Am Anfang war das Ende

Inger-Maria Mahlke – Archipel Cover: Rowohlt

Inger-Maria Mahlke widmet sich in Archipel einhundert ereignisreichen Jahren dreier Familien auf dem spanischen Eiland Teneriffa. Das interessante Konzept einer in der Zeit zurückwandernden Erzählung krankt jedoch an einer zu großen Anzahl verschiedener Handlungsstränge, die inhaltlich schlichtweg uninteressant sind und sich in offenen Enden verlieren. Dabei stolpert die Autorin über sprachliche Unzulänglichkeiten, während die wechselhafte spanische Geschichte zum bloßen Hintergrundgeräusch verkommt.

von THOMAS STÖCK

„Ein großer europäischer Familienroman“ wird uns da vom Rowohlt-Verlag versprochen. Wer mag da nicht direkt an Buddenbrooks denken, den Nobelpreis-prämierten Klassiker über die Lübecker Familie gleichen Namens? In Archipel haben wir es nicht nur mit einer Familie zu tun, sondern derer gleich drei. Die Familien Baute und Bernadotte sind in der zweitjüngsten Generation miteinander verbunden: Ana Baute Marrero und Felipe Bernadotte González sind verheiratet, haben gemeinsam eine Tochter namens Rosa. Daneben wird das Schicksal von Merche Ruiz Pérez und ihrer beider Töchter Mercedes und Eulalia näher unter die Lupe genommen, Merche und ihr nachfolgend Eulalia sind im Hause Bernadottes angestellt. Des Weiteren gibt es noch einen gewissen Sydney Fellows, einen Briten, Geschäftsführer einer international agierenden Firma. Siebzehn Personen sind eingangs des Romans als „Die handelnden Personen“ aufgeführt, hinzu kommen zahlreiche Nebenfiguren. Zugegeben, die schiere Zahl der Personen und die vielfältigen spanischen Vor-, Nach- und Spitznamen wirken verwirrend, aber zumindest die vermeintlich zentralen Figuren findet man jederzeit schnell wieder.

Die Angehörige der „Generation Y“

Ein genauerer Blick in dieses Personenverzeichnis gewährt einen Einblick in das, was den Leser hier erwartet. Exemplarisch herausgenommen sei die jüngste der aufgeführten Figuren: Rosa ist Jahrgang 1994 und „macht was mit Kunst“. Das ihr gewidmete Unterkapitel beginnt vielversprechend. Eine ihrem Alter entsprechende Erzählweise ist hier anzutreffen, beginnend bei einer cineastischen Landschaftsdarstellung: „Umschnitt auf den Nachthimmel, Zeitraffer, wimmelnde Wolkenschatten, wandernde Lichtpunkte, langsam verblassend. Umschnitt auf die Bucht, Flut frisst Felsen, Himmel rosa, Sonnenball hebt sich, voilà, Tag. Ganz mühelos.“ Mühevoll ist hingegen, beim Lesen von Rosas Alltag die eigene Mimik unter Kontrolle zu halten. Mahlke bedient zahlreiche Klischees: Rosa schaut ständig auf ihr Handy, erwartet Twitter- und Instagram-Nachrichten, sie betreibt „Binge-Watching“, also den exzessiven Konsum von Fernsehserien. Daran schließt sich eine ausführliche Beschreibung der von ihr verwendeten Kosmetika an. Als Leser rollt man hier entweder mit den Augen oder reißt die Hände vors Gesicht, um Rosa zu entgehen – sie zu ignorieren geht beim Lesen leider nicht.

‚Perfektioniert‘ wird dieses Porträt Rosas in der Präsentation ihrer moralischen Vorstellungen: „In Madrid war es unmöglich gewesen, zuzugeben, dass sie Eulalia nicht mochte. Wer schon nicht aus prekären Verhältnissen kommt, muss wenigstens seine Dienstboten lieben, so hat sie es Marisa gegenüber formuliert.“ Im weiteren Verlauf versucht die junge Dame, „Karma-Punkte“ zu sammeln – eine alte Dame hat sie dazu aufgefordert, eine Tasche zu tragen. Ausgangspunkt ihrer künstlerischen ‚Karriere‘ ist übrigens – wie könnte es überhaupt anders sein bei einer Angehörigen der Generation Y? – Hello Kitty.

Die sprachlichen Abgründe einer Familie

An ihre Seite gesellt sich Ana, ihre Mutter, die im Stile von House of Cards politischen Intrigen ausgesetzt ist. Rosas Vater Felipe hingegen ist ehemaliger Geschichtsdozent, nach seiner Entlassung bezeichnet er sich als Bauer, ist in Wahrheit Alkoholiker. Man sollte meinen, ihr Dasein umfasst einige interessante Erlebnisse, die im Konglomerat mit dem übrigen Personal den 432 Seiten ‚starken‘ Roman füllen. Nun, falsch gedacht. Ana verbringt beinahe eine ganze Seite damit, einen Kaffee zu kochen. Und dabei kocht sie noch nicht einmal richtigen Kaffee, sondern Kapselkaffee. „Ana schaltet das Licht nicht ein. Ana lehnt an der Arbeitsplatte. Ana nimmt eine Kaffeekapsel aus der Schachtel, wiegt sie in der Hand, legt sie neben die Maschine. Ana holt zwei Tassen aus dem Schrank und stellt sie auf das Gitter.“ Liebe Leserin, lieber Leser, wir haben es hier nicht mit dem Aufsatz einer zehnjährigen Gymnasiastin zu tun, sondern mit einem Buch, das es auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises geschafft hat.

Dieser schwache Auftakt umfasst immerhin ein Viertel des Romans, wenngleich er abgefedert wird durch die Lebensbeschreibung Julio Baute Ramos’, Anas Vater. Julio geriert sich selbst als „Schleuse zur Welt“ im Altersheim, da er das Privileg genießt, Bewohnern und Besuchern die Pforten des „Asilo“ zu öffnen. Insbesondere bei dementen Bewohnern muss er Obacht walten lassen. Doch auch auf diese Seiten verirrt sich ein linguistischer Stolperstein: „Beim Kreditrahmengeschachere, beim DuhastnochnichtmalgemerktdassichletzteWocheausgezogenbin, beim Präsentationendurchklicken“, steht da. Mahlke nutzt hier den berühmt-berüchtigten Ruf des Deutschen, schier endlose Komposita zu formen. Die Duden-Redaktion empfiehlt sinnigerweise die Verwendung von Bindestrichen zur Erleichterung der Lesbarkeit. An anderer Stelle weist sie darauf hin, dass auch mit Bindestrichen die so entstehenden Wortungetüme immer noch kein Lesevergnügen sind. Dies scheint sowohl Mahlke als auch den Lektoren dieses Romans bewusst zu sein, immerhin beschränkt sich diese Eskapade auf diesen einen Satz – warum er trotzdem in dieser Fassung Eingang in den endgültigen Roman gefunden hat, bleibt ein Mysterium. Es muss die Frage erlaubt sein: VielleichthabensieimRowohltVerlagkurzzeitigvergessenwoaufderTastaturLeerzeichenundBindestrichzufindensind?

Ein Schritt zurück ist ein Schritt voran

Mit den ersten zeitlichen Rückschritten steigert sich Archipel jedoch. Felipe entstammt beispielsweise einer militärisch geprägten Familie, Vater Eliseo und Bruder Jose Antonio dienen in der Armee. Letzterer ist benannt nach dem Begründer der Falange, einer faschistischen Bewegung Spaniens. Jose Antonios Vita stellt dann auch eine erfreuliche Abkehr von alltäglichen Nichtigkeiten und eine Hinwendung zu spannungsträchtigem Erzählen dar. Im Jahr 1983 kommt er bei einem Autounfall ums Leben – in den Hinterlassenschaften des einige Jahre danach verstorbenen Vaters findet Felipe eine Mitteilung des Militärs, der Eliseo darüber in Kenntnis setzt, dass mit Jose Antonio ein Zivilist verstorben ist. Mit diesem Zivilisten hatte Jose Antonio bereits 1981 Kontakt – am Tage eines Militärputsches am 23. Februar kam er trotz Ausgangssperre nicht zurück in die Kaserne. Der Brief informiert außerdem darüber, dass der Zivilist kriminell auffällig geworden war.

Wie hier haben die zahlreichen historischen Ereignisse, die Mahlke in das den Roman durchziehende Geflecht roter Fäden einwebt, nur selten für die Handlung einen höheren Stellenwert. Deutlich wird dies in einer Szene, bei der Ana sich vollkommen desinteressiert am bereits erwähnten Militärputsch zeigt. Ihr Vater Julio ärgert sich darüber – immerhin steht die politische Zukunft Spaniens auf dem Spiel. Sechs Jahre zuvor reagiert er jedoch ähnlich apathisch auf den Tod Francos, ein Ereignis, das er eigentlich jahrzehntelang erwartet hat. Stattdessen stellt er fest, dass sein Alltag davon gänzlich unbeeinflusst ist und er weiter in seinem Elektroladen arbeitet. Julios Zeit im Bürgerkrieg wird sogar gänzlich ausgespart – bestimmt ging diese Darstellung für die Kaffeemaschinenbetätigungs-Beschreibung verloren. Julios Leben und das der übrigen Figuren steuert zwar zeitweise auf eine Art Spannungshöhepunkt zu, verflacht jedoch mit jedem Jahr ein wenig mehr. Die vielen aufgeworfenen Fragen, mit denen man sich als Leser konfrontiert sieht, werden dabei zum Großteil einfach nicht beantwortet.

Der Verfall einer Erzählung

Zugegeben, der eingangs getätigte Vergleich mit Thomas Manns bekanntestem Werk ist unfair. Mahlkes Erzählung versteht sich nicht als Kopie von Vergangenem, sondern als Neuerung. Ihr Projekt einer Rückwärtserzählung ist gewagt und im Genre des Familienromans neuartig. Die Geschichte Jose Antonios zeigt das große Potenzial für den Spannungsbogen auf, welches Mahlke leider allzu häufig ungenutzt lässt. Eine gute Erzählung besteht eben aus mehr als einer guten Idee – und gerade an der Umsetzung scheitert die Autorin ein ums andere Mal. Möglicherweise hätte Archipel auch besser funktioniert, würde der Roman ‚klassisch‘ erzählt. Einerseits spricht dagegen, dass Kaffeeklatsch und Twitter-Nachrichten nur allzu selten die Grundlage einer literarisch anspruchsvollen Arbeit bilden. Andererseits hätte eine wundervolle Darstellung der Irrungen der spanischen Republiken, des Bürgerkriegs sowie der faschistischen Diktatur entstehen können. Ein Jammer, dass dem nicht so ist.

Inger-Maria Mahlke: Archipel. Roman
Rowohlt, 432 Seiten
Preis: 20,00 Euro
ISBN: 978-3-498-04224-0

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3 Gedanken zu „Am Anfang war das Ende

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