Mass: Messe? Masse? Theater!

Leonard Bernsteins "Mass" am Musiktheater im Revier Foto: Forster

Leonard Bernsteins „Mass“ am Musiktheater im Revier Foto: Forster

Mit Mass ist dem Musiktheater im Revier ein wahrer Glücksgriff gelungen. Im Jahr des 100. Geburtstages von Leonard Bernstein bringen die Gelsenkirchener ein Werk auf die Bühne, das selbst eingefleischte Fans des Komponisten wahrscheinlich noch nicht live erleben durften. Und „erleben“ ist hier das richtige Verb. Richard Siegal bringt in seiner Inszenierung rund 180 Künstler auf und unter die Bühne und kreiert damit einen Theaterabend, den man so schnell nicht vergessen wird.

von STEFAN KLEIN

Leonard Bernsteins Mass (englisch für „Messe“, aber auch „Masse“) erzählt keine Geschichte im eigentlichen Sinne. Im Mittelpunkt steht der sogenannte „Celebrant“ (Henrik Wagner), der als Vorsteher einer Kirchengemeinde seine Glaubensgeschwister durch eine Art Gottesdienst führen möchte. Hierbei stößt er immer wieder an seine Grenzen. Während er das Evangelium verkündet, äußert die Gemeinde (der „Street Chorus“) in einer Art Rebellion ihre Glaubenszweifel. Im Laufe der Messe wird die Last auf den Schultern des Geistlichen immer schwerer und er droht daran zu zerbrechen.

Als Gerüst für die Erzählung über Glaube, Zweifel und Hoffnung nutzt Bernstein die Liturgie der römisch-katholischen Kirche. Lateinische Texte wie das Kyrie eleison oder Gloria in excelsis werden von einem der Chöre vorgetragen, während die Gemeinde ihre Zweifel, Kommentare und Glaubensbekenntnisse auf Englisch vorträgt (Texte: Leonard Bernstein und Stephen Schwartz). Durch die klare Struktur, aber das gleichzeitig aufkeimende Chaos entsteht ein Sog, der den Betrachter trotz der kaum vorhandenen Handlung in seinen Bann zieht und die pausenlosen gut zwei Stunden Aufführungsdauer im Fluge vorbeiziehen lassen.

Musikalische Vielseitigkeit

Zu dem beschriebenen Sog trägt mit Sicherheit auch die Musik bei. Leonard Bernstein zieht alle Register seines kompositorischen Könnens und vereint in diesem einen Bühnenwerk viele verschiedene Stile, die sich dennoch sehr gut zu einem stimmigen Gesamtbild zusammenfügen. Latino-Rhythmen treffen auf Kirchenchoräle, das Kyrie eleison kommt als amerikanische Marschmusik daher und Rocknummern stehen neben jazzigen Gospelsongs. Anklänge an die Zwölftonmusik sind ebenso zu finden wie klassische Broadway-Musical-Balladen.

Die Neue Philharmonie Westfalen unter der Leitung von Rasmus Baumann zeigt sich enorm wandlungsfähig und folgt Bernstein auf jedem seiner oft sehr unterschiedlichen Pfade. Auch die Solisten des Gelsenkirchener Opernensembles meistern die verschiedenen Stile und die schnellen Umschwünge, zum Beispiel von einem ausufernden Chorstück zu einer bluesigen Soul-Nummer. Selbst jazziges Lamentieren steht den klassisch ausgebildeten Sängern bestens, die auch sichtlich Spaß am Spiel haben.

Neben dem beinahe vollständigen Opernensemble stehen außerdem der Opernchor und ein Projektchor des Musiktheaters im Revier auf der Bühne (Chor: Alexander Eberle). Und um dem allein durch die reine Anzahl der Sänger schon atemberaubenden Klang noch einen draufzusetzen, ist auch noch der wunderbare Knabenchor der Chorakademie Dortmund zu hören.

Während der Zuschauer also in den Genuss von Klangwelten kommt, die man in einer solchen Fülle und Wucht selten zu Ohren bekommt, darf er auf der Bühne außerdem dem erstklassigen Ballett im Revier zusehen. Richard Siegal, der sich neben der Inszenierung auch für die Choreografie zuständig zeigt, nutzt die Präzision und Kraft des jungen Corps und übersetzt Bernsteins Musik in wunderschöne Bewegungen. Eine besondere Rolle übernimmt Tänzer Paul Calderone. Er interagiert am meisten mit dem Celebranten und muss sich gesanglich kaum hinter den Solisten des Projektchores verstecken.

Leonard Bernsteins "Mass" am Musiktheater im Revier Foto: Forster

Leonard Bernsteins „Mass“ am Musiktheater im Revier Foto: Forster

Eine offene Ikea-Basilika

Stefan Mayers Bühne zeigt sich wunderbar vielseitig. Die dreischiffige Ikea-Kiefernholz-Basilika, die aus variablen Holzlamellen zusammengebaut ist, bietet zum einen die nötige Weite, um das große Personal des Stückes zu beherbergen, zum anderen aber auch die Möglichkeit, intime Momente zu schaffen. Bei letzterem ist es die außerordentliche Lichtregie (ebenfalls Mayer), die wirkungsvoll die Szenen miteinander verbindet.

Die offen gehaltene Bühne greift während des gesamten Abends immer wieder auf den Zuschauerraum über und vermischt damit das Geschehen auf der Bühne mit der Lebensrealität der Besucher. Jeder im Zuschauersaal ist Teil von Henrik Wagners Gemeinde. So sitzen die Gesangssolisten oft in der ersten Reihe des Parketts, die Chöre beanspruchen den obersten Rang für sich und einzelne Instrumentalisten spielen auf, unter und vor der Bühne.

Während das überwältigende Klangbild durch die Umzingelung des Publikums seinen Effekt nicht verfehlt, so hat die Technik (Ton: Marco Brinkmann) doch mit der Abmischung der Stimmen zu kämpfen. Vor allem die Gesangssolisten mit nur kurzen Passagen sind unter dem wuchtigen Klang der vielen Beteiligten (es ist sogar eine Blues Band auf der Bühne) oft nicht gut zu verstehen.

Eine Kategorisierung von Mass ist quasi unmöglich. Es ist Musical, Oratorium, moderne Oper und Ballett. Bernstein selbst untertitelte sein Werk mit „A Theatre Piece for Singers, Players and Dancers“ und griff damit der Einordnungsproblematik vorweg. Mass ist ein ambitioniertes Werk, das keine Kategorie braucht. Es ist Theater.

Die Gelsenkirchener Inszenierung zeigt sehr gut, dass es sich lohnt, Leonard Bernsteins Werk auch abseits der West Side Story zu betrachten, und bietet zwei Stunden Musiktheater, wie man es wahrscheinlich so schnell nicht mehr erleben wird.

Informationen zur Inszenierung
 
Nächste Vorstellungen:
 
Sonntag, der 14. Oktober 2018
Freitag, der 2. November 2018
Sonntag, der 4. November 2018

 

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