nach. Daraus ergibt sich ein Tonfall irgendwo zwischen ehrlich-direkt und vulgär-ordinär. Diese Charakterisierung soll Sechs Koffer jedoch nicht herabsetzen – im Gegenteil: Diese Sprache wirkt. Beim Leser stärkt dies den Blick für das Wesentliche und in den Vordergrund treten Handlung sowie das Spiel mit den Gattungen. Wie die Figuren zwischen den Metropolen Ost- und Westeuropas hin- und herwandern, wie sie eine Zeitebene nach der anderen zum großen Ganzen verschmelzen lassen, so ergeben sich aus den diversen Erzählperspektiven Annäherungen an die einzelnen Charaktere und ein daraus sich zusammensetzendes Bild der gesamten Familie. Maxim Billers Rolle in diesem allgemeinen Tohuwabohu wird dabei vom fünfjährigen Jungen, der Detektiv spielt, hinter die Bühne verlegt: Er ist der Regisseur, der ein Stück aufführt, das längst abgeschlossen ist. In diesem Stück begegnen sich kleine Detektive, mittelprächtige Sicherheitsdienst-Agenten und große Familienoberhäupter. Und darin ist die eigentliche Leistung von Sechs Koffern zu sehen: Nicht die Frage nach dem Mörder ist es, sondern das allgemeine Miteinander, das porträtiert wird. Maxim Biller gewährt uns Einblick in eine spannende Vergangenheit und schafft so einen Roman, der Welten entfernt ist von herkömmlicher Unterhaltungslektüre. Dabei ertappt man sich als Leser bei dem beklemmenden Gefühl, etwas zu sehen, das nicht für die eigenen Augen bestimmt ist. Sechs Koffer bietet eine Lektüre, die den inneren Voyeur im Leser unbefriedigt zurücklässt – ein Gütesiegel für diesen Roman.

Maxim Biller: Sechs Koffer. Roman
Kiepenheuer & Witsch, 208 Seiten
Preis: 19,00 Euro
ISBN: 978-3-462-05086-8

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