Carmen zickt sich durch das Aalto-Theater

"Carmen" am Essener Aalto-Theater Foto: Matthias Jung

„Carmen“ am Essener Aalto-Theater Foto: Matthias Jung

George Bizets Carmen ist eine der wahrscheinlich spannendsten Frauenfiguren der Operngeschichte. In Lotte de Beers gleichnamiger Inszenierung am Essener Aalto-Theater wird die eigentlich starke Frau leider zur Zicke degradiert. Auf der wenig abwechslungsreichen Bühne können auch die vor allem in den Nebenrollen stimmlich erstklassig besetzten Solisten kaum etwas retten. Bei der Premiere gibt es verhaltenen Applaus für die Titelpartie und, mal wieder, ein Buh-Konzert für die Kreativen.

von STEFAN KLEIN

Lotte de Beer ist die Überraschung ins Gesicht geschrieben. Kaum betritt sie mit ihrem Kreativteam beim Schlussapplaus die Bühne, verwandelt sich der tosende Applaus, der eben noch den Essener Philharmonikern galt, in ein lautes Buh-Konzert. Ihr Gesichtsausdruck verrät: Damit hat sie nicht gerechnet. Dabei standen die Vorzeichen fast alle auf Misserfolg.

Mit Bizets Carmen inszeniert sie eine der am meisten gespielten Opern unserer Zeit. Die Erwartungshaltung des Publikums ist also im Vorfeld vermutlich enorm hoch: Jeder kennt Melodien, die Geschichte ist den meisten vertraut und Vergleichsinszenierungen gibt es wie Sand am Meer. Den Erwartungen eines Publikums kann und muss man nicht zwangsläufig gerecht werden, doch de Beer erweckt mit ihrer Inszenierung den Eindruck, es gar nicht probiert zu haben. Sie versucht viel lieber, und dies ist ein naheliegender Schritt, sich auf die Stärke dieser Oper zu konzentrieren und den Fokus auf ein Thema zu lenken, das schon zu Zeiten der Uraufführung 1875 für Furore sorgte: die Emanzipation der Frau.

Anders als damals üblich, schrieb George Bizet die Titelpartie nicht für einen Sopran, sondern für einen Mezzosopran. Schon dies charakterisiert die Figur der Carmen nicht als liebliches, naives Mädchen, sondern als starke und eigenwillige Frau. Bei der Premiere im Aalto-Theater wirkt es nun jedoch so, als habe Lotte de Beer ihrer Carmen als einzige Regieanweisung „Lächle nie“ gegeben. Bettina Ranch ist fast drei Stunden als zickige, unnahbare und berechnende Carmen auf der Bühne zu sehen. Es fällt schwer, sich über die Stärke und Emanzipation der Zigarrenfabrik-Arbeiterin zu freuen, wenn all ihr Handeln äußerst unsympathisch wirkt.

Hieße die Oper doch Micaëla

Bettina Ranch hat das große Problem, dass sie sich in eine lange Reihe von weltberühmten Carmen-Darstellerinnen einreihen muss. Das Zeug zu einer Referenz-Carmen hat sie leider nicht. Dafür bleibt sie stimmlich zu blass und kann kaum spannende Akzente setzen. Ganz anders sieht es bei Jessica Muirhead aus. Ihre Micaëla ist das Highlight des Abends und man wünscht sich für sie weitaus mehr zu tun. Christina Clark und Liliana de Sousa machen ihre Sache als Carmens Gauner-Freundinnen ganz ordentlich. Vor allem ihr Spiel sticht aus der darstellerischen Gesamtleistung des Ensembles positiv heraus.

Auf Seiten der Herren erweist sich Luc Robert als Glücksgriff in der Partie des Don José. Der kanadische Tenor, der mit dieser Rolle schon weltweit Erfolge feierte, meistert den Abend gesanglich mühelos.

Für die Gestaltung der Bühne ließen sich Clement & Sanôu von einer Stierkampfarena inspirieren. Oder besser: vom Fußboden einer Arena. Das einzige Bühnenelement bildet ein großer brauner Kreis. Den Augen des Publikums wird also quasi nichts geboten, dennoch wird damit oft Lotte de Beers wirklich große Stärke herausgekitzelt: Durch die Kargheit der Bühne muss sie mit dem Personal auf der Bühne arbeiten und stellt immer wieder wunderbare Bilder aus den Solisten, dem Chor und den Statisten. Die Menschen-Cluster wirken in Alex Broks Licht großartig, und so wird man immer wieder durch die schönen Ansichten entschädigt.

"Carmen" am Essener Aalto-Theater Foto: Matthias Jung

„Carmen“ am Essener Aalto-Theater Foto: Matthias Jung

Guter Ansatz – Wenig daraus gemacht

Während der Einführung vor der Premiere erklärte Dramaturg Christian Schröder, de Beer habe eine von den Gender-Studies beeinflusste Perspektive auf das Werk eingenommen und spiele mit den Geschlechterrollen. Dieser eigentlich spannende Ansatz ist am Ende leider kaum zu sehen. In einer schönen Choreografie während der Ouvertüre kleidet sich das gesamte Ensemble von „männlich“ (Hose, braune Weste) zu „weiblich“ (Rock, rote Weste) um (Kostüme: Clement & Sanôu), was sie noch ein paar Mal während der Inszenierung wiederholen dürfen. Das ist aber auch schon das einzige Spiel mit den Geschlechterrollen, eine konsequente Auseinandersetzung mit dem Thema sieht anders aus. Eine Counter-Tenor-Carmen hätte möglicherweise ein noch größeres Buh-Konzert verursacht, doch wäre es wenigstens eine wirklich spannende Fortführung des guten Ansatzes gewesen.

Nicht ganz nachvollziehbar ist zudem die Einbindung von Kindern auf der Bühne. Ein Großteil der Dialoge wird aus dem Off von zwei Kindern gesprochen. Sie sind es auch, die immer mal wieder ins Geschehen eingreifen und in ihren Stierkämpfer-Kostümen in Schlüsselszenen nicht von der Seite der Protagonisten weichen. Schröder erklärte dies im Vorfeld mit dem kindlichen Blick auf die Welt, der im Spiel keine Geschlechterrollen kenne. In der fertigen Inszenierung – und vor allem ohne die Information aus der Einführung – ist dies nicht erkennbar.

George Bizets Carmen sollte man einmal gesehen haben. Die Geschichte ist spannend und die Melodien wundervoll. Doch Lotte de Beers Inszenierung kann man ohne Sorge überspringen. Irgendwo wird Carmen ja immer gespielt.

 

 

Informationen zur Inszenierung
 
Nächste Vorstellungen:
 
Donnerstag, der 18. Oktober 2018
Samstag, der 24. Oktober 2018
Donnerstag, der 1. November 2018

 

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