Mutter mit Axt sucht Vorort mit Charme

Emily Ruskovich – Idaho Cover: Hanser Berlin im Carl Hanser Verlag

Drei amerikanische Familienromane mit den Müttern im Zentrum: Emily Ruskovichs „Idaho“, Brit Bennetts „Die Mütter“ und Celeste Ngs „Kleine Feuer überall“. Alle drei Bücher handeln vom Leben in Familien, aber auch vom Ausbrechen aus familiären Strukturen. Sie fragen danach, wie viele und welche Menschen es zwingend braucht, um überhaupt Familie zu sein. Die Grundthemen der Bücher gleichen sich also, aber die Romane sind von ganz unterschiedlicher Qualität.

von SIMONE SAUER-KRETSCHMER

Ob man will oder nicht: Bevor man ein Buch zu lesen beginnt, hat man gewisse Erwartungen an den Text. Mal gehen diese auf eine konkrete Empfehlung oder eine negative Kritik zurück, zu anderer Gelegenheit ist es schlicht der Einband des Buches, der einen anspricht, oder im Gegenteil auf einen Inhalt schließen lässt, mit dem man sich eher nicht länger beschäftigen möchte. Dies sind nur Beispiele für die zahlreichen Faktoren, die auf die Erwartungshaltung einwirken – von der persönlichen Stimmung, der vorausgegangenen Lektüre und vom Wetter mal ganz zu schweigen.

Nun hatte ich drei Bücher vor mir, kannte keine der Autorinnen wirklich, und hatte überhaupt nur über Celeste Ng schon mal etwas gelesen. Zwar hatte ich die Anzahl der Sternchen in den Online-Rezensionen überflogen, aber mich ansonsten darum bemüht, möglichst unbedarft an die Bücher ranzugehen. Aber schon bei der Reihenfolge, in der man liest, beginnt das Ranking: Ich fing‘ mit dem Buch an, das ich am ehesten hinter mich bringen wollte und endete mit dem vermeintlichen Highlight. Dass mit der Lektüre alles anders kam, muss ich wohl kaum noch weiter erwähnen.

Aussteiger-Idyll auf Zeit

Ich begann mit Emily Ruskovichs Roman „Idaho“, der eben dort spielt: Zwischen Bergen und Wildnis, an Seen und Flüssen – vor allem aber draußen, möglichst weit weg von den Städten und allem, was zu eng, klein oder nah sein könnte. Es geht um Wade und Jenny, die sich, frisch verheiratet, für ein zurückgezogenes Leben auf einem Berg entschieden haben, der im Winter beinahe komplett von der Zivilisation abgeschnitten ist. Die verschneiten und vereisten Straßen sind dann für Fahrzeuge nicht passierbar und die Begriffe Stille und Einsamkeit bekommen noch mal eine andere Dimension. Doch gerade in dieser romantischen Form selbstgewählter Abgeschiedenheit liegt zu Beginn der Reiz für die beiden: Wade und Jenny sind glücklich mit dem, was sie haben, und sie genießen die Ruhe des Berges. Als Jenny schwanger wird, verläuft zunächst alles ganz komplikationslos, doch mit Herannahen der Geburt wachsen auch die Sorgen in Jenny, denn es ist gerade tiefster Winter und Wade und sie sind auf sich allein gestellt. Mit einem Mal erlebt Jenny die selbstgewählte Einsamkeit als Bedrohung, doch Wade findet einen Weg, sodass Jenny eine gesunde Tochter namens June zur Welt bringt. Wenige Jahre später kommt noch May hinzu und damit ist die Familie komplett. „Idaho“ ist jedoch keinesfalls die Geschichte eines familiären Aussteiger-Idylls, sondern das genaue Gegenteil: May wird ermordet und die Täterin steht ohne Zweifel fest – es ist Jenny, ihre Mutter, die in einem Augenblick unfassbarer Brutalität ihre kleine Tochter tötet. Der Roman kreist aus Sicht unterschiedlicher Figuren um dieses Ereignis, das das Leben vieler Menschen für immer verändert und wiederum andere Schicksale zusammenführt. Dabei wechselt nicht nur immer wieder der Blickwinkel auf das Geschehen, sondern auch die Chronologie: Ruskovich erzählt nicht linear, sondern in Form eines Mosaiks, in dem nach und nach einzelne Elemente zusammengefügtwerden. Der Text begibt sich damit zwar auf eine Spurensuche, da aber von Anfang an feststeht, wer die Mörderin ist, ist „Idaho“ kein Whodunnit, sondern sucht nach Teilen der beinah unmöglichen Antwort auf das große Warum. Besonders gelungen daran ist, dass der Roman darum weiß, dass hier von einem Fall erzählt wird, der eigentlich nicht zu erklären ist, denn Jenny liebt ihre Tochter, ist weder vor oder nach der Tat je gewalttätig geworden und sie ist auch nicht wahnsinnig – zumindest nicht dauerhaft. Was also ist geschehen und wie kann es sein, dass die Welt für einen Moment so radikal aus den Fugen gerät, dass eine Mutter zur Axt greift? Emily Ruskovich hat ein wunderbares Gefühl für Sprache und Situationen und sie erschafft Figuren, die einem im Kopf bleiben, weil sie sich erst nach und nach offenbaren. Unter der Oberfläche geschieht hier Vieles und so liest sich „Idaho“ durchaus so spannend wie ein Krimi oder Thriller, der in den Köpfen seiner Protagonisten nach Antworten sucht. Manches davon ist gewiss zu konstruiert und auch des Rätsels Lösung ist eher dünn geraten, aber dennoch: Ruskovich beobachtet ihre Figuren sehr genau und schildert das Geschehen so detailliert, lebendig und lebensnah, dass aus „Idaho“ ein wirklich überzeugendes Romandebüt geworden ist.

Verhinderte Mutterschaft

https://images-na.ssl-images-amazon.com/images/I/514i3taC8nL._SX303_BO1,204,203,200_.jpgBrit Bennetts „Die Mütter“, ebenfalls ein Erstling, der für einige Preise nominiert war und gerade fürs Kino verfilmt wird, erzählt von Nadia Turner, deren Mutter sich das Leben genommen hat. „Die Mütter“ heißt der Roman auch deswegen, weil in Nadias Gemeinde eine Gruppe alter Damen das Sagen hat, die die Mütter genannt werden, und die alles kommentieren, was in dem kleinen Ort Oceanside vor sich geht. Hauptsächlich sind das die vermeintlichen Eskapaden der Familie Turner, denn nach dem rätselhaften Selbstmord ihrer Mutter wird Nadia aufmerksam beäugt, besonders, als sie sich in Luke, den Sohn des Pastors, verliebt. Die Beziehung der beiden beschränkt sich auf einige heimliche Treffen, da Luke nicht an die große Glocke hängen will, was zwischen ihm und Nadia passiert. Nadia ist jung, wunderschön, unerfahren und traurig, und so geschieht, was nicht sein darf: Sie wird schwanger von Luke, erzählt ihm davon, woraufhin dieser das Geld für eine Abtreibung organisiert. Diese Entscheidung ist es, die nicht nur Nadias Leben, sondern auch Lukes für immer verändern wird, denn beide werden sich auch viele Jahre später noch die Was-Wäre-Gewesen-Wenn Frage stellen. Selbst als erwachsene Frau, die längst nicht mehr in Oceanside lebt, denkt Nadia noch häufig an „ihr Baby“, das ein Junge war, und bereut zumindest teilweise, dass sie diesen Lebensweg nicht gegangen ist.

Abtreibung. Die Erste

Die Geschichte ist stellenweise sehr langsam und ermüdend erzählt, denn im Grunde ereignet sich nicht wirklich viel, auch wenn die Gegenüberstellung der verschiedenen Lebenswege von Nadia und Luke nicht uninteressant ist. Dass sich dabei aber auch wirklich alles um die kurz vor dem College getätigte Abtreibung dreht, ist jedoch nicht ganz nachvollziehbar oder zumindest fragwürdig. Irritierend ist zudem, dass immer wieder von einem „Baby“, im Grunde also von einem fast fertigen Kind die Rede ist, und das erscheint dann doch schlicht falsch und unpassend, denn Nadias Baby ist ein Phantasieprodukt, das es so nie gegeben hat. In Zeiten, in denen Abtreibungsgegner sich weltweit wieder zusammenfinden und die Situation auch in einigen europäischen Ländern alarmierend ist, ist diese Gleichsetzung von ungeborenem Embryo (oder Fötus!) und einem Kind, das hypothetisch bleibt, einfach nicht das, was ich zur Stunde lesen will. Sicher ist mir bewusst, dass es mindestens problematisch ist, Literatur vor dem Hintergrund zeitgenössischer politischer Prozesse zu beurteilen und natürlich ist es nicht die Aufgabe von Romanen, eine bestimmte Position zu vertreten. Es ist dann aber umso mehr die Entscheidung der Leserin oder des Lesers, ob man über eine bestimmte, literarisch entwickelte Weltanschauung den Kopf schüttelt oder begeistert zustimmt. Mindestens genau so problematisch wie die Politisierung von Literatur ist der Wunsch, dass eine literarische Figur, die man als Leser kennengelernt hat, sich anders verhalten möge. Der Text ist der Text, der er ist, und spätestens wenn wir ihn zwischen Buchdeckeln in den Händen halten, ist er wohl abgeschlossen, und die Figur auf die jeweilige Weise erzählt worden. Doch Nadia, die kluge und schöne Nadia, hat nichts Besseres zu tun, als Luke hinterher zu trauern, sich selbst Vorwürfe zu machen und sich wieder hinein ziehen zu lassen in den Kleinstadtmief, den sie doch so glamourös überwunden hatte. Sicher, das kann man auch als Zeichen der Unüberwindbarkeit von ‚Wurzeln‘, Heimat oder schlicht dem Ort, an dem man alles zum ersten Mal gemacht hat, lesen, doch warum sich all dem ergeben, wenn es einen nur kleiner macht? So wird aus Brit Bennetts „Die Mütter“ ein Roman über die große Frage nach den Weichen stellenden Fragen des Lebens, der mir letztlich ein gutes Stück zu moralinsauer und konservativ geraten ist. Und um ihn dennoch gut zu finden, ist weder der Plot interessant, noch die Sprache schön genug. Wer gerne Post-Adoleszenzromane liest, sollte sich stattdessen Lize Spits großartigen Roman „Und es schmilzt“ gönnen. Da denken auch alle an Sex, sind aber im Gegensatz zu Nadia und Co. wirklich kaputte Figuren.

Abtreibung. Die Zweite

Coverbild Kleine Feuer überall von Celeste Ng, ISBN-978-3-423-28156-0Abtreibung ist bemerkenswerterweise auch eines der zentralen Themen in Celeste Ngs Roman „Kleine Feuer überall“, dem zweiten Roman der Autorin, die mit ihrem Erstling „Was ich euch nicht erzählte“ international einen großen Erfolg verbuchen konnte. In „Kleine Feuer überall“ geht es um die mustergültige Familie Richardson, die in Shaker Heights, einem am Reißbrett geplanten Vorort von Cleveland lebt. Die Mutter Elena ist Journalistin bei einem kleinen Lokalblatt, der Vater ist Jurist und die drei Kinder sind – bis auf eine Ausnahme – auch sehr ‚wohlgeraten‘. Doch dann taucht die alleinerziehende Künstlerin Mia Warren mit ihrer Tochter Pearl in Shaker Heights auf, und der beschauliche Alltag der Richardsons gerät durcheinander. Allein das klingt doch schon nach einer leidlich langweiligen Handlung (Vorsicht, alleinerziehend UND Künstlerin), die uns am Ende womöglich vor Augen führen möchte, dass auch hinter den glänzenden Fassaden der Vorstadt Abgründe lauern. Doch selbst diese vage Hoffnung kann der Roman nicht erfüllen. Die Abgründe in „Kleine Feuer überall“ sind nicht sonderlich tief und die Geheimnisse der Protagonisten auch nicht richtig schmutzig, sondern seltsam weichgespült. Ein unpassendes Baby wird abgetrieben, während ein anderes zur Welt kommt, und in einer eisig kalten Nacht vor einer Feuerwache abgelegt wird.

Recht auf Mutterschaft?

Das Baby wird gefunden, es überlebt und bekommt neue Eltern, die es adoptieren wollen, doch plötzlich taucht die leibliche Mutter wieder auf und es entbrennt die Frage, zu wem das Kind gehören soll. Kann man sein ‚Recht‘ auf Mutterschaft verwirken? Wie wichtig sind kulturelle Wurzeln und was ist ‚das Beste‘ für ein Kind? Celeste Ng stellt große Fragen und schafft es, das eingefahrene Weltbild ihrer Figuren ins Wanken zu bringen. Doch Shaker Heights ist eine beinah sorgenfreie Modellstadt und entsprechend sind auch die Richardsons, allen voran Elena, recht blutleere Repräsentanten gepflegter Langeweile. Da wird aus dem kleinsten Ruckeln schnell ein Erdbeben und falls hier irgendjemand jenseits von Shaker Heights erschüttert sein sollte, dann möchte man dringend anraten, mal ein wirklich aufrührendes Buch zu lesen – mit Ruskovich oder Spit könnte man gut beginnen.

 

Emily Ruskovich: Idaho. Roman. Aus dem Englischen von Stefanie Jacobs.

Hanser Berlin im Carl Hanser Verlag München 2018.

ISBN: 978-3-446-25853-2, 24,00 Euro.

 

Brit Bennett: Die Mütter. Roman. Aus dem Englischen von Robin Detje.

Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2018.

ISBN:  978-3-498-00683-9, 20,00 Euro.

 

Celeste Ng: Kleine Feuer überall. Aus dem amerikanischen Englischen von Brigitte Jakobeit.

Dtv, München 2018.

ISBN: 978-3-423-28156-0, 22,00 Euro.

 

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