Alles hat ein Ende – den Göttern sei Dank!

Richard Wagners "Götterdämmerung" an der Deutschen Oper am Rhein Foto: Hans Jörg Michel

Richard Wagners „Götterdämmerung“ an der Deutschen Oper am Rhein Foto: Hans Jörg Michel

Es ist vollbracht: Die Deutsche Oper am Rhein hat mit Götterdämmerung nun den letzten Teil von Wagners Ring-Zyklus zur Premiere gebracht. Während die Solisten vom Premierenpublikum frenetisch gefeiert werden, holt sich das Kreativteam um Regisseur Dietrich W. Hilsdorf ein lautes Buh-Konzert ab. Daran sollte es sich inzwischen gewöhnt haben.

von STEFAN KLEIN

Brünnhilde (Linda Watson) hat es schon nicht leicht. Sie liebt den glorreichen Helden Siegfried (Michael Weinius), der sie in Siegfried gerettet und erobert hat. Doch kaum geht dieser mal zur Jagd aus dem Haus, trifft er die schöne Gutrune (Sylvia Hamvasi) und verliebt sich in sie. Zu allem Überfluss verspricht Siegfried Gutrunes Bruder Gunther (Bogdan Baciu) auch noch Brünnhildes Hand, sodass die einst starke Walküre nun in menschlicher Gestalt nur noch ein Spielball der Männer zu sein scheint. Über alledem wacht Hagen, Halbbruder von Gutrune und Gunter und Alberichs Sohn, der die Fäden in der Hand hält und seine große Stunde gekommen sieht, als der Ring, geschmiedet aus dem Rheingold, Thema der Auseinandersetzungen wird.

Dietrich W. Hilsdorf war von Anfang an eine interessante Wahl für die Neuinszenierung von Wagners Ring-Zyklus. Der streitbare Regisseur blickt auf eine lange Karriere von viel besprochenen Inszenierungen zurück und hielt dadurch die Erwartungen an seinen Ring sehr hoch. Mit dem Rheingold legte er 2016 auch vielversprechend vor. Die Entlarvung fragwürdiger politischer Ansichten Richard Wagners sowie ein fast actionreiches Geschehen auf der Bühne versprachen einen kurzweiligen und klugen Ring am Rhein. Doch schon die Walküre konnte den hohen Erwartungen nicht gerecht werden und machte unfreiwillig deutlich, dass das große Potenzial in dem anfangs angedeuteten Konzept doch nicht so ausgeschöpft werden konnte, wie es zu hoffen war. Siegfried war dann fast nur noch ein Fest für die Ohren.

Spagat statt Logik

In der Götterdämmerung macht Hilsdorf jetzt eigentlich gar nicht so viel falsch, doch richtig macht er es auch nicht. Die Inspirationsarmut der vergangenen Operninszenierungen wird konsequent fortgeführt, sodass die einzigen wirklichen Inszenierungsideen nur als fragwürdig herausstechen. Während des Vorspiels treten die Nornen als 50er-Jahre-Kaffeekränzchen auf (Kostüme: Renate Schmitzer) und werfen sich einen imaginären Schicksalsfaden hin und her. Ihre Optik ist für sich genommen schlüssig und lädt zum Schmunzeln ein, doch im Gesamtzusammenhang der Kostüme des restlichen Personals isolieren sich die Figuren zu sehr.

Die Bühne (Dieter Richter) ist eigentlich schön anzusehen und bietet durch ihre verschiedenen Ebenen und Treppchen viele Interaktionsmöglichkeiten. Doch warum man sich entschlossen hat, Schauplätze, die bereits aus den Vorgängeropern bekannt sind, völlig umzudeuten und neu aussehen zu lassen, weiß wohl nur Herr Hilsdorf selbst. Im Zentrum steht während der gesamten rund fünf Aufführungsstunden ein alter Rhein-Kutter, der mittels Weihnachtsbäumchen mal das traute Heim von Brünnhilde und Siegfried, und ohne festliches Dekor zur Räuberhöhle der Gibichungen wird.

Für besonders viel verständnisloses Kopfschütteln und Tuscheln sorgt der Auftritt des „Heeres“ im zweiten Aufzug. Der Chor der Deutschen Oper am Rhein betritt als heruntergekommene Karnevalsgesellschaft die Bühne, inklusive Spagat-vollführenden Funkenmariechen. Bleich geschminkt und mit schmutzigen Kostümen sehen sie aus, als hätten sie am Aschermittwoch dringend Ruhe nötig. Ja, Wagners Ring spielt am Rhein. Ja, am Rhein befinden sich Deutschlands größte Karnevalshochburgen. Aber gibt es eine Notwendigkeit, beides zusammenzubringen? Nein. Die Karnevalisten werden es vielleicht auch gewesen sein, die das Publikum am Ende zum Buhen animiert haben. Andere Albernheiten wie eine Heroin spritzende Gutrune oder das Logo der Köln-Düsseldorfer-Rheinschifffahrtsgesellschaft auf Tassen und Bechern im Spiel sind kurz nach 23 Uhr längst wieder vergessen. Doch eine Prinzengarde vergisst ein Wagnerianer nicht so schnell.

Richard Wagners "Götterdämmerung" an der Deutschen Oper am Rhein Foto: Hans Jörg Michel

Richard Wagners „Götterdämmerung“ an der Deutschen Oper am Rhein Foto: Hans Jörg Michel

Linda Watson – eine Brünnhilde par excellence

Hilsdorf hat großes Glück, in Düsseldorf auf wunderbare Solisten zurückgreifen zu können. Michael Weinius kann als Siegfried zwar nicht ganz so begeistern wie vor einigen Monaten noch in Siegfried, es bleibt dennoch eine Freude, ihm in der Partie des Helden zuzuhören. Eine Bereicherung ist auch Bogdan Baciu als Gunther. Der rumänische Bariton trägt die große Rolle mühelos und weiß mit großem Volumen und wohligem Klang zu begeistern. Den größten Applaus auf Seiten der Herren holt sich am Ende Hans-Peter König für seine Rolle des Hagen ab. Mit sattem Bass und differenziertem Spiel zieht er den Fokus seiner Szenen auf sich und schürt damit Sympathien für den eigentlichen Antagonisten.

Über alle Kritik erhaben ist auch in der Götterdämmerung Linda Watson als Brünnhilde. Nicht nur ihre exzellente Stimme, auch ihre facettenreiche Darstellung machen aus Brünnhilde eine überlebensgroße Figur, die den Zuschauern noch lange in Erinnerung bleiben wird. Ihre Bühnenpräsenz ist erstaunlich, und es dürfte schwerfallen, eine vergleichbare Darstellerin an deutschen Opernhäusern zu finden.

Axel Kober leitet die Düsseldorfer Symphoniker mit sicherer Hand und entlockt ihnen die satten und überwältigenden Klänge, die man von einer Wagner-Oper erwartet. Hier und da gelingt ihm dies mit einer solchen Wucht, dass Sylvia Hamvasi als Gutrune oder Katarzyna Kuncio als Waltraute schon mal ihre Probleme haben, gegen das Orchester anzukommen.

Dietrich W. Hilsdorf schafft es leider nicht, die hohen an ihn gesetzten Erwartungen zu erfüllen. Auch der Abschluss des Ring-Zyklus wirkt wie seine Vorgänger ein wenig halbgar und nicht zu Ende gedacht. Bei Zwischenspielen und am Ende blendet er Theatertexte von Botho Strauß ein und nimmt damit jeder Kritik den Wind aus den Segeln. Er erinnert mit den Texten daran, dass auch ein Mammut-Werk wie Wagners Ring, das immer wieder polarisiert und dessen Fans man es nur schwer recht machen kann, letztlich einfach nur eines ist: Theater. Unterhaltung. Eigentlich sollte man all das nicht allzu ernst nehmen. Dies ist ein Ansatz, der Hilsdorf schon eher hätte einfallen können. So hätte man nämlich auch einen spannenden Ring inszenieren können.

 

Informationen zur Inszenierung

 

Nächste Vorstellungen:
 
Donnerstag, der 1. November 2018
Sonntag, der 18. November 2018
Sonntag, der 25. November 2018

 

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