Die Federn des Bösen

Susanne Röckel – Der Vogelgott Cover: Jung und Jung

Susanne Röckel entführt ihre Leser in die Abgründe des menschlichen Verstandes. Durch die Entdeckung eines naturvölkischen Glaubens gerät Familie Weyde in den Sog des Schrecklichen – von Erzählungen und Darstellungen eines mysteriösen Vogelgottes sind sie ebenso fasziniert wie abgestoßen. Dabei sehen sich die Figuren einer feindlichen Umwelt ausgesetzt, deren Atmosphäre Röckel sprachlich auf faszinierende Weise ausstaffiert. Der Vogelgott: ein Schauerroman mit einer Familie zwischen Genie und Wahnsinn.

von THOMAS STÖCK

Die Leidenschaft so manches Hobbysammlers kann erschreckende Ausmaße annehmen. In Konrad Weydes Fall wirkt bereits der gesammelte Gegenstand auf einige beängstigend: Konrad tötet und präpariert Vögel. Als Hobbyornithologe führt ihn seine Passion selbst in entlegene Länder. Besonders angetan hat es ihm der Bericht über einen mystischen Vogel aus dem Land der Aza, den das dort ansässige Naturvolk als Gott verehrt. Konrad betritt das ferne Land, wo er einem Bild der Zerstörung ausgesetzt ist. Im Land tobt seit vielen Jahren ein Krieg zwischen europäisch-imperialistischen Truppen, welche versuchen, ‚den Frieden zu bringen‘, und indigenen Rebellen, welche sich selbst als „Recelesti“ bezeichnen: Federkostüme tragende Wilde, die in Scharen den überlegenen Waffen der Europäer zum Opfer fallen. Nichtsdestotrotz ist eine Kolonialisierung, eine Beherrschung dieses Gebiets gar, nie gelungen. Konrad erfährt, dass sie angeführt werden von einer sagenumwobenen Figur namens Chief Aly. Die Erzählungen über ihn variieren dabei: Mal erscheint er als Fleisch gewordene Gottheit, mal als durch seinen Glauben unbesiegbarer Kämpfer, dann wieder entsteht der Eindruck, ein ganzer Personenkreis gäbe sich bewusst als Chief Aly aus, um die Moral ihrer Krieger hochzuhalten.

Konrad ist nicht der Einzige, der in den Sog des mythisch-mysteriösen Gottes gerät. Auch seine beiden Söhne Tedor und Lorenz sowie seine Tochter Dora beschäftigen sich – jeder auf seine Weise – mit dem Vogelgott. Die hierdurch entstehende Multiperspektive, in insgesamt vier Kapitel unterteilt, profitiert dabei von der beruflichen Expertise der Protagonisten. Sowohl Lorenz’ journalistische Recherchen als auch die akribischen Bilderanalysen der Kunsthistorikerin Dora demonstrieren die Wandlungsfähigkeit der Vogelfigur. Tedor hingegen ist zwar ‚nur‘ ein gescheiterter Medizinstudent, er jedoch berichtet am eindringlichsten von den Schrecknissen des Aza-Landes. Dazu befähigen ihn die unmittelbar vor Ort erlebten Erfahrungen, Tedor kommt nämlich über eine Organisation namens „Save The World“ an einen Job als vermeintlicher Arzt in das für ihn fremde Land.

„Es bricht die neue Welt herein und verdunkelt den hellsten Sonnenschein“

Wie schon sein Vater Konrad vor ihm, entdeckt auch Tedor eine feindliche Lebenswelt. Deren Darstellung gelingt Röckel auf herausragende Weise: Die zahlreichen Landschaftsbeschreibungen sind so plastisch, dass der Leser leicht visualisieren kann, was hier vor sich geht. Ob nun Poe’scher Duktus oder Alfred-Hitchcock-Allüren in die folgenden Zeilen Eingang finden, mag jeder für sich selbst entscheiden: „Über der Straße spannte sich wie ein Fangnetz ein Gewirr von Kabeln. Vögel hingen darin, die sich verheddert und stranguliert hatten.“

Kein Licht dringt in diese düstere Welt. „Es bricht die neue Welt herein und verdunkelt den hellsten Sonnenschein“, lautet ein Vers, an den sich Konrad erinnert. In dieser dunklen Ödnis verschmelzen Mensch und Tier miteinander. Familie Weyde hört krächzende Stimmen, sieht in Menschen gefiederte Feinde – scheint selbst eins zu werden mit den Herrschern der Lüfte: „Es war, als ob ich mich plötzlich mit seinen Augen sehen könnte.“ Immer wieder gewinnt man den Eindruck, dass es in dieser menschenfeindlichen Szenerie zum Verzehr von Menschenfleisch kommt – sei es nun „der große Menschenfresser“ selbst oder (auto-)kannibalistische Visionen. Prometheus und der Adler Ethon, der die Leber des Sünders verzehrt, verschmelzen immer mehr zu einer Person.

Die schöne Seite der Pseudowissenschaft

Das ambivalente Verhältnis zum Bösen lässt die Protagonisten gänzlich alltagsuntauglich werden. Von ihren Lebenspartnern und Vorgesetzten ziehen sie sich immer mehr zurück, richten ihre gesamte Aufmerksamkeit nur noch auf eines: das Entbergen des Unheimlichen. So findet Dora beispielsweise unter einer Zeichnung des fiktiven Künstlers Johannes Wolmuth, der den Dreißigjährigen Krieg miterlebt hat, ein Bild unter einem Bild – und siehe da: Ein Vogel kommt zum Vorschein. Aus dem vermuteten Entstehungskontext dieses übermalten Bildes gebiert Dora eine – im doppelten Sinne – fabelhafte Theorie: Johannes Wolmuth selbst sei es gewesen, der sein Bild übermalt hat. In seinem Werk findet Dora immer weitere Indizien, die ihre These zu stützen scheinen, und immer weiter versinkt sie in den Abgründen ihrer eigenen Arbeit. Wohl jeder Wissenschaftler kann sich in diese Situation einfühlen, diese Euphorie, etwas entdeckt zu haben, der Erste zu sein und sich vielleicht in der Wissenschaftsgeschichte zu verewigen.

Gleichsam bekannt sollte Wissenschaftlern aber auch die korrekte Methodik sein. Denn zumeist existieren nicht nur Gründe für, sondern auch gegen eine Theorie. Doras Untersuchungen widersprechen der gesamten bisherigen Forschung zu Wolmuth, was sie zu der „abenteuerlichen“ Vermutung verleitet, wie ihr Doktorvater sich ausdrückt, dass alle anderen vor ihr schlicht und ergreifend falsch lagen. Die pseudowissenschaftliche Herangehensweise der sich praktisch von selbst erfüllenden Theorie lässt sich besser erzählen als ‚richtiges‘ wissenschaftliches Arbeiten: Die Bildbeschreibungen der Madonnenbilder erzählt Dora so mitreißend, als wäre man selbst ebenso fasziniert von einer der stilistisch langweiligsten Perioden der Malerei, der Heiligendarstellungen. Begünstigt wird diese Darstellung jedoch durch den Stilbruch in Wolmuths Werk: „Aus den fröhlichen Putten, den hübschen, drallen Kindern der Pariser Blätter sind verwundete, verstümmelte, blutüberströmte Körper geworden […]; darunter auch kleine Mädchen mit langen Zöpfen und schwarz verfärbten Arm- oder Beinstümpfen; und sogar die Hündchen und Kätzchen, mit denen die kleinen Engel der Pariser Zeichnungen gespielt hatten, sind hier nur noch schmutzige, ramponierte, gequälte Kreaturen.“ Wie käme man da nicht zu der Vermutung, Wolmuth habe den Leibhaftigen gesehen?

Die unerträgliche Leichtigkeit des Schreckens

Wie von selbst tritt die Erzählung in eine Spirale des Bodenlosen, immer tiefer dringt der Leser vor in das Böse. Der Vogelgott imponiert mit einem mitreißenden Sprachfluss, dessen Strömung in ein ausuferndes Delta aus Erzählsträngen mündet. Die vier Protagonisten mit ihren ganz eigenen Marotten sorgen für eine abwechslungsreiche Annäherung an die alles überragende Figur, welche man nichtsdestotrotz nur aus der Ferne beobachten kann – und doch hat „der große Menschenfresser“ überall seine Flügel im Spiel. Röckel beantwortet auf imposante Weise die Frage, ob Gothic Novels auch im 21. Jahrhundert funktionieren können. Zum 200-jährigen Jubiläum von Mary Shelleys Modern Prometheus können sich Freunde des erlesenen Horrors also freuen: Prometheus ist wieder da.

Susanne Röckel: Der Vogelgott
Jung und Jung, 272 Seiten
Preis: 22,00 Euro
ISBN: 978-3-399027-214-5

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Ein Gedanke zu „Die Federn des Bösen

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